Dieser Junge konnte doch nur Biathlet werden. Die Mutter Norwegerin, der Vater Franzose. Beide waren früher Spezialisten im kombinierten Schießen und Langlaufen, der Onkel auch. „Ich habe es im Blut“, sagt Eric Perrot. Mit dem Skilaufen habe er so früh wie möglich angefangen, und es dauerte nicht lange, da übte er mit einem Spielzeuggewehr, aus dem Pfeile schossen. Heute ist Eric Perrot einer der besten, viele sagen der kompletteste Biathlet der Welt. Im vergangenen Jahr, da war er 23 Jahre alt, wurde er Einzel-Weltmeister, jetzt führt er den Gesamtweltcup an. In seiner Heimat Frankreich nennen sie ihn „le collectionneur“ (L’Équipe), den „Sammler“, weil er bei seinen ersten Olympischen Spielen schon drei Medaillen gesammelt hat. „Der Kollege wird uns noch große Probleme bereiten“ Vor Beginn dieser Saison, der ersten nach dem Karriereende des langjährigen Biathlon-Dominators Johannes Thingnes Bö, war in der Szene immer wieder diskutiert worden, wem es wohl gelingen könnte, zumindest annähernd an die Erfolge des Norwegers heranzukommen. Oft fiel dabei der Name Eric Perrot. „Ich befürchte, dass uns der Kollege noch große Probleme bereiten wird“, sagte etwa der deutsche Sportdirektor Felix Bitterling. „Er macht schon viele Dinge anders als die Konkurrenz. Der ist leider cool und gut, das ist eine Kombi, die meistens sehr zugunsten eines Athleten ausgeht.“ Vor den Winterspielen veröffentlichte die ARD eine sehenswerte, dreiteilige Dokumentation über den langjährigen Zweikampf der „Könige des Biathlons“ (verfügbar in der Mediathek). Der Franzose Martin Fourcade und der Norweger Johannes Thingnes Bö haben den Sport in den vergangenen 15 Jahren geprägt. Fourcade wurde sechsmal Olympiasieger, Bö fünfmal. Dem Vergleich mit den beiden muss sich Eric Perrot immer wieder stellen. Zu Recht, meint Fourcades Bruder Simon im Gespräch mit der F.A.Z. Simon Fourcade ist Nationaltrainer der französischen Biathleten, hat Perrot an den Weltcup herangeführt. „Eric steht am Anfang seiner Karriere“, sagt er, „wir müssen abwarten, ob er dahin kommt, wo mein Bruder war.“ „Er will ein Superathlet sein und Geschichte schreiben“ Aber: „Eric hat große Ambitionen, wie mein Bruder. Er will ein Superathlet sein und Geschichte in seinem Sport schreiben. In der Art und Weise, wie sie Biathlon betreiben, sind sie sich sehr ähnlich.“ Sein Bruder habe schnell schießen, aber ebenso ruhig bleiben können, wenn es darauf ankam, habe sich jeder Situation anpassen können. „Viele Athleten“, sagt Simon Fourcade, „denken zu viel nach. Auch Eric und Martin haben Zweifel, aber sie wissen, wie sie sie ausblenden können.“ Eric Perrot zeichnet aus, dass er schon in so jungen Jahren über großes Selbstvertrauen am Schießstand verfügt. Seine Trefferquote liegt bei 90 Prozent im Stehen und 91 Prozent im Liegen. Mit seinem drahtigen Körper, den langen Armen und Beinen, bringt er perfekte Hebel für das Langlaufen mit. Seine „Coolness“ im Schießen hat er sich auf ungewöhnliche Weise erarbeitet – unter Wasser. „Ich beschäftige mich seit einiger Zeit sehr mit Atemübungen“, sagte Perrot der F.A.Z., „deshalb habe ich vor drei, vier Jahren Tauchen ausprobiert, und das war eine großartige Erfahrung.“ Das Gleiten in der Tiefe helfe ihm, zur Ruhe zu kommen und den Fokus zu finden. „Es geht dabei vor allem darum, so wenig Energie wie möglich aufzuwenden. Das ist etwas, was ich am Schießstand sehr gut nutzen kann.“ Gleich von Beginn der olympischen Wettkämpfe an zahlte sich das Nassmachen für Perrot aus. In Antholz war er schon Teil der siegreichen Mixed-Staffel, im Einzel gewann er die Silbermedaille. Eine goldene in einem individuellen Rennen fehlt ihm noch. An diesem Freitag (14.15 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zu Olympia 2026, im ZDF und bei Eurosport) im Massenstart bietet sich ihm eine neue Chance. „Als ich zur Ziellinie kam, war alle Energie aufgebraucht“ Selbst wenn Perrot es dort nicht mehr aufs Podium schaffen sollte, sind seine Leistungen in Südtirol schon jetzt herausragend. Am Dienstag taumelte er, übermannt von seinen Gefühlen, in den Zielbereich, wo ihn seine Teamkollegen Quentin Fillon Maillet, Émilien Jacquelin und Fabien Claude auffingen, ihm die Ski, Stöcke und das Gewehr abnahmen, ihn drückten und stützten, bis er kraftlos, mit geschlossenen Augen in ihren Armen hing. Als Schlussläufer hatte Perrot die französischen Männer zum ersten Sieg in einem olympischen Staffelrennen geführt. Nicht ohne Fehler, aber mit großer Geduld beim letzten Stehendschießen. Als Führender war er an den Schießstand gekommen, legte zügig los, doch verfehlte zwei Scheiben. Sein Verfolger, der Norweger Vetle Sjaastad Christiansen, baute sich schon neben ihm auf. Perrot atmete durch, fokussierte sich neu, und versenke mit großer Ruhe seine beiden Nachladepatronen. Dass Christiansen alle fünf Scheiben in knapp 20 Sekunden traf, nahm Perrot nur noch im Vorbeirauschen auf der Videotafel wahr – und hetzte davon. Zweieinhalb Kilometer auf der Schlussrunde, gejagt von dem Norweger, hielt Perrot seinen Vorsprung bis ins Ziel. „Es war hart, aber diese Emotionen haben mir so viel Energie gegeben. Vor allem in dem Moment, als ich ins Stadion kam“, sagte er nach dem Rennen. „Als ich zur Ziellinie kam, war alle Energie aufgebraucht.“ Zeit, um bei einem Tauchgang neue Kräfte zu sammeln, bleibt ihm bis Freitag zur Genüge. Der Antholzer See ist zwar zugefroren, aber das Team-Hotel der Franzosen verfügt über ein beheiztes Hallenbad.
