Zu keinem Politiker hat Gianni Infantino, Präsident des Weltfußballverbandes FIFA, so viel Nähe aufgebaut wie zum US-Präsidenten Donald Trump – nun beschert ihm dieses Verhältnis eine Beschwerde bei der Ethikkommission seines eigenen Verbandes. Die Menschenrechtsorganisation FairSquare versendete am Montag ein entsprechendes Schreiben an die FIFA. In der Beschwerde, die der F.A.Z. vorliegt, fordert FairSquare eine Untersuchung verschiedener Verstöße des Präsidenten gegen das Gebot der politischen Neutralität des Verbandes. Diese ist in den FIFA-Statuten vorgeschrieben. Im FIFA-Ethikcode heißt es in Artikel 15: „Personen, die an diesen Kodex gebunden sind, müssen […] politisch neutral bleiben“. Verstöße sollen laut Ethikcode mit einer Geldstrafe von mindestens 10.000 Schweizer Franken und einem maximal zweijährigen Ausschluss von „Aktivitäten im Zusammenhang mit dem Fußball“ sanktioniert werden. Bei wiederholten Verstößen kann die Ethikkommission dem FIFA-Kodex zufolge auch höhere Strafen aussprechen. „Geprägt von Maßnahmen zur Förderung des Friedens“ FairSquare nennt in dem Schreiben insgesamt vier Verstöße Infantinos gegen die politische Neutralität – alle beziehen sich auf sein inniges Verhältnis zu Trump. Der jüngste Verstoß sind demnach Infantinos Aussagen am vergangenen Freitag bei der Vergabe des neu geschaffenen FIFA-Friedenspreises: In einem Video des Verbandes wurden einzelne politische Maßnahmen Trumps gelobt. Es hieß, dessen Präsidentschaft – in die etwa der Beschuss von venezolanischen Booten fällt, die Umbenennung des Verteidigungsministeriums in „Kriegsministerium“, Berichte über die mutmaßliche Folter von aus den USA abgeschobenen Menschen in einem Gefängnis in El Salvador oder die Entsendung von Soldaten in Städte, die von demokratischen Politikern regiert werden – sei „geprägt von Maßnahmen zur Förderung des Friedens“. Anschließend sagte Infantino, Trump könne bei seinen Friedensbestrebungen immer auf die Unterstützung Infantinos und der gesamten Fußballgemeinschaft zählen. Die drei übrigen Verstöße ereigneten sich früher im Jahr, der erste bereits im Januar: „Zusammen werden wir nicht nur Amerika großartig machen, sondern die gesamte Welt“, sagte Infantino damals in einem Instagram-Video, kurz nachdem er von Trump zu dessen Amtseinführung eingeladen worden war. Die Verwendung des Trump-Slogans („Make America great again“), die Verknüpfung mit dem Weltfußball und die dadurch anklingende Unterstützung von Trumps politischer Agenda seien ein Verstoß gegen die Neutralität, schreibt FairSquare. „Wir sollten alle unterstützen, was er tut“ Das Gleiche gilt der Menschenrechtsorganisation zufolge für zwei Statements aus dem Herbst. Anfang Oktober sagte Infantino, der US-Präsident verdiene „definitiv den Friedensnobelpreis“. Einen Monat später, am 5. November, gab die FIFA die Erschaffung eines eigenen Friedenspreises bekannt. Am selben Tag sprach Infantino auf einer Wirtschaftskonferenz in Miami. Dort sagte er, er sei manchmal überrascht, wenn er negative Kommentare über Trump lese, dieser sei schließlich demokratisch gewählt und setze nun um, was er zuvor angekündigt habe. „Ich denke, wir sollten alle unterstützen, was er tut, denn ich finde, es sieht ziemlich gut aus“, schloss Infantino. Die Menschenrechtsorganisation wertet alle vier Aussagen als „klare Verstöße“. Miguel Maduro, früherer Vorsitzender des Governance-Komitees und des Prüfungsausschusses der FIFA, bewertete im Gespräch mit der F.A.S. schon vor der Auslosung insbesondere Infantinos öffentliche Unterstützung von Trumps Politik in Miami sowie die mögliche Vergabe eines Friedenspreises an den Präsidenten als eindeutige Verstöße gegen die Neutralität. Nun muss die Untersuchungskammer der Ethikkommission unter dem Vorsitz von Martin Ngoga aus Ruanda entscheiden, ob sie ein Verfahren gegen Infantino einleitet. FairSquare fordert von der Ethikkommission darüber hinaus eine Untersuchung von Infantinos Rolle bei der Einführung des Friedenspreises. Die Vergabe an einen amtierenden Staatschef sei an sich schon ein Verstoß gegen die politische Neutralität. Die Einführung eines solchen Preises aber hätte eigentlich der FIFA-Rat verantworten müssen. Einem Bericht des Portals The Athletic zufolge, der sich mit F.A.Z.-Informationen deckt, waren Mitglieder des Gremiums allerdings nicht involviert und teilweise überrascht von der Einführung des Preises. FairSquare fordert, dass die Ethikkommission untersucht, ob Infantino den Preis eigenhändig eingeführt hat. Ein FIFA-Sprecher wollte die Beschwerde auf F.A.Z.-Nachfrage am Dienstag nicht kommentieren.
