FAZ 18.02.2026
11:35 Uhr

Biathletin Julia Simon: Den Preis für den Betrug zahlen die anderen


Die französischen Biathletinnen dominieren bisher die Wettkämpfe. Doch Julia Simons Kreditkartenmissbrauch belastet das Team. Das Opfer ihres Betrugs ist völlig von der Rolle.

Biathletin Julia Simon: Den Preis für den Betrug zahlen die anderen

Es könnte alles schön sein im Königreich des Biathlons. Die Athletinnen und Athleten des französischen Skiverbandes (FFS) sind bisher die erfolgreichsten bei den olympischen Wettkämpfen im kombinierten Schießen und Langlaufen. Vor allem die Frauen überzeugten in Antholz bisher in allen Disziplinen: Julia Simon und Lou Jeanmonnot als Teil der siegreichen Mixed-Staffel, Simon als Olympiasiegerin im Einzel, Jeanmonnot als fleißigste Medaillensammlerin mit Silber und Bronze in Sprint und Verfolgung. Dazu ein zweiter Platz von Océane Michelon und Rang sechs für Camille Bened. Schier unendliche Geschichte für Justine Braisaz-Bouchet Das Quartett für die Frauen-Staffel an diesem Mittwoch (14.45 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) stellte sich quasi von selbst auf. Doch auf allen Erfolgen lastet weiter die schier unendliche Geschichte, die Justine Braisaz-Bouchet, eine der erfolgreichsten Biathletinnen der vergangenen Jahre, nun einen würdevollen Abschied von ihren letzten Olympischen Spielen kosten könnte. Die Hoffnung, dass mit Julia Simons Verurteilung im vergangenen Oktober wegen Kreditkartenbetrugs Ruhe in das französische Frauen-Team einkehren würde, zerschlug sich. Die Neunundzwanzigjährige hatte die Karte von Justine Braisaz-Bouchet und eines weiteren Teammitglieds für Internetkäufe genutzt, unter anderem während eines Trainingslagers im Sommer 2022. Simon stellte sich zuerst selbst als Opfer dar, behauptete, ihr Name sei ohne ihr Wissen missbraucht worden. Vor Gericht gestand sie aber und bat ihre Opfer um Entschuldigung. Eine Erklärung für ihre Taten habe sie nicht, sprach von einem „Blackout“. Sie wurde zu einer dreimonatigen Haftstrafe auf Bewährung und zu einer Geldstrafe verurteilt. Die Ermittlungen, die sich über drei Jahre zogen, belasteten die Stimmung im Team, auch wenn kaum Informationen darüber nach außen drangen. Immer wieder betonten die Trainer und der Teamchef, es handele sich um eine interne Sache, die intern geklärt werde. Der Verband äußerte sich nur spärlich. Als das Urteil gefallen war, veröffentlichte die FFS ein Statement. „Ehrlich gesagt, finde ich das widerlich“ Darin hieß es, man nehme Simons Verurteilung zur Kenntnis und werde „weiterhin alle notwendigen Maßnahmen ergreifen, um die Interessen der Athleten, des Trainerteams und die Teamdynamik zu schützen“. In den vorangegangenen zwei Jahren sei in Zusammenarbeit mit den Trainern sichergestellt worden, „dass dieser Vorfall weder die individuelle sportliche Entwicklung der Athleten noch das Funktionieren des Teams beeinträchtigt“. Dieses Vorhaben funktionierte mäßig. Der Verband schloss Simon nach der Verurteilung zwar für sechs Monate von Wettkämpfen und Trainingslagern aus, davon aber fünf Monate auf Bewährung. Mitte Dezember kehrte sie in den Weltcup zurück. Ihre Ergebnisse in Hochfilzen, Platz 19 im Sprint und 21 in der Verfolgung, waren nicht aufsehenerregend. Vielmehr das, was Lou Jeanmonnot der französischen Sport-Zeitung „L’Équipe“ berichtete: „Justine bezahlt sehr teuer für etwas, dessen Opfer sie geworden ist.“ In der Woche vor Simons Weltcup-Rückkehr habe Braisaz-Bouchet in den Sozialen Netzwerken Morddrohungen gegen ihre drei Jahre alte Tochter erhalten. „Ehrlich gesagt, finde ich das widerlich“, sagte Jeanmonnot. Sie und Braisaz-Bouchet sind enge Freundinnen. Die Stimmung im französischen A-Team, erzählte Jeanmonnot, habe sie sich in ihrer Jugendzeit anders vorgestellt. Damals sei sie noch mit ihren Freundinnen zum Training gegangen. Das sei heute nicht mehr so. Aber: „Wir haben gelernt, mit dieser Situation umzugehen.“ „Ich nehme die Situation so an, wie sie ist“ Dass die Frauen das können, haben sie im vergangenen Februar gezeigt, als sie zusammen Staffel-Weltmeisterinnen wurden. Jetzt, in Antholz, wirkt Justine Braisaz-Bouchet aber völlig von der Rolle. Platz 80 im Einzel mit acht Schießfehlern, Platz 62 im Sprint mit vier Fehlern, für die Verfolgung gar nicht erst qualifiziert – das ist die bisherige Olympia-Bilanz der Neunundzwanzigjährigen. Ihren Startplatz im Massenstart am Samstag, in dem sie vor vier Jahren Olympiasiegerin geworden war, verliert sie wohl, weil ihre Teamkolleginnen in Antholz besser waren. Weder in der Mixed-Staffel wurde sie aufgestellt noch für die Frauen-Staffel nominiert. Vor der Saison war Braisaz-Bouchet in einem Film der Internationalen Biathlon-Union gefragt worden, wie sie mit Druck umgehe. Sie überlegte lange und sagte dann: „Gar nicht.“ Dann machte sie wieder eine Pause, ehe sie antwortete: „Ich akzeptiere ihn, so wie ich akzeptiere, dass meine Beine schmerzen, dass ich müde bin. Ich nehme die Situation so an, wie sie ist.“ Julia Simon, das bestätigen die Eindrücke von Antholz, scheint diejenige zu sein, die sich besser mit der Situation arrangiert hat. Nach ihrem Olympiasieg im Einzel vergangene Woche wurde sie gefragt, wie es ihr gelungen sei, all den Trubel um ihre Person und ihre Taten auszublenden. „Ich fokussiere mich allein auf meinen Sport“, antwortete sie, „ich spüre den Druck, aber ich hatte dieses Ziel, hier zu gewinnen. Darin habe ich all meine Energie gesteckt.“ Nach ihrem Triumph äußerte Simon einen Wunsch, der darauf schließen ließ, dass sie das Geschehene doch nicht so kaltlässt, wie sie sich am Schießstand gibt: „Ich möchte jetzt gern in Frieden gelassen werden.“ Ein Wunsch, den sie wohl mit Justine Braisaz-Bouchet teilt. Sie hat ihre Social-Media-Accounts gelöscht, Interviews geht sie aus dem Weg. Im Grunde haben die beiden Frauen noch mehr gemein. Sie stammen aus den Savoyer Alpen, starten für den Skiklub Les Saisies. Beide ziehen sich gern in die Berge zurück. Simon widmet sich in ihrer Freizeit Holzarbeiten in ihrer Werkstatt. Braisaz-Bouchet sagt, sie nutze die freie Zeit am liebsten, um mit ihrer Familie draußen in der Natur zu sein. Ihre Eltern, ihren Mann, die gemeinsame Tochter – sie alle zählt Braisaz-Bouchet immer wieder auf, wenn sie erklärt, wie sie sich von allem ablenke, was auf sie eingeprasselt ist. Selbst wenn die Ereignisse sie nun abermals zum Opfer machen, weiß sie, wer sie auffängt: „Außerhalb der Arena“, sagt Justine Braisaz-Bouchet, „verbringe ich meine Zeit nur mit positiven Menschen.“