FAZ 17.01.2026
17:30 Uhr

Biathlon in Ruhpolding: „Komm, der olympische Traum lebt, gib Gas!“


In die Freude über David Zobels Leistung im Sprintrennen von Ruhpolding mischt sich bei den deutschen Biathleten Ernüchterung. Die Favoriten auf olympische Einzelmedaillen sind offensichtlich andere.

Biathlon in Ruhpolding: „Komm, der olympische Traum lebt, gib Gas!“

Als David Zobel gewahr wurde, dass er nicht nur der Ziellinie immer näher kam, sondern auch seinem lang gehegten Traum, mobilisierte er noch einmal unerwartete Kräfte. Souverän hatte der Biathlet zuvor alle fünf Scheiben getroffen, im Liegend- und im Stehendschießen, und als diese Pflicht erfüllt war, erlaubte er sich auf den letzten der zehn zu absolvierenden Kilometern einen Gedanken: dass dies für ihn ein richtig gutes Sprintrennen werden würde. „Die Schlussrunde war hart, aber ich wusste, es geht in die richtige Richtung“, sagte Zobel später, „da habe ich mich selbst angefeuert: Komm, der olympische Traum lebt, gib Gas.“ Als am Ende des Rennens der neunte Platz für den gebürtigen Bayern in der Ergebnisliste stand, hatte er damit auch die nationale Qualifikationsnorm für die Olympischen Winterspiele erfüllt. Damit komplettiert er ein deutsches Quartett, das seine Zulassung für den Saisonhöhepunkt in Südtirol bereits sicher hat. Für Zobel, der in Oberhof lebt und trainiert, werden es die zweiten Spiele, schon 2022 war er in China als Ersatzmann dabei. „Peking war eine unfassbar coole Erfahrung, das hat mich gekitzelt“, sagte er nun in Ruhpolding, „aber ich wollte auch Rennen laufen und über den Sommer war mein Ziel ganz klar: Olympia.“ Nun mit der erfüllten Norm dazustehen, in guter Form am Schießstand und in der Loipe, gebe ihm sehr viel Selbstvertrauen. Die Wahrscheinlichkeit, dass er im Antholzer Tal diesmal auch tatsächlich olympische Rennen laufen darf, ist hoch, denn außer ihm haben in Philipp Nawrath, Philipp Horn und Justus Strelow nur drei weitere Deutsche die Norm erfüllt. Fünf Quotenplätze hat der Deutsche Skiverband (DSV) bei den Winterspielen im Biathlon, allerdings nur je vier Startplätze pro Rennen. Wer der fünfte Mann in Norditalien werden wird, steht noch nicht fest. Am 8. Februar beginnen die Wettkämpfe der Biathleten. Zwei Strafrunden und eineinhalb Minuten Rückstand Was indes feststeht und in Ruhpolding deutlich wurde: Die deutschen Starter zählen dort in den Einzelrennen eher nicht zu den Medaillenkandidaten. Lediglich zwei Podestplätze haben sie in dieser Saison bisher erreicht: einen zweiten Platz durch Philipp Nawrath in Oberhof vor einer Woche und einen dritten durch Philipp Horn in Hochfilzen Mitte Dezember. Und auch im aktuellen Sprint von Ruhpolding war Zobels neunter Platz das beste Ergebnis aus deutscher Sicht. Obwohl er ohne Strafrunde durchkam, betrug sein Rückstand auf den Sieger, Sebastian Samuelsson aus Schweden, 47,6 Sekunden. Nawrath wurde mit einem Schießfehler Elfter, Lukas Fratzscher, dem die Norm noch fehlt, landete nach zwei Strafrunden auf Platz 28 – mit eineinhalb Minuten Rückstand auf Platz eins. Hoffen auf den „Sahne-Tag“ „Da muss man echt einen Sahne-Tag erwischen, dass man ganz vorne drin landet“, erkannte Philipp Nawrath. Als Zehnter des Gesamtweltcups hat er wohl noch die größten Ambitionen auf eine Einzelmedaille im deutschen Team. Dennoch sieht er die starke Konkurrenz als „Ansporn und Motivation, nochmal einen draufzulegen und das Training durchzuziehen“. Bis zum Beginn der Winterspiele sei es noch eine lange Strecke, auf der er „ein paar Körner“ finden wolle. Nach dem dritten Platz in der Staffel von Ruhpolding am Donnerstag folgte im Sprint die Ernüchterung, trotz der Freude über Zobels individuelle Leistung. Mit Blick auf die Spiele gibt sich Felix Bitterling, der Sportdirektor der deutschen Biathleten, gewohnt optimistisch: „Ich glaube, wir müssen uns nicht kleiner machen, als wir sind.“ Doch der Funktionär sah auch das Offensichtliche: „In Ruhpolding geht es nur über die Null am Schießstand.“ Ohne seine Strafrunde hätte Nawrath durchaus die Chance auf einen Platz auf dem Podium gehabt, denn auch manche Konkurrenten patzten. Der Italiener Tommaso Giacomel, Führender des Gesamtweltcups, wurde mit einem Fehler Zweiter, der junge Franzose Eric Perrot traf ebenfalls einmal daneben, wurde aber noch Fünfter. „Der ein oder andere internationale Top-Konkurrent hat uns heute die Tür aufgemacht“, sagte Bitterling, „wir müssen aber selber durchgehen. Es wird uns keiner die Medaille schenken.“