Ein bisschen fühle es sich an wie ein Heimspiel für Friedrich Merz (CDU), sagt Stephan Leithner. Als der Bundeskanzler am Montagabend anlässlich des Neujahrsempfangs der Deutschen Börse deren Unternehmenszentrale in Eschborn besucht, will Vorstandschef Leithner ihm das Gefühl geben, dass die, die heute da sind, nicht nur – wie bei einem Heimspiel eben – hinter ihm stehen. Der Finanzplatz Frankfurt, hebt Leithner vor den gut 800 Gästen des Empfangs hervor, sei an diesem Abend auch deshalb prominent vertreten, um ein gemeinsames Signal zu senden, die Reformagenda des Kanzlers zu unterstützen. Zuvor geht Merz in seiner Rede auf die Rolle der für Frankfurt so wichtigen Finanzindustrie ein. Der Branche, sagt der Kanzler, komme derzeit eine besondere Rolle zu, schließlich sei die Finanzindustrie das Nervensystem einer Volkswirtschaft und der Finanzplatz Frankfurt das Sensorium, das schnell wahrnehmen könne, welche Einflüsse geopolitische Veränderungen auf Deutschland und Europa nähmen. Und diese Veränderungen in der Welt seien enorm, hebt Merz unter anderem vor Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU), Oberbürgermeister Mike Josef (SPD), aber auch vor Unternehmenschefs wie Stefan Wintels (KfW), Michael Sen (Fresenius), Cornelius Riese (DZ Bank) sowie vor Bundesbankpräsident Joachim Nagel hervor. „Wir erleben derzeit die wohl größte Phase politischer Instabilität und Unsicherheit“, ruft der Bundeskanzler den Gästen zu und wiederholt seine Aussage von einem „Epochenbruch“. Europa müsse nun gemeinsam handeln, „dann können wir in der Welt mehr erreichen, als wir manchmal von uns selbst gedacht haben“. Merz: Kapitalmarktunion als strategischer Hebel Merz will ein Handelssystem souveräner Staaten aufbauen, die auf Multilateralismus und Freihandel setzen. Abkommen etwa mit den Mercosur-Staaten oder mit Indien böten große Chancen für den Kontinent und seine Volkswirtschaften. Doch um diese Möglichkeiten zu nutzen, müsse das europäische Haus auch im Inneren in Ordnung gebracht werden. Erstens müsse Europa in der Lage sein, sich selbst zu verteidigen. Zweitens müssten die Bedingungen geschaffen werden, die europäische Wirtschaft wieder wettbewerbsfähig machen. Und nicht zuletzt müsse man souveräner und unabhängiger werden, vor allem technologisch. Mit Blick auf die Wirtschaft und daraus folgend auch auf die Souveränität will Merz die Vollendung des europäischen Binnenmarktes ebenso vorantreiben wie die Schaffung einer Kapitalmarktunion. Merz stellt klar, dass die Kapitalmarktunion kein technisches Detail, sondern ein strategischer Hebel für Europas Zukunft ist. Es gehe auch darum, ambitionierte Unternehmen in Deutschland und Europa zu sehen. Zu viele Börsengänge deutscher Wachstumsunternehmen hätten zuletzt in den Vereinigten Staaten stattgefunden, kritisiert er. Merz will Neuordnung der Altersvorsorge Dahinter steht für Merz jedoch mehr als Industrie- und Standortpolitik: Die Kapitalmarktunion ist für ihn ein zentrales Element einer grundlegenden Neuordnung der Altersvorsorge. Die gesetzliche Rente solle bestehen bleiben, aber ihre dominierende Rolle verlieren; betriebliche und private Vorsorge müssten deutlich an Bedeutung gewinnen. Voraussetzung dafür sei ein breiter, tiefer und liquider Kapitalmarkt in Europa. Altersvorsorge und Kapitalmarkt seien „zwei Seiten derselben Medaille“ – nur wenn mehr Bürger investierten, könne ausreichend Kapital für Wachstum, Innovation und unternehmerische Entwicklung mobilisiert werden. Börse-Chef Leithner ergänzt, es gehe nicht um eine bloße Weiterentwicklung des Kapitalmarkts, sondern um eine echte Transformation. Nur ein leistungsfähiger Kapitalmarkt könne Europa die finanzielle Autonomie verschaffen, die in einer Welt geopolitischer Machtverschiebungen notwendig sei. Leithner verweist in diesem Zusammenhang auf einen kulturellen Wandel: Die Zahl der Aktionäre steige, ETF-Sparpläne seien zunehmend gefragt, besonders bei jüngeren Anlegern. Die gesellschaftliche Akzeptanz für den Kapitalmarkt wachse – eine Voraussetzung dafür, dass kapitalgedeckte Altersvorsorge überhaupt funktionieren könne. Merz sagt, es sei gut, dass mittlerweile rund 14 Millionen Deutsche an der Börse seien. Wenn es am Ende der Legislaturperiode 2029 dann 28 Millionen seien, sei das ein Erfolg. Dass Frankfurt bei Merz’ Vorhaben mehr sein soll als bloße Bühne, macht Deutsche-Börse-Chef Leithner später deutlich: Die Kapitalmarktinfrastruktur müsse die Transformation nicht nur begleiten, sondern anführen – vom Finanzplatz Frankfurt aus, zu dem sich die Deutsche Börse auch aus Eschborn heraus zugehörig fühlt. Die Betonung der Rolle Frankfurts und seiner Banken in den Worten des Kanzlers hält Börse-Chef Leithner, wie er deutlich macht, für mehr als Symbolik: Bemerkenswert sei, dass Merz die Themen des Finanzplatzes aufnehme und nach Berlin trage – etwas, das man in dieser Konsequenz seit gut 20 Jahren nicht erlebt habe.
