FAZ 09.02.2026
08:10 Uhr

Besuch bei den Fallschirmjägern: „Kameradschaft in den Dreck gezogen“


Nach dem Skandal sitzt der Schock in Zweibrücken tief. Die Führungsebenen verordnen Aufarbeitung, viele Soldaten sind wütend – auf Presse und Heeresführung.

Besuch bei den Fallschirmjägern: „Kameradschaft in den Dreck gezogen“

Besuch bei den Fallschirmjägern „Kameradschaft in den Dreck gezogen“ Von PETER CARSTENS und RAHEL GOLUB (Text und Fotos) 9. Februar 2026 · Nach dem Skandal sitzt der Schock in Zweibrücken tief. Während die Führungsebenen Aufarbeitung verordnen, sind die Soldaten im Regiment vor allem eines: wütend – auf Presse und Heeresführung. Zieh ihn mit!“ und „Heb ihn drüber!“, so hallt es über eine Wiese an der Niederauerbach-Kaserne in Zweibrücken. Eine Gruppe Fallschirmjäger rennt, klettert, kriecht über einen Hindernisparcours. Bepackt mit schweren Rucksäcken und blauen Übungsgewehren, müssen die Infanteristen über glitschige Balken klettern, Holzwände überwinden und schließlich aus einem Schützenloch heraus ihre Übungsgranaten auf ein imaginäres Ziel werfen. Erst als alle Mann das Ziel erreicht haben, stoppt der Kompaniefeldwebel die Zeit. Und ist ganz zufrieden: Kameradschaft in Aktion beim Fallschirmjägerregiment 26. So geht Kameradschaft: Beim Hindernislauf unterstützen sich die Soldaten gegenseitig. Diejenigen, die die Wand allein überwinden können, warten bis zuletzt. Die blauen Übungsgewehre entsprechen in Form und Gewicht etwa dem G36. Frauen sind an diesem Nachmittag nicht dabei. Dass sie es bei den Luftlandetruppen der Bundeswehr schwer haben, zeigen die bloßen Zahlen, aber auch Ermittlungen gegen mehrere Dutzend männ­liche Fallschirmjäger. Es geht um sexualisiertes Fehlverhalten, Rechtsextremismus und Drogenmissbrauch. Die große Mehrheit im Regiment hat sich nichts zuschulden kommen lassen. Dennoch wird die ganze Truppe von Ermittlungen und Entlassungen erschüttert. Maßgeblich für die bundesweite Berichterstattung über das Regiment war eine Recherche der F.A.Z., die kurz vor dem Jahreswechsel erschien. Die Niederauerbach-Kaserne in Zweibrücken Ende Januar. Wie gehen die Fallschirmjäger mit der Lage um, in die sie die eigenen Kameraden gebracht haben? Zu Besuch in der Kaserne am Stadtrand, um Eindrücke zu gewinnen. Das Stabsgebäude des Regiments ist sozusagen sein Hauptquartier. Im Treppenhaus hängen die gerahmten Fotos von jungen Männern, die bei Einsätzen für Deutschland gefallen sind, vor allem in Afghanistan. Der Gang vor dem Büro des Kommandeurs ist bordeauxrot gestrichen, die Farbe der Fallschirmjägertruppe. Schaukästen mit Gruppenfotos und Andenken zeugen von Übungen und Einsätzen weltweit. Das bordeauxrote Barett eines Fallschirmjägers mit Barettabzeichen: Ein sich herabstürzender Adler. Im Treppenaufgang wird einiger junger Soldaten gedacht, die beim Einsatz in Afghanistan in Kunduz gefallen sind. Zulu-Zeit – so nennt man im Militärjargon die Weltzeit UTC. Die Uhren im Lageraum dienen der Koordinierung bei weltweiten Besprechungen. Oberst Martin Holle erwartet die Besucher in seinem nüchtern eingerichteten Dienstzimmer: ein Tisch mit Akten und Mappen, eine kleine Sitzgruppe, Fotos vom Verteidigungsminister und vom Bundespräsidenten. In einer Ecke steht die Regimentsfahne. Holle leitet von hier aus den Neuanfang. Vor seinem Büro ist ein Brief ausgehängt, den der neue Kommandeur des Regiments 26 an seine Soldaten verschickt hat. Darin bittet er die 1650 Männer und 120 Frauen um aktive Mithilfe bei der Neuausrichtung und lädt zu einer anonymen Umfrage zur Lage des Regiments ein. Die Berichterstattung der F.A.Z. nennt er „sehr negativ, aber leider in großen Teilen zutreffend“ und stellt klar: Das Problem sei nicht die Presse, sondern „das Fehlverhalten einiger weniger unter uns, die unsere Leistungen, unseren Namen und unsere Kameradschaft in den Dreck gezogen haben“. Der Kommandeur Oberst Holle in seinem Dienstzimmer. An der Wand: Bilder des Verteidigungsministers und des Bundespräsidenten. Ob es einige wenige sind oder aber so viele Vorkommnisse in Zweibrücken und auch beim Fallschirmjägerregiment 31 in Seedorf, dass die ganze Luftlandetruppe einer Revision unterzogen werden muss, bleibt unter den Fallschirmjägern umstritten. Bei Gesprächen, die die F.A.Z. in Zweibrücken führen konnte, traten Ressentiments gegen „die Damen“ zutage, die beim Wehrbeauftragten alles ins Rollen gebracht haben; daneben eine bemerkenswerte Verunsicherung. „Die Hemmung im Umgang zwischen Männern und Frauen im Regiment ist größer geworden, weil sich keiner mehr einen möglichen Fehltritt erlauben möchte“, sagt die neue Gleichstellungsvertrauensfrau, die anonym bleiben möchte. „Die Hemmung im Umgang zwischen Männern und Frauen im Regiment ist größer geworden, weil sich keiner mehr einen möglichen Fehltritt erlauben möchte“ Gleichstellungsvertrauensfrau des Fallschirmjägerregiments 26 Was Frauen dort an sexuellen Übergriffen und Anzüglichkeiten unter dem Motto „Nein heißt Ja, und Ja heißt anal“ erlitten haben, scheint nicht mal ihre Kameradinnen im Regiment nachhaltig zu erschüttern. Es wäre besser gewesen, die Betroffenen hätten geschwiegen, die Vorgänge wären intern geklärt worden, so wird es mehrmals gesagt. Die Vertrauensfrau sagt über die männlichen Soldaten: „Natürlich wissen die, was die roten Linien sind.“ Ein Journalist der „Neuen Zürcher Zeitung“ hatte berichtet, Soldatinnen aus dem Regiment hätten bei einem Treffen mit ihm geweint – wegen des leidenden Regiments. Sieht sich das Fallschirmjägerregiment 26 als bedauernswerten Opferverband? Man werde „an die Wand gestellt“, heißt es vor Ort. Kommandeur Oberst Holle im bordeauxroten Flur vor seinem Büro im Stabsgebäude der Niederauerbach-Kaserne. Ein Gemälde im Gang der 4. Kompanie, welches die Landung von Wehrmachtsfallschirmjägern auf Kreta 1941 zeigte sowie nach Holles Auskunft zwei Bundeswehrsoldaten, ist nach der Berichterstattung der F.A.Z. von Ende Dezember übermalt worden. Seit 2017 hatte das Wandbild die offiziell längst gekappte Traditionslinie zwischen dem parteitreuen Sonderheer der Wehrmacht und der demokratischen Bundeswehr beschworen – unbeanstandet durch die Regiments- oder Brigadeführung. Besichtigen darf man den Gang nicht, warum, bleibt unklar. Ähnlichkeiten bis hinein in die Aufstellung und Umrisse der Personen waren wohl kaum zufällig: Links die Malerei im Flur der Kaserne, rechts ein bekanntes Bild des Angriffs der Wehrmacht auf Kreta im Frühsommer 1941.Picture Alliance (Bild rechts) Tatsache ist: In keiner anderen Einheit der Bundeswehr gab es in den vergangenen Jahrzehnten bei ähnlichen Vorfällen mehr Beschuldigte, mehr Entlassungen und mehr Zwangsversetzungen als im Fallschirmjägerregiment 26. Kommandeur Holle berichtet vom aktuellen Ergebnis: „Stand von heute: elf Entlassungen, jetzt kommen sukzessive weitere dazu, die das Personalamt der Bundeswehr verfügt. Weiteren acht Soldaten ist die Dienstausübung und das Tragen der Uniform untersagt – sie dürfen die Kaserne nicht mehr betreten, weil wir davon ausgehen müssen, dass sie das innere Gefüge des Regiments weiter schädigen.“ Für neun Soldaten ist eine Versetzung beantragt. Hinzu kommen die Frauen, die das Regiment im Laufe des vorigen Jahres verlassen haben, beziehungsweise wegen der dort herrschenden Zustände verlassen mussten. Holle, der die spezialisierten Infanteristen seit Oktober führt, erläutert: „Was an Vorwürfen auf dem Tisch lag, ist weitestgehend ausermittelt, alle Maßnahmen verhängt. Es gibt noch beschlagnahmte Telefone, die noch nicht ausgewertet sind, weil sie bei der Wehrdisziplinaranwaltschaft oder bei der Staatsanwaltschaft liegen.“ Es könne sein, dass neue Hinweise auftauchen, denen nachgegangen werden müsse. Das bedeutet auch, dass weitere Fallschirmjäger belastet werden könnten. Viele Soldaten flüchten sich in Schweigen oder Wut gegen Dritte. Auf die schriftlich übermittelte Bitte der F.A.Z. hin, mit Mannschaftssoldaten zu sprechen, meldet sich kein einziger Fallschirmjäger freiwillig beim Presseoffizier. Drei Frauen sind zum Reden bereit, aber die Männer bleiben zunächst verschlossen. Am Ende kommt ein Gespräch mit zwei Offizieren zustande, Kompaniechefs. Sie möchten ungenannt bleiben. Mit anderen Soldaten kann man in Zweibrücken nebenbei ein paar Worte wechseln. Wer erfahren will, wie Gefreite und Oberstabsgefreite untereinander über die Situation schimpfen, sich über die Umfrage ihres Kommandeurs lustig machen oder sich in Gewaltphantasien gegen die F.A.Z. ergehen, der muss freitagnachmittags zufällig auf dem Regionalbahnhof stehen, von wo aus viele mit dem Zug ins Wochenende fahren. Spricht man die Uniformierten offensiv auf das gerade Gehörte an, haben sie nichts gesagt, nichts gehört, nichts gesehen. Vorder- und Rückwärtssicherung wird auch während des Hindernislaufs geübt. Eine Gruppe Fallschirmjäger beim Überwinden eines Hindernisparcours . Mit schwerem Gepäck: Die Rucksäcke sind idealerweise alle gleich gepackt und wiegen im Einsatz 20-30 Kilogramm. Ist es dem früheren Kommandeur des Regiments, der Brigade, der Division Schnelle Kräfte bei ihren Ermittlungen anfangs ebenso ergangen? Monatelang waren Befragungen von Beschuldigten und Zeugen – insgesamt mehr als 250 – dahin gedümpelt. Die Untersuchungen des früheren Kommandeurs seien auf eine Mauer des Schweigens gestoßen, berichtete er später. Erst als zwei Soldatinnen den Wehrbeauftragten umfangreich Erlebtes und Gehörtes schilderten, kamen die Untersuchungen richtig in Fahrt. Nicht alle Vorwürfe ließen sich später erhärten, manche wurde auch widerlegt. Dann wurde zum Gegenschlag ausgeholt. Von dem berichten führende Offiziere des Regiments und der Brigade der F.A.Z. nun zum ersten Mal. Wie während der damaligen Urlaubszeit systematisch Drogentests verfügt, Durchsuchungsbefehle eingeholt, Spürhunde bestellt und Vernehmungen vorbereitet wurden, um dem Treiben ein Ende zu bereiten. Als große Teile der am stärksten betroffenen 4. Kom­panie am 18. August 2025 aus den Ferien zurückkehrten, erwarteten sie Feldjäger, disziplinarrichterliche Verfügungen, Überprüfungen. Der Dienstbeginn war, so stellt es ein General dar, bewusst auf zwölf Uhr mittags gelegt worden, um die Operation gründlich vorzu­bereiten. Der Überraschungsschlag gelang. Heraus kamen, neben den bekannten Delikten, kinder- und tierpornographische Bilder, rechtsextreme Darstellungen in Chatgruppen und positive Drogenbefunde. Noch heute schütteln die Ermittler den Kopf darüber, dass sich Soldaten beim Kokain-Konsumieren gegenseitig fotografiert hätten, ebenso bei einer Party in stilisierten Naziuniformen. Auch das ist der Alltag, zu dem viele im Regiment am liebsten sofort wieder zurückkehren möchten: Die Soldaten üben sich im Überwinden der Hindernisstationen. Im Hintergrund ein Übungsturm. Auch Lügen wurden aufgedeckt. Etwa die eines Vorgesetzten, der behauptet hatte, er habe nichts von der Naziparty gewusst, auf beschlagnahmten Handyfotos aber selbst zu sehen war. Mannschaftssoldaten des Regiments schildern nun, wie ihre Vorgesetzten in den Wochen vor und nach der Razzia nahezu pausenlos gearbeitet und oft im Dienstzimmer übernachtet hätten. Wochenlang mussten sie gegen ihre Soldaten ermitteln, konnten niemandem mehr trauen und mussten dennoch ihre Untergebenen dazu bringen, weiterhin ihnen zu vertrauen, „die Treue zu halten“, wie es jemand ausdrückt. Am 24. August, sechs Tage nach der Aktion Gegenschlag, erschien in der Lokalpresse allerdings ein ausführliches Interview mit dem damaligen Kommandeur Oliver Henkel, in dem der Oberst die Verfehlungen mit keinem Wort erwähnte, sondern nur von Kampfwert, Digitalisierung und dem miesen Bauzustand der Kaserne sprach. Manche meinen, Henkel habe sich vor seine Leute gestellt. Andere kamen zu dem Schluss, der Oberst sei ungeeignet, das Regiment zu erneuern. Der heutige Kommandeur der Luftlandebrigade 1, Brigadegeneral Markus Meyer, ist seit August vorigen Jahres auf seinem Posten. Er sagt bei einem Gespräch im Hauptquartier der Fallschirmtruppe in Saarlouis rückblickend über den damaligen Kommandeur des ihm unterstehenden Regiments 26: „Ich stand ständig in der Kommunikation mit dem Regimentskommandeur, Oberst Henkel, und wusste, wie sehr ihn das beschäftigt. Das war lange das dominierende Thema in diesem Regiment.“ Zu den Bewertungen und Entscheidungen in Berlin und beim Kommando Heer äußert sich Meyer zurückhaltend. Er habe diese „zur Kenntnis genommen“, und weiter: „Der Inspekteur Generalleutnant Dr. Freuding hat gesagt, es gab eine Häufung von Vorfällen in der Luftlandetruppe, und deshalb hat man die Entscheidung getroffen, einen Aktionsplan für die Luftlandetruppe zu machen.“ Auch wenn man zunächst nicht beteiligt worden sei, trage die Brigade das Vorhaben nun voll mit. Martin Holle, der neue Regimentskommandeur in Zweibrücken, gilt als Offizier, den viele bereits kannten und dem sie vertrauen. Er sei ein Mann, der sehr in sich ruhe, überlegt handele und eine ruhige Ausstrahlung habe, sagt Meyer. Holle, selbst Fallschirmjäger von der Pike auf, hat in Afghanistan in Gefechten gestanden und zeitweise die Schule der Luftlandetruppen geleitet. Aber auch der Oberst sucht noch nach Antworten. In der Umfrage, die er in seinem Brief an die Soldaten Mitte Januar angekündigt hat, können diese sich anonym zur Lage im Regiment äußern: Wie wird die Kameradschaft untereinander aktuell eingeschätzt, gab es sexuelle Übergriffe, wie wurde darauf reagiert? Wie steht es mit Alkoholmissbrauch? Mehr als 600 Soldaten haben sich bereits beteiligt. Zudem hat Holle seinen Soldaten bei einem „Townhall Meeting 1/26“ die offene Aussprache angeboten, „unabhängig vom Dienstgrad“. Um sicherzugehen, dass beim ersten Mal auch genug teilnehmen, hat er aus jeder Kompanie, jedem Bereich die Anwesenheit von drei bis vier Soldatinnen und Soldaten befohlen. Am Tag vor dem Gespräch mit der F.A.Z. in Zweibrücken war Oberst Holle selbst beim Inkraftsetzen des „Aktionsplans Luftlandetruppe“ dabei. Der Plan mit elf Themenpaketen soll Ordnung schaffen, Missstände beseitigen, Regeln bekräftigen. Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Christian Freuding, hielt vor Soldaten, Offizieren und Generälen zudem einen Vortrag zum Thema Führungskultur. Damit wollte er das Vorgehen der Heeresleitung einordnen. Alle Verantwortlichen der Luftlandetruppen, vom Divisionskommandeur bis hin zum Chef der besonders betroffenen 4. Kompanie, wurden in den letzten sechs Monaten ausgetauscht oder wechselten turnusmäßig. Zuletzt ging auch der dortige Kompaniefeldwebel, um „den geforderten Neuanfang zu ermöglichen“, wie Holle den Soldaten mitteilte. Das meiste geschah ohne Aufsehen. Auch die Ablösung des alten Kommandeurs sollte zügig, aber zunächst ohne Nachteil für dessen Karriere über die Bühne gehen. Doch die Führung des Regiments aus der Krise heraus wurde ihm nicht mehr zugetraut. Auch nicht von Generalinspekteur Carsten Breuer. Oberst Henkel bekam eine Referatsleiterstelle in Potsdam. Erst, wenn auch der Letze im Ziel ist, wird die Zeit gestoppt: Am Ende des Hindernislaufs üben die Soldaten, im Schützenloch Deckung zu nehmen. Auch das Werfen einer Handgranate wird mit einem blauen Übungswurfkörper geprobt. In Zweibrücken blicken viele ganz anders auf Henkel. Bei Gesprächen der F.A.Z. mit einem halben Dutzend Soldatinnen und Soldaten wird er stets hochgelobt und die Führung des Heeres kritisiert, insbesondere der Kommandeur Feldheer, Generalleutnant Harald Gante. Der sei in der Krise nie in Zweibrücken gewesen, trotz mehrmaliger Ankündigung. Dass es dafür gute, persönliche Gründe gab, wissen sie nicht oder wollen es nicht wissen. Manche Soldaten sind sauer auf das, was Gante öffentlich über Henkel sagte: „Im Heer gilt: Schlechte Führung ist kein Dienstvergehen, wird aber nicht geduldet.“ Ihnen passe auch nicht, so hört man im Regiment, dass Gante Fallschirmjäger mit Russlands Armee verglichen habe. Gesagt hatte er: „Für uns, und das unterscheidet uns ja von den russischen Soldaten, muss die Wertebindung die entscheidende Rolle spielen.“ Freudings Rede zum Aktionsplan zeigte, wie groß die Kluft zwischen der Selbstwahrnehmung bei den Fallschirmjägern und der Lagebeurteilung des Heeres ist. Punkt für Punkt widersprach der Heereschef dabei dem in Zweibrücken verbreiteten Narrativ von wenigen Einzelfällen im Militärparadies des Spitzenoberst Henkel. Freuding stellte den Einsatzwert der Fallschirmjäger insgesamt infrage, wenn sie nicht neben materiellem und personellem Aufwuchs für den Kampfwert und die Kriegstüchtigkeit des Heeres ein demokratisches Wertegerüst und die Leitlinien der Inneren Führung verinnerlichen. Ohne sie sei militärische Exzellenz nichts wert. Der General war zuvor im Ministerium Leiter des Planungsstabs und Cheforganisator der Ukrainehilfe. Ihm wird wie kaum einem anderen zugetraut, die deutschen Landstreitkräfte in eine mögliche Auseinandersetzung an der NATO-Ostflanke zu führen. „Wo Soldatinnen und Soldaten sich durch betäubende Mittel im Wortsinne ‚außer Gefecht setzen‘, kann kein hoher Einsatzwert entstehen. Wer seiner Gesundheit wissentlich Schaden zufügt, (...) schwächt die Gemeinschaft“ Dreisternegeneral Christian Freuding, Inspekteur des Heeres Schon Freudings Eröffnungsworte bei der Veranstaltung machten den Ernst der Lage klar: Die weite Reise von Strausberg in Brandenburg nach Altenstadt in Oberbayern, die er unternommen habe, sei „auch ein Symbol für die Wegstrecke, die vor uns liegt“. Sein Ziel sei „ein einheitliches Verständnis zur Führungskultur des Heeres“. Um Gemeinsamkeit zu demonstrieren, nahm Freuding später am Tag gemeinsam mit Meyer, dem Kommandeur der Luftlande­brigade 1, und Holle, dem Kommandeur des Zweibrücker Regiments, an einem Fallschirmsprung aus 3000 Meter Höhe teil, im Tandem mit einem Fallschirmjäger. Abgestellt im Besprechungsraum: Das Wappen des Fallschirmjägerregiments 26 wartet auf bessere Zeiten. Was aber ist die Führungskultur, an der es in der Luftlandetruppe gemangelt hat und vielleicht immer noch mangelt? Der oberste Heeressoldat sprach von Charakter- und Herzensbildung und der Bedeutung der freiheitlichen Ordnung in ihrer Ausrichtung auf die Würde des Einzelnen für das Soldat-Sein. Gefechtswert entstehe „nicht erst im Feuer. Er wächst lange davor – im Alltag, im Tonfall, im Umgang miteinander und in der Art, wie geführt wird.“ Dass Frauen, die sexuelle Übergriffe meldeten, im Regiment isoliert und ausgeschlossen wurden, hält Freuding für inakzeptabel. Er sagte, es sei „von fundamentaler Bedeutung, dass wir Kamerad­schaft schützen, wo sie unter Druck gerät durch Ausgrenzung, Erniedrigung oder durch bewusstes Abweichen von unseren Werten“ – Stichwort Naziparty und Hitlergrüße auf Stuben. Zum Drogenkonsum, von Alkohol bis Kokain, hielt sich Freuding nicht mit der beliebten Ausrede auf, das komme aus der Gesellschaft in die Truppe, sondern sagte: „Wer seiner Gesundheit wissentlich Schaden zufügt, handelt wider die eigene Einsatzfähigkeit und schwächt die Gemeinschaft.“ Und auch zum Umgang mit gravierendem Fehlverhalten fand Freuding klare Worte: „Wer hier aus Bequemlichkeit oder anderen Gründen auf den Außenanstoß von Vorgesetzten, Wehrbeauftragten oder Medien wartet, der führt ebenfalls nicht. Sondern lässt geschehen.“ Man konnte das als Wegweisung verstehen. Aber auch als letzte Warnung: Denn weitere Veränderungen stehen im Raum bis hin zur Auflösung der beiden existierenden Regimenter. General Meyer, der heutige Kommandeur der Luftlandebrigade 1, sagt der F.A.Z., die Fallschirmjägertruppe sei „nicht zeitgemäß aufgestellt“. Und das stelle er als jemand fest, der seit 32 Jahren dabei sei. Das Regiment sei mit seinen elf Kompanien kaum zu führen. Es wurde seinerzeit so aufgestellt, um alle drei bis sechs Monate eine Kompanie für den Einsatz in Afghanistan ausgebildet zu haben. „Das hat funktioniert, aber so brauchen wir das heute nicht mehr.“ Langfristig gehe es um eine Veränderung. Gedacht wird dabei wohl an drei Bataillone statt zweier Regimenter. „Wer hier aus Bequemlichkeit oder anderen Gründen auf den Außenanstoßvon Vorgesetzten, Wehrbeauftragten oder Medien wartet, der führt eben nicht. Sondernlässt geschehen.“ Dreisternegeneral Christitan Freuding, Inspekteur des Heeres Und kurzfristig? Der Aktionsplan muss umgesetzt werden, und dann warten auf die Soldaten ihre Kernaufträge, Training, Manöver, vielleicht Einsätze. Oberst Holle will seine Leute noch im Februar zu einem größeren Manöver schicken, wo auch mit Drohnen trainiert werde. Vom 1. April an übernimmt das Zweibrücker Regiment dann von dem Seedorfer Regiment den Auftrag, jederzeit weltweit deutsche Staatsbürger evakuieren zu können. Der Kommandeur sagt: „Wir wollen, das ist auch wichtig für unser Selbstbild, unsere Selbstidentifikation, wieder ins normale Arbeiten reinkommen.“ Die Reise dahin hat begonnen, aber sie ist noch weit. Ermittlungen in der Bundeswehr „Nein heißt Ja und Ja heißt anal“ F. A. Z. Podcast für Deutschland Skandal bei den Fallschirmjägern: Vergewaltigungsphantasien und Nazipartys