FAZ 29.12.2025
18:10 Uhr

Bevölkerungsschutz: Kommandant Beck übt den Ernstfall


Im Ringen mit Putin muss nicht nur die Bundeswehr gestärkt werden, sondern auch der Bevölkerungsschutz. Der wird von Menschen getragen, die ihre Freizeit dafür opfern. So wie Feuerwehrmann Steffen Beck.

Bevölkerungsschutz: Kommandant Beck übt den Ernstfall

Die Übel der Welt kamen schon öfter zu Steffen Beck nach Ansbach. Als sich dort im Sommer 2016 ein syrischer Asylbewerber in die Luft sprengte und 15 Menschen verletzte, am Einlass eines Musikfestivals in der Altstadt, da war Beck einer der ersten Helfer. Zusammen mit seinen Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr sperrte er den Tatort ab, ohne zu wissen, ob sich in der Menschenmenge noch weitere Täter befanden. Ein paar Jahre später, als das Coronavirus umging, bauten die Feuerwehrleute zusammen mit dem Roten Kreuz ein Notkrankenhaus auf, falls die Betten in den Kliniken der 40.000-Einwohner-Stadt nicht für alle Erkrankten reichen würden. Als dann Wladimir Putin die Ukra­ine überfallen ließ und die Flüchtlinge sogar ins tiefe Mittelfranken kamen, da richteten sie eine Turnhalle her, damit die Menschen für den Anfang wenigstens ein Feldbett hatten. Gerade macht sich Steffen Beck viele Gedanken darüber, was ist, wenn Putins Krieg nicht in der Ukraine endet. Wenn die Hackerangriffe oder die Drohnenflüge, die es ja jetzt schon gibt, oder irgendwann vielleicht auch Raketenschläge dazu führen, dass bei ihm in Ansbach der Strom ausfällt und die Lichter ausgehen. Er und seine Kameraden müssten dann verhindern, dass die Stadt im Chaos versinkt. Neulich erst haben sie das geübt. Ohne Ehrenamtliche ist das Land nicht zu verteidigen Die freiwillige Feuerwehr einer Mittelstadt irgendwo in Deutschland probt den Ernstfall – das ist die neue Realität. Denn die gewaltige Anstrengung, die es bedeutet, kriegstüchtig zu werden, besteht nicht allein darin, die Bundeswehr wieder aufzupäppeln. Eine Zeitenwende ist genauso in der zivilen Verteidigung erforderlich, beim Schutz der Bevölkerung. Zuständig für den Bevölkerungsschutz sind hierzulande vor allem das Technische Hilfswerk (THW), das Deutsche Rote Kreuz (DRK) und die Feuerwehren, dazu noch ein paar weitere Hilfsorganisationen. Gemeinsam ist ihnen, dass sie zum überwiegenden Teil von Ehrenamtlichen getragen werden. Anders gesagt: Ohne Frauen und Männer wie Steffen Beck ist das Land nicht zu verteidigen. Beck ist 44 Jahre alt, von ruhigem Gemüt und von der nötigen Statur, um einen Verletzten aus einem brennenden Haus zu tragen. Feuerwehrmann zu werden, war kein Kindheitstraum von ihm. Nach einer Lehre zum Zimmermann wollte er einfach nicht zur Bundeswehr. Also machte er Wehrersatzdienst und verpflichtete sich für sieben Jahre bei der Feuerwehr. Als die Zeit zu Ende ging, waren die Kameraden so etwas wie seine Familie, und dann blieb er halt. Inzwischen ist Beck der Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Ansbach, und weil es keine Berufsfeuerwehr gibt, was nicht ungewöhnlich ist in Städten dieser Größe, ist er auch Stadtbrandrat. Als solcher ist er nicht nur verantwortlich für die gut 120 aktiven Feuerwehrleute an seiner Hauptwache, sondern auch für die fast 600 Kameraden in den Außenorten. Außerdem berät er die Verwaltung bei Fragen des Brand- und Bevölkerungsschutzes. Beck macht das alles neben seinem eigentlichen Beruf; inzwischen ist er nicht mehr Zimmermann, sondern in einem Büro für vorbeugenden Brandschutz beschäftigt. Als Kommandant und Stadtbrandrat bekommt er eine Aufwandsentschädigung. „Schmerzensgeld“, wie er sagt. Wenn die Arbeit endet, beginnt das Ehrenamt. Eine Stunde am Tag E-Mails checken ist das Mindeste. Dazu Besprechung mit der Stadtverwaltung, Fortbildungen, Übungen, Fahrzeug beantragen, Bürokratie erledigen. Mal kommen fünfzig Stunden im Monat zusammen, mal neunzig, die Einsätze noch nicht mitgerechnet. Wenn irgendwo ein Mülleimer brennt, dann wird Beck in Ruhe gelassen. Aber sobald etwas Größeres geschieht, ein Wohnungsbrand oder ein Unfall auf der Autobahn, werden er oder einer seiner beiden Stellvertreter mit alarmiert. Seinen Pieper trägt Beck immer am Gürtel, und wenn er ihn im Urlaub zu Hause lässt, dann greift er öfter mal vergeblich danach. Auf mehr als hundert Einsätze kommt er im Jahr. An Weihnachten musste er Frau und Sohn schon sitzen lassen, und an Silvester hält er sich sowieso bereit. Vor einem Jahr mussten sie nach Mitternacht 25-mal ausrücken. „Wenn ich das alles nicht tun würde, würde ich besser schlafen.“ Wenn Beck darüber spricht, klingt das alles aber nicht sonderlich heldenhaft. „Man kommt halt, wenn man Zeit hat“, lautet ein typischer Beck-Satz. Was ihn antreibt, kann er gar nicht so genau erklären. Zu sagen, dass er gerne Menschen helfe, wäre nicht seine Art. Stattdessen sagt er: „Wenn ich das alles nicht tun würde, würde ich besser schlafen.“ Bemerkenswerterweise gibt es eine recht stabile Zahl von Menschen, die es wie Beck halten und das Engagement in einer Hilfsorganisation selbstverständlich finden. Während Vereine allerorten mit Mitgliedermangel zu kämpfen haben, ist man bei den großen Hilfsorganisationen ganz zufrieden damit, wie sich die Dinge entwickeln. THW, DRK und Feuerwehren konnten zuletzt sogar eine wachsende Zahl von Freiwilligen vermelden. Mitgliederschwund hat auch Steffen Beck nicht zu beklagen, seit dreißig Jahren sind die Zahlen stabil. Allerdings haben sich die Einsatzzeiten in derselben Zeit verdoppelt. „Weil die Menschen unselbständiger werden“, wie Beck sagt. Die 25 Einsätze an Silvester zum Beispiel: „Hätten die Leute einen Eimer Wasser in die Hand genommen statt den Notruf zu wählen, dann wären die meisten davon nicht nötig gewesen.“ Hinzu kommt, dass Beck und seine Kameraden seit der Pandemie eben nicht nur Feuer, sondern auch Krisen bekämpfen. Das zeigt sich auch in ihrer Fahrzeughalle. Bund und Freistaat Bayern statten Ansbach mit zwei neuen Autos aus, für die Beck jetzt Züge zusammenstellen, Ausrüstung beschaffen und Stellplätze bauen muss. Der eine Wagen ist ein CBRN-Fahrzeug, das etwa nach einem Angriff mit biologischen oder nuklearen Waffen die Belastung messen kann. Seit mehr als zwanzig Jahren hört Beck, dass so ein Fahrzeug nach Ansbach kommen soll. Dass es jetzt wirklich kommt, ist für Beck ein Zeichen, wie ernst die Lage ist. Das andere neue Fahrzeug ist ein sogenannter Versorgungs-Lkw, der ein großes Notstromaggregat an Bord hat und was sonst noch bei einem Stromausfall hilft. Beck muss darauf vorbereitet sein, 72 Stunden lang mit so einer Lage zurechtzukommen. Mit den Planungen hat er kurz nach Beginn des Ukrainekriegs begonnen, jetzt wollte er sein Konzept zusammen mit Rotem Kreuz, THW und Polizei mal üben. Neulich ging deshalb der Probealarm, an einem Freitag um 16.59 Uhr. Es war dunkel und kalt, beste Voraussetzungen also. Einige seiner Kameraden schickte Beck mit einem Notstromaggregat zu einer Turnhalle, die im Ernstfall als Notquartier dienen würde. Außerdem übten sie die Abläufe an den „Leuchttürmen“. Das sind notstrombetriebene Anlaufpunkte für die Bevölkerung, meist in Feuerwachen. Beck hatte Statisten organisiert, die von Leuchtturm zu Leuchtturm fuhren, um dort größere und kleinere Probleme zu melden: ein verstauchter Knöchel oder ein Herzinfarkt, ein leerer Handy-Akku oder eine brennende Wohnung. Gerade ist Beck dabei, die Ergebnisse auszuwerten. Eine Frage, die noch beantwortet werden muss, ist diese: Welche Gebäude müssten prioritär mit Strom versorgt werden? Reichen die vorhandenen Aggregate zum Beispiel noch für die Altenheime? Damit hat Beck genug zu tun, weshalb er der falsche Ansprechpartner für die Frage ist, ob die Feuerwehren im Ganzen ausreichend vorbereitet sind. Für eine Einschätzung kann man aber Karl-Heinz Banse anrufen. Der ist Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes, und seine Handynummer endet auf 112. Banse kommt am Telefon direkt auf das Atomkraftwerk Saporischschja zu sprechen, das mitten im ukrainischen Kriegsgebiet liegt. „Wären wir auf eine Kata­strophe so gut vorbereitet wie damals auf Tschernobyl?“, fragt er und gibt die Antwort gleich selbst: „Ich sage: Nein.“ Die Strukturen im Bevölkerungsschutz sind nach dem Fall des Eisernen Vorhangs im ganzen Land abgebaut worden, und das größte Problem besteht für Banse gerade darin, dass niemand genau sagen kann, was heute eigentlich alles fehlt. Sein Verband will nicht länger auf die Politik warten und erarbeitet deshalb gerade selbst eine Liste. „Wir müssen vor die Lage kommen“, sagt Banse. Das Rote Kreuz fühlt sich vergessen Wie teuer das am Ende wird, will Banse nicht beziffern, solange er noch rechnet. Aber so wie er die Signale aus der Politik wahrnimmt, sollte es am Geld nicht scheitern. Die Ausgaben für den Bevölkerungsschutz sind inzwischen genauso von der Schuldenbremse ausgenommen wie jene für Verteidigung. Unlängst verkündete Bundesinnenminister Alexander Dobrindt, die Mittel für das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sowie das THW deutlich aufzustocken. Außerdem will der CSU-Minister durch einen „Pakt für den Bevölkerungsschutz“ bis 2029 zehn Milliarden Euro investieren. Mit den Signalen aus der Politik sind aber nicht alle Hilfsorganisationen zufrieden. Das Deutsche Rote Kreuz lobt zwar, dass der Bund den Bevölkerungsschutz wieder stärke, kritisiert aber, dass er dabei wichtige Akteure weitgehend vergesse. „Es müssen alle anerkannten Hilfsorganisationen gleichermaßen gestärkt werden, weil ohne zum Beispiel das Deutsche Rote Kreuz geht es am Ende nicht“, sagt Philipp Wiesener, der im DRK-Generalsekretariat für den Bevölkerungsschutz zuständig ist. Anders als die Feuerwehren hat das DRK schon konkrete Forderungen. Es verlangt ein Sofortprogramm von zwei Milliarden Euro, um damit unter anderem seine Liegenschaften zu modernisieren und notstromfähig zu machen. „Da gibt es bei uns genauso Nachholbedarf wie bei der Bundeswehr und dem THW“, sagt Wiesener. Einig ist man sich bei Feuerwehr und Rotem Kreuz, dass die Planungen für konkrete Szenarien noch nicht weit genug gediehen sind. Der Bevölkerungsschutz ist in Deutschland eine komplexe Angelegenheit. Er besteht genau genommen aus dem Katastrophenschutz, für den die Länder zuständig sind, und dem Zivilschutz, der im Aufgabenbereich des Bundes liegt. Das macht es kompliziert, Pläne an neue Realitäten anzupassen. „Das darf aber keine Entschuldigung sein“, sagt Wiesener vom DRK. „An diese Sachen muss die Politik dringend ran – uns läuft die Zeit davon.“ Wie wichtig Pläne sind, erklärt Feuerwehrpräsident Banse am Beispiel der zivil-militärischen Zusammenarbeit. Sollte es in der NATO zum Bündnisfall kommen, wäre Deutschland die Drehscheibe zur Verlegung von Truppen an eine mögliche Front im Osten Europas – und damit auch ein potentielles Ziel für russische Sabotageakte und Angriffe. Wie die militärische und die zivile Verteidigung in diesem Fall zusammenarbeiten sollen, ist im Operationsplan Deutschland geregelt. Weil der aber eingestuft ist, kennt ihn die zivile Seite überhaupt nicht. „Wir müssen wissen, was die Bundeswehr eigentlich von uns will“, fordert Banse. Dem Feuerwehrmann geht es nicht allein darum, bestmöglich auf den Einsatz vorbereitet zu sein. Freiwillige Helfer hätten auch ein Recht zu wissen, was im Ernstfall auf sie zukommt. „Wir müssen das Ehrenamt auch mitnehmen“, sagt Banse. „Es ist ja niemand zur Feuerwehr gegangen, um in einen militärischen Konflikt hineingezogen zu werden.“ Beck träumt von Toten Hart ist der Dienst schon in Friedenszeiten. Dreimal im Jahr, schätzt Steffen Beck, der Ansbacher Kommandant, wird er zu Einsätzen gerufen, in denen er die Gefahr für sich selbst kaum abschätzen kann: Amokdrohungen, Geiselnahmen, Schusswechsel. Und mit dem Tod hat er sowieso die ganze Zeit zu tun. Im Dienst fällt ihm das leichter als privat. Wenn auf einer Beerdigung der Sarg offen steht, dann bleibt Beck auf Abstand. Wenn er hingegen einen Toten aus einem Auto bergen muss, funktioniert er einfach. Nur manche Einsätze kriegt er schwer wieder aus dem Kopf. So wie die vier Toten, die er nach einer Gasexplosion aus einer Bäckerei zog. Danach träumte er eine Weile von all den Toten, die er je gesehen hat. Weil das alles heute schon schwer ist und in Zukunft noch schwerer werden könnte und weil irgendwann vielleicht doch die Freiwilligen fehlen, wenn die Babyboomer nach und nach aus dem Dienst ausscheiden, machen sich die Hilfsorganisationen Gedanken, wie man das Ehrenamt stärken kann. Der Deutsche Feuerwehrverband zum Beispiel wünscht sich Vergünstigungen für die Freiwilligen. In manchen Ländern dürfen Feuerwehrleute früher in Rente gehen. Das hierzulande zu fordern, hält Verbandspräsident Banse angesichts der aktuellen Rentendebatte für kontraproduktiv. Aber irgendwas sollte sich die Politik einfallen lassen, findet er. Solche Gedanken macht sich auch Steffen Beck. Schon mehrfach hat er angeregt, seine Kameraden und er sollten im Stadtgebiet kostenlos parken dürfen, als kleine Anerkennung. Zu Auszeichnungen hingegen hat er ein zwiespältiges Verhältnis. Wie viele Orden ihm schon verliehen wurden, kann er auf Anhieb nicht sagen, aber so um die zehn werden es schon sein. Wenn er seine Uniform anzieht und bei einem Umzug mitläuft, heftet er sie aber nicht an. „Man freut sich, wenn man sie kriegt“, sagt er. „Aber man muss sie nicht herzeigen.“