Wer im Hugendubel in der Frankfurter Innenstadt an das Regal mit der Aufschrift „Architektur“ tritt, der stößt auf ein Buch aus dem kleinen Verlag Henrich Editionen. „Neues Bauen hundert Jahre später“ lautet der Titel. Und im Untertitel heißt es: „Wie saniere ich ein Ernst-May-Haus? Beispiele aus Frankfurt am Main“. Es ist vielleicht die schönste Publikation, die anlässlich der Centenarfeier des Neuen Frankfurt erschienen ist. Sie zeigt, wie lebendig das Interesse an jener Bewegung ist, dank derer die zuvor ziemlich behäbige und vergangenheitsselige Stadt in den Jahren 1925 bis 1930 auf einmal zum Zentrum der Architekturavantgarde in Deutschland wurde und einen riesigen Entwicklungsschritt hin zur modernen Großstadt machte. In Berlin, Stuttgart, Dessau und eben in Frankfurt spielte jetzt die Musik des Fortschritts. Die Reihenhäuser gelten heute als schick Zugleich ist das Buch, das der Architekt Stephan Kummer herausgegeben hat, ein ganz praktischer Ratgeber für Immobilieneigentümer, die ihrer Verantwortung für das Bauerbe gerecht werden wollen, indem sie es denkmalgerecht sanieren. Die Nachfrage nach einem solchen Handbuch wiederum zeugt vom anhaltenden und fürsorglichen Interesse für die Bauten des Neuen Frankfurt. Eine bessere Form von Denkmalschutz lässt sich nicht denken, als wenn sich die Nutzer eines Gebäudes als dessen Pfleger verstehen. In einem der Reihenhäuser der Römerstadt zu leben oder in einer der Wohnungen in der Siedlung Bruchfeldstraße im Stadtteil Niederrad, aufgrund der markanten Staffelung der Baukörper besser bekannt als Zickzackhausen, gilt inzwischen als schick. Und es sind nicht wenige Frankfurter, die sich eines solchen Privilegs erfreuen. Immerhin 12.000 Wohneinheiten, die in der zweiten Hälfte der Zwanzigerjahre im Stadtgebiet entstanden, sind dem Neuen Frankfurt zuzurechnen. Sicher, nicht jede damals entstandene Siedlung ist Teil des Kults; als im Zuge der Weltwirtschaftskrise auch die Frankfurter Stadtfinanzen in Schieflage gerieten, wurden die Planungen etwa für eine Siedlung im Stadtteil Westhausen stark vereinfacht. Aufs Ganze gesehen ist die Präsenz von sorgfältig gestalteten, stadtbildprägenden Gebäuden aus jenen Jahren jedoch enorm. Die Siedlungen, auch Trabantenstädte genannt, waren in die Landschaft komponiert; dank serieller Bauweise waren vergleichsweise günstige Wohnungen entstanden, der Komfort war gleichwohl wesentlich höher als in den oft heruntergekommenen Altstadthäusern. Es herrschte eine Start-up-Atmosphäre Auch Bauten der Bildung, des Sports, der Freizeit und der Wirtschaft, die damals entstanden, sind bis heute in Gebrauch, etwa die Großmarkthalle, inzwischen Teil der EZB-Zentrale, das Gesellschaftshaus im Palmengarten, Schwimmbäder und etliche Bildungsstätten. Besonders für die Schulen gilt, dass sie sich bis heute im Alltag bewähren; ganz zu schweigen davon, dass sie viel ansehnlicher gestaltet sind als jene Modulbauten, mit denen eine überforderte Schulpolitik heute hektisch auf wachsende Schülerzahlen reagiert. Angesichts der aktuellen Selbstblockade des Landes fällt gerade auch in Sachen Wohnungsbau besonders auf, in welcher Menge und in welcher Qualität vor 100 Jahren gebaut wurde – und zwar unter weitaus schwierigeren ökonomischen Bedingungen als heute. Wer sich mit der Geschichte des Neuen Frankfurt beschäftigt, wundert sich über die damaligen Leistungen schon weniger; dann fällt die Energie seiner Initiatoren und die Begeisterungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter auf. Es herrschte eine Art Start-up-Mentalität in den beteiligten Ämtern und städtischen Unternehmen. Die Dynamik des Jahrfünfts zwischen Überwindung der Inflation und Einbruch der Weltwirtschaftskrise, als neue Lebensmodelle und ästhetische Haltungen ausprobiert wurden, ist auch in den Berichten über die Arbeitsatmosphäre in den ganz überwiegend aus jüngeren Fachleuten bestehenden Teams des Neuen Frankfurt zu spüren. Das Beste der kaiserlichen Welt und des Demokratischen kamen zusammen Mit dem gängigen Bild vom Zustand des politischen Systems in der Weimarer Republik lässt sich das nicht so leicht zusammenbringen; man denkt zuerst an den Streit der Parteien im Reichstag und die vielen Regierungswechsel, die das System so viel Kredit kosteten, dass der Aufstieg der Nationalsozialisten unaufhaltsam war. Oft vergessen wird über die Erzählungen von der blockierten Republik, wie tatkräftig die Kommunalpolitiker in vielen Großstädten auch und gerade unter den neuen demokratischen Spielregeln agierten. Der spätere erste Bundeskanzler Konrad Adenauer etwa erwarb sich als Oberbürgermeister von Köln, der seine Stadt mit gewaltigen Investitionen in die Infrastruktur modernisierte, einen glänzenden Ruf. Ludwig Landmann stand ihm darin nicht nach. Im Jahr 1924 zum Oberbürgermeister von Frankfurt gewählt, machte er sich sogleich mit staunenswerter Tatkraft daran, die Stadt umzukrempeln. Es war, als käme das Beste der alten kaiserlichen Welt und des neuen demokratischen Geistes zusammen: Politiker, die sich auf eine sehr leistungsfähige Verwaltung verlassen konnten, verfolgten eine Politik, die die Lebenssituation breiter Bevölkerungskreise zu verbessern suchte. Diese Kommunalpolitiker waren es gewohnt, weitreichende Entscheidungen zu treffen und innerhalb kurzer Zeit umzusetzen. Grenzen setzten ihnen am ehesten die zur Verfügung stehenden Finanzmittel; Bürgerinitiativen, die egoistische Motive mit angeblich höheren Interessen im Sinne des Allgemeinwohls verbrämten, hatten sie nicht zu fürchten. Dass Frankfurt zu einem Zentrum der Moderne wurde, war naturgemäß nicht allein Landmanns Verdienst. Er holte vielmehr andere durchsetzungsstarke Männer (Frauen waren in der ersten Reihe der Kommunalpolitik nicht anzutreffen) an seine Seite. Allen voran Bruno Asch als Kämmerer, der die städtischen Finanzen virtuos beherrschte; es waren vor allem die Einnahmen aus der Hauszinssteuer, dank derer das ehrgeizige Programm des Neuen Frankfurt verfolgt werden konnte. Und dann war da der Architekt und Stadtplaner Ernst May, dem die konkrete Gestaltung des Neuen Frankfurt oblag; er wechselte 1925 als Siedlungsdezernent von Breslau an den Main. Wieso ist das Bauhaus berühmter? Das Triumvirat, das einander vertraute, stemmte in den wenigen ihm vergönnten gemeinsamen Amtsjahren nicht nur das schon beschriebene Bauprogramm. Das Neue Frankfurt war nicht zuletzt ein soziales Projekt. Eine Ausstellung im Museum Angewandte Kunst unter dem etwas albernen Titel „Yes, we care“ erinnert sehr überzeugend an diese oft unterbelichtete Seite. Es waren Jahre des Aufbruchs in der Schulbildung, in der Gesundheitsfürsorge, in der Unterbringung von Alten. Der Ehrgeiz richtete sich jedoch nicht nur nach innen. Die Macher des Neuen Frankfurt verstanden sich als Teil und als treibende Kraft einer internationalen Planer-Elite; vor allem der missionarisch veranlagte Ernst May wollte die Prinzipien seines Programms in die Welt tragen. Es traf sich, dass der charismatische Dezernent ein Meister des Marketings war. Er rief eine Zeitschrift ins Leben, die in der Fachwelt auf ein enormes Echo stieß: „Das Neue Frankfurt“, aufwendig und innovativ gestaltet, erschien von 1926 bis 1931 monatlich. May sorgte auch dafür, dass der zweite Internationale Kongress Moderner Architektur (CIAM) im Jahr 1929 in Frankfurt tagte und nicht etwa in Dessau oder in Berlin. Auf lange Sicht verdrängte allerdings das Bauhaus das Neue Frankfurt, das zunächst viel wirkmächtiger zu sein schien, in die zweite Reihe der Architekturgeschichte. Stellt sich die Frage, warum das so ist. War May ein Meister des Marketings, so war Walter Gropius auch auf diesem Gebiet ein Genie. Anders als May, der angesichts schwindender Gestaltungsmöglichkeiten im Jahr 1930 in die Sowjetunion und später nach Afrika ging, wählte Gropius den Weg nach Amerika, wo er gemeinsam mit Ludwig Mies van der Rohe mit ungeheurer Resonanz an der Legende Bauhaus strickte und stricken ließ. Das Bauhaus hatte sich zudem in Dessau ein ikonisches Lehrgebäude errichtet, während der Entwurf von Martin Elsaesser für eine Frankfurter Kunsthochschule über den Projektstatus nicht hinauskam. Die Bewerbung als Weltkulturerbe scheiterte Anders als dem Bauhaus in Dessau und auch den Siedlungen der Moderne in Berlin ist dem Neuen Frankfurt denn auch der Status des Weltkulturerbes verwehrt geblieben; die entsprechende Bewerbung scheiterte im Jahr 2023 an dem nicht ganz abwegigen Hinweis, dass man damit Varianten von schon Ausgezeichnetem bedenken würde. Man beginnt in Frankfurt, sich damit abzufinden, dass andere in der Bauhistorie einen prominenteren Platz ergattert haben. Viel wichtiger ist ohnehin, dass es in der Stadt oder zumindest bei ihren an Architektur und Stadtplanung interessierten Bürgern so etwas wie einen unaufgeregten Stolz auf das Neue Frankfurt gibt. Im Jahr 2003 wurde die Ernst-May-Gesellschaft gegründet, die das May-Haus betreibt, ein Reihenhaus in der Römerstadt, das im Originalzustand erhalten ist und als Museum dient. Die rührige Gesellschaft, die auf den Einsatz etlicher engagierter Mitglieder bauen kann, tritt mit Publikationen und Veranstaltungen hervor. Eine Martin-Elsaesser-Gesellschaft kümmert sich um die Pflege des Werks des herausragenden Architekten des Neuen Frankfurt. Beiden, Elsaesser (2009) und May (2011), hat das Deutsche Architekturmuseum bedeutende Ausstellungen gewidmet, die ihre Leistungen ins Bewusstsein vieler Bürger gehoben haben. Kann die heutige Generation von Kommunalpolitikern aus den durchaus präsenten Erfolgen des Neuen Frankfurt lernen? In einem Interview mit der „Frankfurter Rundschau“ wurde Oberbürgermeister Mike Josef unlängst gefragt, ob er sich die Möglichkeiten zurückwünsche, mit denen Ludwig Landmann vor 100 Jahren den Umbau der Stadt vorantrieb. Hätte Josef frei heraus antworten können, hätte er wohl „Ja“ gesagt, doch das wäre weder in seiner Partei noch unter den Wählern gut angekommen. So entschied sich der pragmatische Sozialdemokrat für ein nüchternes „Vieles ist heute eben anders“. Architektur könnte der grassierenden Einsamkeit entgegenwirken Tatsächlich muss Josef mit einer ganzen Reihe von Hemmnissen klarkommen: mit einem Magistrat ohne Corpsgeist und wechselseitiges Vertrauen, dessen Mitglieder vor allem darauf achten, die Klientel ihrer jeweiligen Partei zufriedenzustellen; mit einer Verwaltung, deren Führungskräfte sich lieber dreimal absichern, als eine mutige Entscheidung auf eigene Verantwortung zu fällen; mit Bürgern, die zwar laut über steigende Mieten jammern, aber immer dann, wenn in ihrer Nähe ein Bauprojekt geplant wird, alles in Bewegung setzen, um es zu verhindern. Von den ökonomischen Rahmenbedingungen, die Investitionen in den Wohnungsbau kaum noch lohnenswert erscheinen lassen, und von der Vielzahl an gesetzlichen Regelungen ganz zu schweigen. Bleibt zu hoffen, dass nach der Kommunalwahl im März neues Personal in einer neuen Koalition zusammenfindet, die mehr Freude am Gestalten hat. Die Antworten des Neuen Frankfurt auf die Herausforderung seiner Zeit taugen auch für erstaunlich viele Fragen unserer Gegenwart: serielles Bauen, um die Preise zu senken; hohe Verdichtung bei gleichzeitiger Einbettung in Parklandschaften, um die Folgen des Klimawandels zu dämpfen; sorgfältige und abwechslungsreiche städtebauliche Planung, um die deprimierende Monotonie der heutigen Würfelarchitektur – ein von unbegabten Architekten pervertiertes Erbe der klassischen Moderne – zu vermeiden; ein Gespür für die Wichtigkeit von gestalterischen Details, das für das Wohlbefinden der Bewohner wichtiger ist als die Verwendung teurer Materialien; die Einrichtung von Treffpunkten, um der grassierenden Einsamkeit entgegenzuwirken. Damit wäre sehr viel erreicht. Niemand wird noch der Vorstellung anhängen, mit besseren Behausungen einem neuen Menschen zum Durchbruch zu verhelfen. Und es wäre auch vermessen anzunehmen, dass sich mit einem bestimmten Stil in Architektur und Design die Demokratie retten ließe. Aber wenn Politik und Verwaltung sich daran machten, ein paar mehr gute Lösungen zu finden und ins Werk zu setzen, würde das der Akzeptanz des jetzigen Systems sicherlich nicht schaden.
