Es gibt einen neuen Trend in den Comic-Produktion: „Convenience Comics“ möchte ich ihn nennen – maßgeschneiderte Geschichten für die Kundschaft. Die besteht aber erst in zweiter Linie aus Lesern. Vorrangig bedient werden institutionelle Abnehmer, die sich von Comics, die ihren Idealen (vor allem inhaltlicher Natur) entsprechen, Aufmerksamkeit versprechen. Das jüngste Beispiel dafür ist das gerade erschienene Heft „Buben, Dame, König Bach“ aus der „Mosaik“-Reihe, das deren Protagonisten, dem ständig auf Zeitreisen befindlichen Comic-Kobold-Trio namens „Die Abrafaxe“, eine Reise ins Leipzig des Jahres 1723 beschert, wo sie auf Johann Sebastian Bach treffen. Auftraggeber ist hier die Neue Bachgesellschaft, ein mittlerweile 125 Jahre alter Verein, der sich um die Pflege der Musik seines Namensgebers bemüht. Und deshalb auch das Heft gratis abgibt. Aber bevor wir uns das genauer ansehen, sei festgestellt, dass es natürlich Werbecomics (und um einen solchen handelt es sich letztlich natürlich) gibt, solange Comics existieren. Je berühmter die jeweiligen Figuren, desto begehrter waren sie für Reklamezwecke, und das nicht nur durch ihr bloßes Konterfei auf Produkten oder Plakaten. Eigens erstellte Geschichten waren schon immer so etwas wie die Königsdisziplin, zumal dadurch nicht selten Raritäten produziert wurden. Was früher typisch war, kommt uns heute zynisch vor Etwa im Falle von Carl Barks, der für amerikanische Firmen mehrere Donald-Duck-Abenteuer zeichnete, die dann zwar gratis abgegeben wurden, aber trotzdem weniger Verbreitung (nämlich nur unter der Firmenkundschaft) fanden als normale Kioskware. Berühmt-berüchtigt ist etwa „Donald Duck’s Atom Bomb“, von Barks 1946 gezeichnet für einen Kekshersteller. Wobei dessen Seltenheit noch mehr damit zusammenhängt, dass die Geschichte in unveränderter Form nie mehr nachgedruckt wurde und heute einem Disney-Bann unterliegt. Damals war es tagesaktuell und durchaus typisch, Donald Duck zum Erfinder einer ohrenschonenden Atombombe zu machen, heute gilt das als zynisch. Für die Schöpfer bekannter Comics sind solche Projekte lukrative Nebengeschäfte ohne Absatzrisiko. Nicht wenige Autoren leben zu nicht unerheblichen Teilen von derartigen Aufträgen. So kenne ich etwa wunderschöne Werbecomics von Ulf K. und Isabel Kreitz, und von Markus Färber gibt es einen großartigen Comic, der im Auftrag des Bundesbildungsministeriums zu einem „Jahr der Wissenschaft“ entstand. Wobei es sich hierbei jeweils mehr um Geschichten handelt, bei denen man die individuelle Könnerschaft des jeweiligen Autors einkauft. Bei den Abrafaxen oder Donald Duck zählte dagegen die Bekanntheit der Serie – dass Cheerios Premium sich mit Carl Barks den größten Comic-Erzähler aller Zeiten einhandelte, wussten sein Abnehmer schon deshalb nicht, weil die Auftragserteilung über den Comic-Lizenznehmer von Disney lief und damals nie Namen individueller Zeichner genannt wurden. Zeitreisende, die aus der Reihe tanzen Witzigerweise war dieses Prinzip jahrzehntelang auch bei den Abrafaxen üblich, denn das „Mosaik-Magazin“ entstand ja 1955 in DDR-Zeiten, als man sich im Sozialismus schwer mit Comics tat und noch schwerer mit individuellen Unternehmerpersönlichkeiten, weshalb Hannes Hegen, der Gründer der Heftreihe, fortan ständig vom „Mosaik-Kollektiv“ sprach, um seinem Privatatelier mit mehreren Angestellten den Anschein eines sozialistischen Musterbetriebs zu geben. Allerdings stand auf der Titelseite stets „Hannes Hegens Mosaik“, bis man ihn 1975 schließlich ausbootete und seine ursprünglichen Figuren, ein ständig auf Zeitreisen befindliches Comic-Kobold-Trio namens „Die Digedags“, an dem Hegen eingetragene Urheberrechte besaß, durch das recht freche Plagiat der Abrafaxe ersetzte. Aber die sind nun schon fünfzig Jahre lang erfolgreich mit ihren monatlich fortgesetzten Erlebnissen. Und mittlerweile werden auch in jedem Heft die Macher namentlich genannt. In der vergangenen Woche wurde das sechshundertste Abenteuer der Abrafaxe in Berlin groß gefeiert, aber strenggenommen sind die drei Kobolde Abrax, Brabax und Califax schon weiter herumgekommen, denn das kurz zuvor erschienenen Bach-Abenteuer läuft ja außerhalb der regulären Reihe und wurde somit nicht mitgezählt. Diese Art von Nebengeschäft hat etwa auch der große Konkurrent des „Mosaiks“, die Reihe „Lustige Taschenbücher“ mit Disney-Figuren (vor allem Donald Duck und seiner Verwandtschaft) längst für sich entdeckt: Interessierten Institutionen werden Zusammenarbeiten angeboten, in deren Rahmen exklusive Taschenbücher erstellt werde, die dann nur vom Abnehmer in Umlauf gebracht werden, oder solche, deren Auflage zwischen beiden Vertragspartnern geteilt werden, so dass der Kunde einen Teil vertreiben kann und der Rest regulär in den Verkauf geht. Dabei kann altes Material unter inhaltlichen Aspekten neu zusammengestellt werden oder bisweilen werden auch ganz neue Geschichten gezeichnet, die auf den Abnehmer zugeschnitten sind. Letzteres ist nun auch bei „Buben, Dame, König Bach“ der Fall, und „Mosaik“ mit seinem kleinen, aber dadurch auch höchst flexiblen Autorenteam kann leicht auf individuelle Kundenwünsche eingehen – solange nur der spezifische Geist der Abrafaxe-Abenteuer gewahrt bleibt, die über das Erzählprinzip der Zeitreisen auch Wissensvermittlung betreiben (das war seinerzeit die Legitimation in der DDR, überhaupt so etwas wie Comics zu verlegen, wobei sie als „Bildergeschichten“ bezeichnet wurden, um keinen Begriff vom Klassenfeind übernehmen zu müssen). Also ist hier einiges über Bach zu lernen. Vor allem, wie schwer es er zu Beginn seiner Leipziger Zeit hatte, die heute die berühmteste Phase in seinem Komponistenleben ist. 1723 trat er das Amt des Thomaskantors an, und anfangs hatte er noch den Ehrgeiz, wöchentlich die Gottesdienste mit neu komponierten Kantaten zu bereichern. Zugleich hatte er aber auch den Knabenchor der Thomaner zu leiten, was regelmäßige Übungsstunden bedeutete, und da das Gehalt des Kantors nicht riesig war, Bach aber eine große Familie hatte, wurde auch noch Geld dazuverdient durch Auftritte mit besonders talentierten Thomanern bei privaten Interessenten. Also etwa so wie das Zugewinngeschäft des „Mosaiks“: Beides bringt Geld, aber kostet Zeit und muss selbstverständlich auch etwas taugen, sonst macht man so etwas nur einmal. Nichts geht hier ohne Frau Bach Betreffs des Bach-Comics kann man durchaus von einer Empfehlung für weitere derartige kommerzielle Einsätze der Abrafaxe reden. Zumal es die Fans begeistern wird, dass sie ein Abenteuer umsonst ausgehändigt bekommen – wenn auch nur in Leipzig selbst im Thomasshop an der Thomaskirche und in Eisenach im dortigen Bachmuseum. Wer das Heft woanders bekommen möchte, kann es sich zuschicken lassen, muss dafür als inländischer Empfänger jedoch drei und als ausländischer fünf Euro zahlen. Immer noch günstig. Die Bestelladresse findet sich auf der Website der Neuen Bachgesellschaft. Natürlich bekommt Bachs Mythos keinen Kratzer; vielmehr spielt der Szenarist Jens U. Schubert (der sich von dem Bach-Experten (und Präsidenten des Leipziger Bach-Archivs) Peter Wollny beraten ließ) mit dem, was wir alle über den Thomaskantor wissen. Aber anders als der seltsame Fernsehfilm über die Bach-Familie vom Vorjahr wird hier ein auf lustige Weise ein komplexes Bild des bachschen Alltags gezeichnet. Die wichtige Rolle der Komponistengattin Anna Magdalena – die „Dame“ aus dem Hefttitel – bei der Organisation des immensen Pensums ihres Mannes wird klar (ganz zu schweigen von ihrem Arrangement der familiären Pflichten), die Erwartungen der Bach gegenüber anfangs eher skeptischen Leipziger sind Thema, und Sängerknaben-Eifersüchteleien und -Intrigen an der Thomasschule (die „Buben“ des Titels) bieten die Grundlage der Geschichte. Bei allen Problemen erweisen sich die drei Abrafaxe als hilfreich. Wie Bach in Leipzig dank der Abrafaxe Land unter die Füße bekam In diesem Comic wird so mancher alte Zopf des Bach-Bilds abgeschnitten – und das nicht nur, weil der Herr Thomaskantor fast immer ohne seine Perücke, weil daheim bei der Arbeit, zu sehen ist. „König Bach“ kommt hier recht selbstherrlich, aber immer auch genial daher; fürs praktische Gelingen der ersten Leipziger Amtswochen stehen ja die Abrafaxe parat - in bester Mosaik-Manier. Und gemäß derer gibt es im Verlauf des Abenteuers einige stimmungsvolle große Panels, die das Leipziger Stadtbild des frühen achtzehnten Jahrhunderts dokumentieren, während bei einem Gottesdienst in der Thomaskirche zahlreiche Personen im Publikum sitzen, in denen Niels Bülow, Jens Fischer, Benjamin Karré und Andreas Schulze als für die Zeichnungen verantwortlich Künstler Menschen unserer Gegenwart eingeschmuggelt haben. Dazu gibt es nach den 26 Seiten Comic noch zwölf Seiten Anhang mit Getrommel für die Neue Bachgesellschaft (die soll ja auch etwas haben von dem Heft), den Thomanerchor und das bachsche Werk als solchem. Dazu Rätsel und Fakten und nicht zuletzt einen QR-Code, mit man zum Comic Musik hören kann: mittels einer Playlist der Gesellschaft. Das klingt gut. Wie die ganze Idee von „Buben, Dame, König Bach“.
