Die letzten Seiten von Franziska Preuß’ Album der schönen Erinnerungen an ihre Biathlon-Karriere werden nicht leer bleiben. Noch in diesem Winter wird die 31 Jahre alte Bayerin ihre Laufbahn mit Gewehr und Langlauf-Ski beenden. Sie tritt in Südtirol an, um ihre bisherigen, weniger schönen Erfahrungen mit Olympischen Spielen durch bessere zu übertünchen. Ihre Medaillensammlung hat sie an diesem Sonntag um eine Trophäe erweitert. Nicht ohne Dramatik am Schießstand. Erst mit der vorletzten von acht Patronen traf sie ins Schwarze, verhinderte eine zweite Strafrunde und sicherte ihrem Team Bronze in der Mixed-Staffel. Wem ihr erster Dank dafür galt, wiederholte sie nach dem Rennen vor jedem Mikrofon: „Die drei vor mir haben einen grandiosen Job gemacht“, sagte Preuß, „das hat uns wirklich gerettet.“ Ihre Teamkollegen Justus Strelow, Philipp Nawrath und Vanessa Voigt hatten zuvor alle Scheiben getroffen und ihrer Schlussläuferin keinen allzu großen Rückstand auf die Spitze hinterlassen. Auch Preuß legte gut los, setzte im Liegen fünf Treffer, ehe es zum Stehendschießen kam. „Diese Medaille ist wirklich sehr besonders“ Vorne wurde das französische Team seiner Favoritenrolle gerecht. Das Quartett um Éric Perrot, Quentin Fillon Maillet, Lou Jeanmonnot und Julia Simon gewann mit knapp 26 Sekunden Vorsprung. Schlussläuferin Simon konnte ihre Schießstärke beim letzten Schießen in aller Ruhe ausspielen. Bevor ihre Verfolgerinnen eintrafen, setzte sie alle fünf Schuss zügig ins Ziel und zog davon. Die Italienerin Lisa Vittozzi folgte Preuß beim letzten Staffelwechsel auf dem Fuß und überholte sie bald. Als dritte Verfolgerin mischte die junge Norwegerin Maren Kirkeeide mit auf der Jagd nach Silber und Bronze. Vittozzi aber verweigerte sich diesem Dreikampf. Als Einzige des Trios traf sie beim letzten Schießen alle Scheiben und war schon weit voraus auf dem Weg zur Silbermedaille, während Preuß und Kirkeeide versuchten, Strafrunden zu vermeiden, was der Deutschen nur etwas – aber entscheidend – besser gelang. Als Preuß die 150 Extrameter überwunden hatte, musste die Norwegerin noch eine weitere Runde drehen und konnte die Konkurrentin auf dem Weg zu Bronze nicht mehr einholen. „Diese Medaille ist wirklich sehr besonders“, betonte Preuß, „die Mixed-Staffel ist extrem umkämpft, weil so viele starke Teams dabei sind.“ Vor dem Rennen hatte sie ihrem Quartett allenfalls eine Rolle als „Underdog“ eingeräumt. Mit der Medaille um den Hals sprach sie später von der Bedeutung dieser Platzierung gleich im ersten olympischen Rennen: „Die Erleichterung ist jetzt erst mal groß. Wir versuchen, auf dieser Welle weiterzusurfen.“ Jubel der Italiener bringt Preuß aus dem Konzept Ganz anders als in bisherigen Mixed-Staffeln, sowohl bei den Olympischen Spielen als auch im Weltcup zum Auftakt dieser Saison, lief das deutsche Team von Beginn an in der Spitze des Feldes. Keinerlei Unsicherheit am Schießstand, weder im Liegen noch im Stehen, waren bei Strelow, Nawrath und Voigt zu beobachten. „Wir haben vermutet, dass es so laufen wird, dass du frühe Fehler vermeiden und dabeibleiben musst“, sagte Felix Bitterling, Sportdirektor des Deutschen Skiverbandes. „Hintenraus war es ein brutal spannendes Shootout. Das letzte Schießen wird der Franzi sicher nicht geschmeckt haben. Aber ich sehe es so, dass der letzte Schuss, den sie trifft, die Medaille entschieden hat. Sie hat den gleichen Anteil daran wie alle anderen. Das ist einfach ein Riesen-Tag für uns.“ Dass Lisa Vittozzi ihre Serie so schnell beendete und die italienischen Fans in Jubelstürme ausbrachen, habe sie aus dem Konzept gebracht, erklärte Preuß ihre Schwierigkeiten am Schießstand: „Als die Lisa rausgegangen ist, habe ich es nicht geschafft, die Gedanken zu kontrollieren. Ich war nur froh, dass der Vorsprung auf Norwegen so groß war.“ Frankreich unterstreicht seine Favoritenrolle Mit den führenden Athleten im Gesamtweltcup der Männer und Frauen, Éric Perrot und Lou Jeanmonnot, mit dem zweimaligen Olympiasieger Quentin Fillon Maillet und der zehnmaligen Weltmeisterin Julia Simon war das französische Quartett ins Rennen gegangen und siegte ohne Strafrunde. Bis zu zehn Medaillen in den elf Biathlon-Wettbewerben traut die Sport-Tageszeitung „L’Équipe“ den französischen Biathleten bei diesen Winterspielen zu. Eine realistische Prognose nach diesem Auftakt. Auch die italienische Mannschaft will vor heimischer Kulisse maximalen Erfolg. Dorothea Wierer und Lukas Hofer stammen aus dem Antholzer Tal, wo die Wettkämpfe bis zum 22. Februar stattfinden. Von dem Wirbel um ihr Team ließen sie sich nicht maßgeblich ablenken. Ihre Kameradin Rebecca Passler war kurz vor Beginn der Spiele wegen eines positiven Dopingtests suspendiert worden. Ob die 24 Jahre alte Antholzerin doch noch ein Rennen in ihrer Heimat erleben wird, ist unklar. Sie geht vor dem internationalen Sportschiedsgericht gegen ihre Sperre vor. Die Verhandlung darüber ist für diesen Dienstag angesetzt.
