Für Franziska Preuß wird es kein Trost sein, doch sie ist in prominenter Gesellschaft. Nicht nur die deutsche Biathletin schoss am Mittwoch im olympischen Staffelrennen so viele Fehler, dass sie eine Strafrunde drehen musste, sondern auch Dorothea Wierer. Die Südtirolerin, deren Bilder auf Shuttlebussen das Antholzer Tal auf und ab fahren, erlebt wie Preuß die letzten Olympischen Spiele ihrer langen und erfolgreichen Karriere als Sportlerin – unter maximalem Erwartungsdruck. Beide Frauen haben vor den Wettkämpfen angekündigt, sich mit schönen Erlebnissen, mit Medaillen, von diesem Ereignis verabschieden zu wollen. Keiner würde sie eine Medaille in Südtirol, Wierers Heimat, mehr gönnen als ihr, sagte Preuß vor den Spielen. Und Wierer konnte es kaum erwarten, dort anzutreten, wo sie zum ersten Mal auf Skiern stand. Ihr halbes Leben auf Langlauf-Ski Für beide begannen die Wettkämpfe auf dem Podium: In der Mixed-Staffel gewann Wierer Silber mit Italien, Preuß Bronze mit Deutschland. Für das Siegerselfie lachten sie in die Kamera. Wierer, 35, und Preuß 31, haben ihr halbes Leben auf Langlauf-Ski gestanden, 13 Jahre zusammen im Weltcup immer wieder das Kleinkaliber-Gewehr geschultert, die Winter bei Wettkämpfen verbracht, die Sommer in Trainingslagern, sind Weltmeisterinnen geworden. In der Frauen-Staffel aber scheiterten beide. So groß die Sehnsucht nach Erfolg ist, so präzise die Vorbereitung – die Olympischen Spiele, mit allem Stress und Erwartungsdruck, den sie mit sich bringen, sind ein unkontrollierbarer Ausnahmezustand für Körper und Geist der Athletinnen. Wird sich ihr Wunsch noch erfüllen, mit einem guten letzten Rennen an diesem Samstag im Massenstart (14.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu den Olympischen Spielen, in der ARD und bei Eurosport) von der Olympia-Bühne abzutreten? Sollten sich beide für eine Teilnahme entscheiden, würden sie vor dem Startschuss nebeneinander stehen. Nach der Staffel ließen ihre Reaktionen Schlüsse zu, was in ihnen vorgeht, wie sehr sie alles belastet. Wierer, in Bruneck, nicht weit von der Südtirol-Arena entfernt geboren, stellte sich den Fragen der Reporter, sprach von Schlafproblemen, Erschöpfung, und dem Glück, dass vor dem Finale zwei Ruhetage liegen. Noch einmal wolle sie ihr Bestes geben. Und dann, wenn es vorbei ist? „Vielleicht werde ich weinen, vielleicht werde ich lachen. Ich weiß es nicht.“ Franziska Preuß floh aus dem Stadion, packte ihre Sachen, ein Schal verdeckte ihr halbes Gesicht, suchte ein Schlupfloch in der Streckenbegrenzung, um nicht vor Kameras und Mikrofone treten zu müssen. Ein Arzt begleitete sie in die Katakomben. Wer mochte es ihr verdenken? Welche Worte könnten beschreiben, wie es sich anfühlt, wieder und wieder daran zu scheitern, was man doch gut kann? Erst in einem am Donnerstagabend verschickten Statement des Deutschen Skiverbandes erklärte sie: „Gestern war natürlich kein schöner Tag. Gerade bei einer Staffel ist das immer besonders hart. Mir tut es wahnsinnig leid für die anderen drei Mädels und auch für das ganze Team.“ Die Nerven zu behalten, wenn es beim letzten Stehendschießen um Gold oder Blech geht, hat sie in der vergangenen Saison zum WM-Titel und zum Sieg im Gesamtweltcup geführt. In diesem Jahr ist es ihre größte Schwäche. Wie erklärt sie sich das? Ende November, Saisonauftakt in Östersund: Preuß schießt in der Frauen-Staffel als Schlussläuferin eine Strafrunde. Anfang Januar, Frauen-Staffel in Oberhof: Preuß verhindert als Schlussläuferin erst mit der dritten Nachladepatrone eine Strafrunde. Eine Woche später, Frauen-Staffel in Ruhpolding: Preuß schießt als Schlussläuferin eine Strafrunde. Mitte Februar, Mixed-Staffel in Antholz: Preuß schießt als Schlussläuferin eine Strafrunde, verhindert aber eine zweite und sichert den Bronzerang im Duell mit Norwegen. Auch in den folgenden Einzelrennen verhindern Schießfehler im letzten Stehendanschlag den Medaillenerfolg. Von einem Trauma könnte man hier sprechen, einer Erfahrung, die im Unterbewusstsein hängen bleibt. Als Konsequenz stellte das Trainerteam die Taktik für die olympische Frauen-Staffel um. Preuß lief an zweiter Position, um sie, wie Sportdirektor Felix Bitterling sagte, aus der Drucksituation der Schlussläuferin herauszunehmen. Der Plan scheiterte. Preuß stand als Führende allein am Schießstand und kam als Zwölfte aus der Strafrunde. Als auch der letzte Nachlader nicht ins Schwarze traf, ging Bitterling hinter der Bande in die Knie. Eine Erklärung für das immer wiederkehrende Scheitern fand sie auch einen Tag später nicht: „Man probiert jedes Mal wieder etwas Neues, baut sich wieder auf, und trotzdem ist es dann oft wie ein Blackout, sobald ich auf der Matte stehe. Das ist natürlich nicht schön und tut weh.“ Der Sportdirektor erinnerte daran, dass Preuß es zuletzt immer wieder gelungen sei, sich aus den Löchern auszugraben und sich auf den nächsten Wettkampf vorzubereiten. „Ich hoffe, das gelingt ihr vor dem Massenstart auch.“ Bundestrainer Kristian Mehringer wollte nicht von Schuldzuweisungen sprechen, wies auf die starken Leistungen der jungen Julia Tannheimer und Schlussläuferin Vanessa Voigt hin, deren Laufen und Schießen immerhin Platz vier rettete. Doch auch Mehringer, der Preuß lange kennt, wirkte ratlos beim Blick auf seine erfahrenste Athletin: „Da muss ein bisschen Zeit vergehen“, sagte er. „Natürlich ist sie fertig. Wir haben sie versucht zu trösten.“ Aber: „Für uns ist wichtig, dass sie den Reset-Knopf drückt und ohne große Erwartungshaltung den Massenstart angeht, es genießt. Es würde mich freuen, wenn sie das letzte olympische Rennen nochmal gut absolviert.“ Wenigstens das könnte ein Trost für Franziska Preuß sein: Es kann nur besser werden. Sie wolle nun „alles versuchen, damit ich am Samstag wieder mit einem Lächeln am Start stehe und einfach die Freude am Biathlon wieder spüre.“ Wenn sie abermals scheitern sollte, würde das niemanden überraschen. Sie muss nicht mehr die Erwartungen anderer erfüllen, kann nur noch für sich laufen und treffen. Sie hat selbst in der Hand, mit welchen Erinnerungen sie das Antholzer Tal verlassen wird.
