Yemisi Ogunleye legt sich die Kugel an den Hals, dreht sich ein-, zweimal um die eigene Achse, und drückt mit einem lauten Schrei das Metall von sich. Sie weiß schon in dem Moment, als die Kugel ihre Hand verlässt, dass der Versuch gut war. Aber wie gut, erfährt sie erst, als die Weite auf der Anzeigetafel aufleuchtet. Ogunleye kann es selbst kaum fassen. Bei den deutschen Hallenmeisterschaften in Dortmund hat die 27-Jährige ihren Titel erfolgreich verteidigt. Im fünften Versuch wuchtete sie die Kugel auf 20,37 Meter und damit noch einmal zehn Zentimeter weiter als vor einem Jahr an gleicher Stelle. Es ist ein Ergebnis, das von Dominanz erzählt – und zugleich von Notwendigkeit. Auf nationalem Niveau ist Ogunleye längst die Athletin, die es zu schlagen gilt. International muss die 20-Meter-Marke für sie aber zur Gewohnheit werden, um mit der Weltspitze mithalten zu können. Ein Jahr ohne Großereignisse bietet Raum für Fehler Dass diese Entwicklung notwendig ist, hatte sich bei der WM im September gezeigt. Ogunleye ging zwar als Olympiasiegerin in den Ring. Im Finale blieben die 19,33 Meter im ersten Versuch aber ihr bester Stoß. Sie landete nur auf Platz sechs. Für eine Medaille hätte Ogunleye über sich hinauswachsen müssen, stattdessen fand sie nicht in den Rhythmus, den sie braucht, um gegen Ende eines Wettkampfs nochmals anzugreifen. Ogunleye ließ sich davon nicht verunsichern. „International habe ich sehr starke Konkurrenz, die schon ein paar Jahre länger des Drehstoßen beherrschen“, sagt sie. Der Unterton ist jedoch klar: Wenn sie oben mitspielen will, muss sie nicht nur weit stoßen können, sondern es immer wieder tun – auch dann, wenn es im Wettkampf einmal nicht laufen mag. Nach einem schwierigen Jahr im Anschluss an ihren Olympiasieg sieht sich Ogunleye auf dem Weg zu alter Stärke. Auch dank einer gezielten Umstellung ihrer Drehstoßtechnik: „Wir haben nicht viel verändert, aber das, was wir verändert haben, braucht ein bisschen Zeit.“ Der Zeitpunkt für solche Anpassungen sei bewusst gewählt: „Wenn man etwas verändern will, dann in diesem Jahr ohne WM und Olympische Spiele.“ Zwar steht im August die EM in Birmingham auf dem Programm, aber ein Jahr ohne die großen Höhepunkte bietet Raum für Fehler, die sich Ogunleye sonst nicht leisten kann. „Meine größte Baustelle ist das Warten“ Die 27-Jährige arbeitet an Details, die sich am Fernseher kaum greifen lassen, für sie aber über Zentimeter, wenn nicht ganze Meter entscheiden. „Ich habe eine solide Technik, aber es gibt trotzdem Positionen, die man ausbauen kann“, sagt Ogunleye und beschreibt ihr Manko ungewohnt plastisch: das Timing. „Meine größte Baustelle ist das Warten, bis ich die Kugel ausstoßen darf. Ich bin eine schnelle Athletin, aber jetzt liegt der Fokus darauf, diese Schnelligkeit auf die Kugel zu bekommen.“ In den kommenden Jahren will Ogunleye in neue Sphären vorstoßen und die erreicht sie nur, so klingt es bei ihr, durch viele Wiederholungen: „Es fühlt sich ein bisschen tänzerisch an. Das ist wie eine Choreo, die ich immer wieder abspielen muss.“ Wie komplex diese Choreo ist, wird deutlich, wenn Ogunleye die Bewegung im Ring beschreibt. „Was man am besten sehen kann, ist die Art, wie ich den Stoß attackiere.“ Der Rhythmus sei entscheidend, sagt sie, und spricht von einer leichten Technikumstellung im Schwungarm und bei der Fußbewegung. Die eigentliche Kunst liege aber darin, das Tempo beizubehalten: „Durch die Geschwindigkeit, die man mit den Beinen erzeugt, ist die Schwierigkeit, oben zu warten – also eine Verwringung zwischen Oberkörper und Beinen zu bekommen. Das ist beim Drehstoß das Schwierigste: Ober- und Unterkörper zu entkoppeln.“ Solche Anpassungen kosten Nerven – und manchmal auch Weite. „Es braucht aktuell sehr viel Fokus, um die Technikumstellung im Wettkampf umsetzen zu können“, sagt Ogunleye. In Dortmund war ihr dieser Spagat zeitweise anzusehen. Sie sei „so nervös wie nie“ gewesen, fand schwer in den Wettkampf und kam nicht annähernd an ihre Saisonbestweite (19,86 Meter) heran. Im fünften Durchgang passte schließlich alles zusammen, und die Kugel landete deutlich hinter der 20-Meter-Linie. „In den ersten drei Versuchen habe ich ein bisschen daran gezweifelt, dass es noch weiter geht“, sagt Ogunleye nach dem Finale in der ARD: Dann habe sie aber einen Technik-Tipp bekommen, der am Ende auch der Schlüssel gewesen sei. „Es ist sehr anstrengend, wenn man im Wettkampf so viel an die Technik denkt.“ Das Ziel sei nur gewesen, ihren Meistertitel erfolgreich zu verteidigen. „Das ist mir gelungen, und nochmals eine persönliche Bestweite zu erzielen, ist mehr als ich mir erhofft habe.“ Ogunleye ging es aber auch darum, ein Signal zu senden – an sich und an die Konkurrenz. „Viele Athleten nutzen dieses Jahr, um ein neues Fundament zu bauen für die nächsten zwei Jahre.“ Bei der Hallen-WM in drei Wochen im polnischen Torun zählt sie nach zweimal Silber unter dem Dach abermals zu den Medaillenanwärterinnen. Bis dahin gilt es, die Choreo so lange zu wiederholen, bis sie im entscheidenden Moment von allein sitzt.
