Null Komma drei Sekunden trennten Dorothea Wierer vom Rest des Feldes und einer neuen Biathlon-Generation. Ein Augenblick nur, und doch ein Moment mit großer Symbolik: Seht her, „Doro“ ist noch da – oder wieder? Als die italienische Biathletin am Dienstag die letzten Kilometer im Einzelrennen von Östersund antrat, lief die Uhr gegen sie. Die Finnin Sonja Leinamo hatte vor ihr das Rennen mit nur einem Schießfehler beendet und musste nun im Zielbereich tatenlos zusehen, wie die Sekunden herunterliefen. Als Wierer ins Ziel hechtete, merkte Leinamo: das wird nichts mit meinem ersten Weltcup-Sieg. Stattdessen wurde es der 19. für Dorothea Wierer. Ihr erster seit März 2023. Zwölf Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen Wierer, 35, und Leinamo, 23. Weder die junge Finnin noch die drittplatzierte Französin Camille Bened, 25, standen jemals zuvor in einem Weltcup-Rennen auf dem Podium. Neun Sekunden betrug nach dem letzten Stehendschießen Leinamos Vorsprung auf Wierer, die nach ihr gestartet war und zwei Scheiben im Liegen verfehlt hatte. Doch die Italienerin drehte auf den letzten Kilometern noch einmal auf. „Das ist wirklich verrückt“, wunderte sie sich später: „Ich bin etwas angeschlagen aufgewacht und habe die ganze Nacht nicht geschlafen. Ich hatte so viele Dinge im Kopf.“ Für die Südtirolerin hätte ihre wahrscheinlich wichtigste Saison wenig besser beginnen können. Zweimal wurde sie in Schweden Zweite mit den Staffeln, dann folgte der Sieg im Einzel über 15 Kilometer, mit dem sie das Gelbe Trikot der Führenden im Gesamtweltcup übernahm. „Dieser Sommer war einer der härtesten in all den Jahren, deshalb bin ich wirklich glücklich“, sagte sie danach. Alles ordnet sie einem Ziel unter: den Olympischen Winterspielen in ihrer Heimat, dem Antholzer Tal. Ein Olympiasieg fehlt in ihrer Titelsammlung. Viermal war sie Weltmeisterin, zweimal gewann sie den Gesamtweltcup, drei Bronzemedaillen sammelte sie bei Olympischen Spielen. 2014 in Sotschi war sie zum ersten Mal dabei. Dieser Winter soll noch einmal ihrer werden: „Ich kann es nicht erwarten“, sagte sie vor der Saison im Interview mit dem Weltverband IBU. „Es ist ein einmaliges Event und nicht viele Athleten haben die Chance, bei Olympischen Spielen in der Heimat, wo man aufgewachsen ist und zum ersten Mal auf Skiern stand, anzutreten.“ Zahlreiche Verpflichtungen gehen für sie damit einher, Termine rund um die Spiele, vieles zerrt an ihr. Sie kennt das und hat gelernt, mit dem Erwartungsdruck umzugehen. Im Februar 2020, bei der WM in Antholz, wurde sie zum umjubelten Star, gewann zwei Gold- und zwei Silbermedaillen und löste einen Hype aus, der bis heute anhält. „Legendaria Dorothea“ schrieb Eurosport nach ihrem jüngsten Sieg in Östersund. Sie hält nicht nur die Jüngeren in Schach Um den Kopf frei zu haben für die Olympia-Vorbereitung, legte sie sich viele Termine in den Mai und stieg erst im Juni voll in das Training ein. Der Plan geht bisher auf: Sie hält nicht nur die Jüngeren in Schach, sondern auch die Besten der Vorsaison, die ihr den Erfolg gönnen. „Ich mag sie echt gern, sie ist eine coole Socke, der absolute Killer, wenn es um die Wurst geht. Da hat sie mir schon sehr oft imponiert“, sagt Franziska Preuß über Wierer, die für sie mehr als eine Sportkameradin ist. Die Bayerin und die Südtirolerin gehören seit mehr als einem Jahrzehnt zum Biathlon-Weltcup, beide wissen, wie es ist, wenn der Körper nicht so will, wie der Kopf es gern hätte. Im Sommer haben sie gemeinsam trainiert. Preuß merkte in Antholz schnell, welche Bedeutung die Kollegin für ihren Sport hat: „Überall ist Doro gebrandet“, sagte Preuß. „Ich würde es ihr wirklich wünschen, dass sie da ihren Traum verwirklichen kann. Keiner würde ich eine Medaille so sehr gönnen wir ihr. Sie hat ihr normales Leben zurückgesteckt für dieses Ziel.“ „Jetzt bin ich immer noch dabei“ Der Wille, in Antholz noch einmal zu triumphieren, treibt Wierer an. Schon oft spielte sie mit dem Gedanken aufzuhören. „Ich habe mir immer gesagt, dass ich mit 30 damit durch sein werde – und jetzt bin ich immer noch dabei“, sagte sie kürzlich. Wenn Dorothea Wierer zu einem Pressegespräch lud, lag die Vermutung nahe, dass sie Neuigkeiten über ein mögliches Karriereende zu verkünden hat. Und weil sie eine der bekanntesten Vertreterinnen ihres Sports ist, folgten Journalisten ihrer Einladung immer neugierig. So zum Beispiel im vergangenen Februar während der WM in der Schweiz. „Dorothea Wierer steht nach dem heutigen Training für Fragen zur Verfügung“, lautete die nüchterne Ankündigung. Bis dahin war es nicht ihre WM gewesen, Atemprobleme machten ihr zu schaffen. Nach Platz 21 im Sprint beendete sie die erste WM-Woche vorzeitig, um sich auszukurieren. Das und der Umstand, dass sie zu einem außerordentlichen Pressetermin einlud, ließ nichts Gutes vermuten. Doch stattdessen lautete ihre Botschaft: Ich bin wieder da! „Bitte gebt mir noch zwölf Monate“, sagte sie mit Blick auf Februar 2026. Dass sie bis dahin weitermachen will, hatte sie schon im Jahr zuvor betont, als sie die Saison, ebenfalls wegen gesundheitlicher Probleme, vorzeitig abbrechen musste. So wollte sie ihre Karriere nicht beenden: „Es wäre schade gewesen, einen Teil meines Lebens auf diese Weise zu beenden, ohne 100 Prozent geben zu können.“ Dorothea Wierer war nie wirklich weg, und jetzt ist sie wieder richtig da. Ende der vergangenen Saison stülpten ihre Kolleginnen und Kollegen ihr das „silberne Trikot“ über, eine Auszeichnung für die besten Athletinnen und Athleten im Alter von über 33 Jahren. In Östersund strahlt sie nun im Gelben Trikot. Das trug bis dahin Franziska Preuß. Die Verfolgungsweltmeisterin hat noch nicht wieder in die richtige Spur gefunden, genau wie ihre Teamkolleginnen. Insgesamt 39 Fehler schossen die deutschen Athletinnen im Einzelrennen, Preuß wurde 29. An diesem Freitag steht mit dem Sprint schon das nächste Rennen an (16.00 Uhr im ZDF und bei Eurosport). Doch in den Fernsehinterviews war eine gewisse Verunsicherung und Ratlosigkeit zu vernehmen. „Platz 29, das ist einfach nicht gut genug“, sagte die Bayerin. Sie sei noch nicht in Bestform, was aber auch nicht der Plan gewesen sei, stattdessen sich bis zum Beginn der Spiele Woche für Woche zu steigern – bis zu ihrem persönlichen Ziel, auf das sie mit Dorothea Wierer hintrainiert hat: eine olympische Einzelmedaille in Antholz.
