Als Goethe den „Diwan“ des persischen Dichters Hafiz gelesen hatte, machte er Schreibübungen mit dem arabischen Alphabet, und er ließ sich von einem Koran-Vers inspirieren: „Gottes ist der Orient / Gottes ist der Occident / Nord- und Südliches Gelände / Ruht im Frieden seiner Hände.“ Mit dem „West-östlichen Divan“, der erstmals 1819 erschien, lieferte der Dichter ein bemerkenswertes Beispiel dafür, dass eine Begegnung der Kulturen gelingen kann – und eine produktive Rezeption des islamischen Orients möglich ist. Seinem Vierzeiler liegt die Koransure 2,142 zugrunde: „Sprich: ‚Gottes ist der Osten und der Westen. Er leitet, wen er will, auf einen geraden Weg.‘“ Goethe löste sich von dieser Formulierung aus dem Koran und dachte den Vers zu einer universalen Friedensbotschaft weiter. Er beließ es nicht beim „wahren Pfad“. Bei ihm ruht die Welt vielmehr direkt in Gottes Händen. An die Stelle eines irdischen Chaos tritt der Gottesfriede, der einen umfassenden Weltfrieden ermöglicht. Vom Koranvers zur Weltformel des Friedens Der Schlüsselsatz im „West-östlichen Divan“ ist zugleich das Schlüsselwerk des Kalligraphen Shahid Alam. In seinem Werk „Einheit“ kreist der ins Arabische übersetzte Goethe-Vers in Ringform um eine Mitte, aus der helles gelbes Licht strömt. Das Gelb setzt sich in den arabischen Schriftzeichen fort, die aus dem blauen Himmelsgewölbe leuchten. An den Rändern schließlich fassen erdgrüne Farbtöne das Licht und die Friedensbotschaft ein. In seinem Atelier in Stolberg bei Aachen erläutert Alam das Kunstwerk, das 90 mal 90 Zentimeter misst. „Die Friedensbotschaft in Ringform drückt eine Endlosigkeit aus, die keinen Anfang hat und kein Ende.“ Der Mensch solle die Welt gestalten, er besitze sie nicht. Unterdessen ruhe die Schöpfung, das „Nord- und Südliche Gelände“, im Frieden seiner, Gottes, Hände. Die Kalligraphie steht beispielhaft für das Werk Alams. Geboren wurde er 1952 in Lahore, der pakistanischen Grenzstadt zu Indien. Dort wurde er in der Kunst der schönen Schrift ausgebildet. Seinen eigenen Kalligraphie-Stil entwickelte er in Deutschland, wo er seit 1973 lebt. Bei Dichtern wie Hafiz, Goethe und Schiller und in den heiligen Schriften Tora, Neues Testament und Koran sucht er eine zentrale Aussage, die er ins Arabische übersetzen lässt. Als Schriftzug stellt er sie in den Mittelpunkt eines farbigen Gemäldes, in dem er die Aussage bildnerisch sichtbar macht. Schiller neu interpretiert Ein weiteres Beispiel für das Zusammenspiel von Kalligraphie und Literatur bei Alam ist Schillers „Ode an die Freude“ mit der idealistischen Vision „Alle Menschen werden Brüder, Wo dein sanfter Flügel weilt“. Die Friedensbotschaft hat Alam zu zwei Werken inspiriert. Einmal bilden die arabischen Schriftzüge ein Schiff, das die Botschaft über die Meere trägt, einmal nimmt die Kalligraphie die Form eines tanzenden Derwischs auf weißem Hintergrund an. In seinem Atelier hängen auch Gemälde, die noch im Entstehen begriffen sind. Im Hintergrund erklingt eine Ney-Flöte. Den islamischen Mystikern gilt sie als Gottes verlängerter Atem. Als Alam 2019 die zwei Kalligraphien über die „Ode an die Freude“ abgeschlossen hatte, trieb ihn eine Idee um: Sollte es nicht möglich sein, dass ein arabischer Komponist, in Anlehnung an Beethoven, die Ode im traditionellen arabischen Musikstil neu vertont? Mit dem aus Bagdad stammenden Saad Thamir fand er einen in Deutschland lebenden Komponisten. Anlässlich des 250. Geburtstags Beethovens im Jahr 2020 finanzierte das Beethovenfest Bonn dessen viersätzige Komposition „Ya Farhatan“ (\"Oh Freude\") und vier Aufführungen. Während die 32 Instrumentalisten des Orchesters musizierten, entstand aus dem Schreibrohr des vor dem Orchester sitzenden Alam eine Kalligraphie von Schillers Gedicht. Seine Performance wurde auf eine Leinwand übertragen, und das Publikum verfolgte mit, wie Buchstabe für Buchstabe eine Kalligraphie entsteht und aus der Musik Schrift geboren wird. Wenn Worte zu Bildern werden In seinem Atelier beugt sich Alam über den Tisch. In ruhigem Takt zieht sein Schreibrohr arabische Buchstaben. „Goethe hatte seinen Tag mit Schreibübungen der arabischen Schrift begonnen“, sagt Alam. Seit Goethe 1814 die deutschsprachige Übersetzung des „Diwans“ von Hafiz vorlag, habe er sich für arabische Kalligraphie begeistert, zitiert Alam die Goethe- Forscherin Katharina Mommsen. 1815 schrieb Goethe in einem Brief: „In keiner Sprache ist vielleicht Geist, Wort und Schrift so uranfänglich zusammengekörpert wie im Arabischen.“ Wer schreibt, ist kreativ, füllt eine Linie mit Leben und bringt Individuelles zum Ausdruck. Schreiben wird zur künstlerischen Tätigkeit. „Aber der Mensch ist ein Tastendrücker geworden, für jede Kommunikation drückt man nur noch Tasten“, sagt Alam. Das sei Bequemlichkeit, geistige Faulheit. Dabei belebe doch das Schreiben mit der Hand den Geist und bilde die Persönlichkeit. An seiner Schrift erkenne man die Persönlichkeit eines Menschen. Was werde jedoch heute noch an Persönlichem hinterlassen? Die Schreibfeder als Baum, die Tinte als Ozean Als Shahid Alam vier Jahre alt war, schickten ihn seine Eltern in eine Schule, die Ehsan Danish, einer der großen Dichter Pakistans, kurz nach der Teilung Indiens im Jahr 1947 gegründet hatte. Schon zuvor hatte er seinen ältesten Bruder dabei beobachtet, wie er mit einer Feder aus Schilfrohr die schwarzen Buchstaben auf weißes Papier zeichnete. Mit diesem Eindruck sei er unter dem offenen Sternhimmel Lahores eingeschlafen und habe davon geträumt, dass sich die Sterne über ihm in Buchstaben verwandelt hätten. Jahrzehnte später hielt er das in einer Kalligraphie fest: Auf dunkelblauem Hintergrund leuchten die silbern punktierten Buchstaben, in die sich die unendlich vielen Sterne verwandelt haben. Geprägt hat ihn eine weitere Geschichte aus seiner Kindheit. Als er acht Jahre alt war, beeindruckte ihn beim Lesen des Korans in Urdu die Sure 31, 27: „Und wären alle Bäum' auf Erden Schreiberohre, / Das Meer dazu die Tint', und dazu die sieben Meere, / Es würden nie erschöpft die Worte Gottes, / Denn Gott ist machtvoll weise.“ (In der Übersetzung von Friedrich Rückert.) Da hatte er schon vier Jahre Unterricht in Kalligraphie. Nun erkannte er in der Schreibfeder, die er in seiner Hand hielt, einen Baum und im Tintengefäß einen Ozean. Das ließ ihn nie mehr los – 2017 wurde aus dem Vers eine Kalligraphie. Er litt unter den Vorurteilen gegenüber religiösen Minderheiten mit Um in Deutschland studieren zu können, lernte Alam Deutsch im Goethe-Institut in Lahore. Dort begegnete er auch der Orientalistin Annemarie Schimmel. Über sie lernte er wiederum Katharina Mommsen kennen. Die Goethe-Forscherin wünschte sich von Alam 2010 zu ihrem 85. Geburtstag in Weimar eine Ausstellung und ein Kunstwerk zu den 99 Gottesnamen im Islam, zu denen Goethe eine besondere Beziehung hatte. Alam fügte sie aus 99 mundgeblasenen bunten Glasscheiben zusammen. „Die gesellschaftliche und geistige Freiheit in Deutschland und die Begegnungen mit der deutschen Kunst und den deutschen Künstlern haben mir neue Türen geöffnet“, sagt Alam. Es sei ihm bewusst geworden, dass jedes Kunstwerk einzigartig sei und nicht eine Nachahmung von etwas anderem. Also wollte auch er einen eigenen Stil entwickeln, etwas Individuelles, das aus seiner Hand fließt. Zur gleichen Zeit entstand auch die Idee, Sätze von Dichtern ins Arabische zu übersetzen und sie in großen Gemälden bildlich zu interpretieren. Bei einer Ausstellung seiner Kalligraphien an der RWTH Aachen 1996 begegnete er auch Bischof Heinrich Mussinghoff. So kam es schließlich zu einer großen Ausstellung in der Kirche St. Peter in Aachen, für die Alam 14 Buchenholztafeln mit Koransuren beschriftete. Seine Zusammenarbeit mit der Kirche in mehr als 50 Ausstellungen in Kirchen war ein neuer Weg des interreligiösen Dialogs. Das ist ihm wichtig, denn in seiner Jugend in Pakistan litt er unter den Vorurteilen gegenüber religiösen Minderheiten mit – einige seiner Freunde waren Christen. Jeder individuelle Schriftzug ist eine Kunst für sich Die arabische Schrift hat ihre ganz eigene Ästhetik. Künstler müssten diese Schrift erfunden haben, sagt Alam. Sie müssen gute Beobachter der Natur gewesen sein. Denn in der Pflanzenwelt ist das Schwere unten, während sich die Leichtigkeit nach oben öffnet. Ebenso ist es bei der arabischen Schrift. Zudem enthält das Alphabet auch eine Botschaft an die Menschheit. Denn jeder Buchstabe gibt seine individuelle Form auf, um sich mit dem nächsten verbinden zu können. Das Einzelne lebt nicht allein, sondern durch das Zusammensein. Shahid Alam greift wieder nach seinem Schreibwerkzeug. Heute kann es auch eine Metallfeder sein. Sie nimmt mehr Tinte auf, man kann mit ihr länger schreiben, und sie lässt sich auf Holz leichter als ein Schilfrohr führen – Alam arbeitet meist auf Birkenholz, dessen Maserung dem Werk Tiefe verleiht. In meditativer Ruhe zieht er die Linien und Kurven der Buchstaben. Wichtig ist ein fester Atemrhythmus. Setzt er zu einer ziehenden Bewegung an, also zu einem vertikalen Strich von oben nach unten, atmet er aus. Im kurzen Übergang hält er den Atem an, bevor er bei einer horizontalen, schiebenden Bewegung, die einen tief liegenden Bogen hervorbringt, wieder einatmet – Kalligraphie als Meditation. Besonders liegt ihm die Weisheit am Herzen Alles beginnt mit einem Punkt. In der Kalligraphie wie in der Physik, so Alam. Eine unsichtbare Kraft belebe den Punkt, und so wird aus ihm in einer ersten Bewegung eine Linie. „Der Punkt als die Geburt einer vertikalen Form, und diese vertikale Form ist ein Alif, der erste Buchstabe des arabischen Alphabets und der erste Sonnenstrahl.“ Jedes Alphabet beginne mit einem A, geboren aus einem Punkt. Er spüre dieses Licht in sich, sagt Alam, wenn er den Buchstaben Alif mit dem Schreibrohr auf Holz ziehe oder wenn er ein Alif als Skulptur modelliere. Der Punkt als Anbeginn der Schöpfung. Aus ihm fließen Formen. Ein Schriftzug ist ein sichtbar gewordener Gedanke. Immer wieder wagt sich Alam aus der zweidimensionalen Kalligraphie hinaus und fügt Buchstaben zu dreidimensionalen Skulpturen zusammen. Oft ist es der vertikale Strich des Alif. Besonders am Herzen liegt ihm die Konsonantenfolge ain-lam-mim, das arabische Wort für Wissen im Sinne von Weisheit. Kalligraphie bedeutet Kunst der schönen Schrift. Alams Werke sind ein optisches Erlebnis. Was er schreibt, ist lesbar, nie eine Verfremdung des Geschriebenen, nie etwas bloß Abstraktes, das interessant aussehen mag. „Jeder trägt die Sehnsucht nach Frieden in sich, insbesondere in der aktuellen weltpolitischen Situation“, sagt er. „Die Menschen wollen, dass die Religionen friedlich miteinander auskommen. In meinen Ausstellungen sehen sie genau diese Botschaft.“
