FAZ 11.02.2026
13:01 Uhr

Betrugsversuche nehmen zu: „Hier stimmt etwas nicht“ – Taxifahrer enttarnt Schockanruf


70.000 Euro wollte eine Seniorin Betrügern nach einem Schockanruf aushändigen. Ein Taxifahrer verhindert Schlimmeres – und spricht von einer Selbstverständlichkeit.

Betrugsversuche nehmen zu: „Hier stimmt etwas nicht“ – Taxifahrer enttarnt Schockanruf

In den richtigen Momenten wegzusehen, das ist etwas, was Tolga Demirci als Taxifahrer gelernt hat. Dann beispielsweise, wenn auf der Rückbank wild geknutscht, gestritten, geweint wird. Wegsehen ist so verdammt einfach. Kompliziert wird es, wenn sich sein Bauchgefühl meldet. Wenn es anklopft und sagt: „Hier stimmt etwas nicht.“ Und Demirci hat gelernt, auf sein Bauchgefühl zu hören. Als Taxifahrer, immer allein unterwegs, ist es seine Lebensversicherung, sein Wertekompass, sein verlässlicher Begleiter. Vor einigen Tagen hat sein Bauchgefühl Alarm geschlagen und dazu beigetragen, dass eine 91 Jahre alte Dame nicht Opfer eines Betrugsversuchs nach einem Schockanruf wurde. 70.000 Euro, so hatten es ihr Unbekannte am Telefon aufgetragen, solle sie von ihrem Konto abheben. Ihr Sohn habe einen schweren Verkehrsunfall verursacht, ein anderer Fahrer sei ums Leben gekommen. Da ihr Sohn vom Unfallort geflohen und später von der Polizei gefasst worden sei, stehe nun eine Kaution von 70.000 Euro aus. Dass sich die Leben von Tolga Demirci und der Seniorin kreuzten, ist einem Zufall zu verdanken. Der Taxifahrer war kurz zuvor von einem Anrufer zur Adresse der alten Dame geschickt worden. Dass der Mann mit unterdrückter Nummer angerufen habe, sei nichts Ungewöhnliches, wie Demirci sagt. An der Adresse habe schon die Seniorin auf ihn gewartet – im Beisein ihrer Schwester. Beide Frauen seien so aufgeregt, fast schon panisch gewesen, dass Demirci sich entschied, eben nicht wegzusehen, nicht wegzuhören, sondern nachzufragen. Wohin soll es gehen? Nach Frankfurt? Zur Bank? Warum genau? 70.000 Euro? So viel Geld! Seniorin wollte sich nicht helfen lassen Demirci ist nicht losgefahren. Er hat den Schlüssel im Zündschloss seines immer blitzeblank geputzten Taxis nicht umgedreht, hat beschlossen, dass ihm Ziel und Zweck der Fahrt nicht egal sind. Stattdessen hat er die Polizei informiert. „Das hätte doch jeder so gemacht“, sagt er auch noch einige Tage nach dem vereitelten Betrugsversuch. „Eben nicht“, entgegnet Thomas Leipold, Sprecher des Polizeipräsidiums Südosthessen. „Dass er sofort reagiert hat, ist nicht selbstverständlich.“ Erst recht nicht, wenn Handeln unbequem wird. Und genau das war es. Denn die aufgebrachte Seniorin war, wie Demirci es schildert, alles andere als begeistert von seiner Verweigerungshaltung. „Sie hatte nur im Fokus, ihren Sohn retten zu wollen“, erinnert sich der Taxifahrer. Sein Nein habe sie in dem Moment des Schocks nicht akzeptieren, die Polizei nicht rufen wollen. Schließlich habe sie ja erst wenige Minuten zuvor mit den Beamten telefoniert. Sie seien es doch erst gewesen, die ihr von der Unfallflucht erzählt hätten. Demirci blieb hart. „Hätte ich nicht so gehandelt, hätte ich mit meinem schlechten Gewissen nicht gut weiterleben können“, sagt er. Den Trubel um seine Person versteht er noch immer nicht. Weil die Polizei nicht nur den Betrugsversuch, sondern auch sein Handeln öffentlich machte, steht bei Taxi König, dem Unternehmen, das Demirci gemeinsam mit einem Geschäftspartner leitet, das Telefon nicht mehr still. Ein bisschen unangenehm ist es ihm schon. Schließlich habe er wirklich nichts getan – nur zugehört. Das sei schließlich Teil seines Jobs als Taxifahrer, sagt er. „Wir sind Psychologen, Packesel, Problemlöser.“ Und manchmal eben auch Schutzengel. Zahl der Schockanrufe hat sich binnen fünf Jahren verdreifacht Die ältere Dame, so erzählt es Polizeisprecher Leipold, habe auch der Polizei nicht sofort glauben wollen, dass sie fast Opfer eines Schockanrufs geworden wäre. Erst als der Sohn zur Einsatzstelle dazugerufen wurde, habe sie begonnen, das Ausmaß der Täuschung zu realisieren. Dieser Fall zeigt nach Angaben von Leipold deutlich, wie perfekt die Täter das Spiel mit der Täuschung beherrschen. Manchmal, so berichtet er, würden Funk- oder Sirenengeräusche eingespielt, um den Anschein zu erwecken, der Anruf komme direkt von einer Polizeistation. Oft werde durch technische Tricks eine Telefonnummer angezeigt, die – etwa durch die Endung 110 – suggeriere, mit der Polizei in Verbindung zu stehen. Die Polizei setzt auf Aufklärung – auch, indem Heldengeschichten wie die von Taxifahrer Demirci geteilt werden. Trotzdem, so sagt Leipold, sei „die Unfall- und Kautionsstory immer noch eine Masche, die zieht“. Oft würden die Opfer, meist hochbetagte Bürger, „völlig überrumpelt“. Selbst wenn die Senioren sensibilisiert seien, gelänge es ihnen nicht immer, dem durch die Anrufer ausgeübten Druck standzuhalten. „Viele können nicht mehr rational denken. Sie werden durch psychologische Tricks wie ausgeschaltet.“ In der polizeilichen Kriminalitätsstatistik (PKS) in Hessen werden Schockanrufe als eigenes Phänomen erfasst. Dabei handele es sich, so ein Sprecher des Landeskriminalamts Hessen, um „seniorenspezifische Straftaten“. Registrierte die Polizei im Jahr 2019 noch 60 erfasste Fälle von Telefonbetrug durch eine solche Masche, waren es im Jahr 2024 mit 174 fast dreimal so viele. Die erbeutete Summe hat sich in den vergangenen fünf Jahren nahezu um das Dreißigfache erhöht – von etwa 140.000 Euro auf knapp 4.100.000 Euro. Dabei, so heißt es seitens des Landeskriminalamts weiter, ist im Bereich der Schockanrufe von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, da die Geschädigten teilweise aus Scham keine Anzeige erstatten. „Die Polizei ruft niemals mit einer 110-Nummer an“ Neben den Beratungsstellen der einzelnen Polizeipräsidien, die Aufklärungsarbeit betreiben, gibt es in Hessen sogenannte Sicherheitsberater für Senioren. Sie versuchen gezielt, über die neuesten Methoden der Betrüger zu informieren, das Gefahrenbewusstsein älterer Menschen zu schärfen und konkrete Handlungsempfehlungen und präventive Lösungsansätze zu vermitteln. Sich einige wenige Faustregeln einzuprägen, kann laut Polizeisprecher Thomas Leipold schon helfen, potentielle Schockanrufe als solche zu enttarnen. Die Polizei, so sagt er, rufe niemals mit der Notrufnummer 110 an. Wer einen solchen Anruf erhalte, solle sofort auflegen und wirklich die 110 wählen. Außerdem rät er: „Lassen Sie sich nicht unter Druck setzen, egal, wie plausibel die Situation dargestellt wird.“ Manchmal sei auch die Höflichkeit älterer Menschen ein Schwachpunkt. „Auflegen ist keine Unverschämtheit“, sagt Leipold. Wer sich unsicher sei, solle ein Telefonat beenden und sich nicht weiter in ein Gespräch verwickeln lassen. „Denn darauf können Täter aufsatteln.“ Außerdem, so sagt er, sei es ratsam, die Personen, die angeblich Hilfe benötigten, anzurufen. Manche angebliche Notsituationen klären sich so schnell auf. Aber die Polizei versucht mit Aufklärungsarbeit nicht nur potentielle Opfer zu erreichen. Auch die Mitarbeiter von Banken und Kreditinstitutionen werden angesprochen. „Der letzte Kontakt vor der Geldübergabe an die Täter ist in der Regel der Bankangestellte“, so ein Sprecher des Landeskriminalamts. Ziel sei es, diese so weit zu sensibilisieren, dass sie einen möglichen Betrugsfall durch gezieltes Nachfragen erkennen können und vor der Geldauszahlung nochmals auf potentielle Opfer einwirken. Tolga Demirci hat früher eingegriffen. „Die Dame hätte um 70.000 Euro ärmer sein können, wenn er nicht gehandelt hätte“, macht Polizeisprecher Leipold deutlich. Der 52 Jahre alte Demirci soll im September für sein zivilcouragiertes Handeln ausgezeichnet werden. Demirci winkt ab. Mit Lob kann er nicht gut umgehen. Zu viel Trubel um seine Person, zu viel Gewese um etwas, das er als Selbstverständlichkeit abtut. Durch Zufall habe er die ältere Dame noch einmal in Neu-Isenburg getroffen. Sie habe ihn sofort erkannt und sich für seinen Einsatz bedankt. Die Worte der alten Dame, das merkt man auch einem hartgesottenen Taxifahrer wie Demirci an, der nach eigenen Angaben „schon alles erlebt hat“, sind ihm mehr wert als jede Auszeichnung, jede Aufmerksamkeit. „Hätte ich nicht so gehandelt, hätte ich es immer auf der Seele gespürt.“