FAZ 12.01.2026
14:15 Uhr

Bester Eishockeyprofi: Connor McDavid ist das Wunderkind ohne Wunder


Sein Spitzname ist „McJesus“: Connor McDavid ist der beste Eishockeyspieler der Welt. Seit Jahren jagt er einem Titel hinterher. Warum bleibt er seinem Team treu?

Bester Eishockeyprofi: Connor McDavid ist das Wunderkind ohne Wunder

Es kommt nicht oft vor, dass eine Kamera den Moment erwischt, in dem sich einer der größten Stars einer Sportart in Rage brüllt. Schon gar nicht im Fall von Connor McDavid, gewöhnlich das Musterbeispiel eines Athleten, der seine Emotionen im Griff hat und seine innere Verfassung routiniert hinter leeren Augen verbirgt. Doch diesmal war ihm egal, wie seine Tirade wirken würde. Und dass sie der Rest der Welt wenige Monate später in einem Dokumentarfilm auf der Streaming-Plattform Amazon Prime zu sehen bekommen würde. „Das reicht nicht!“, schrie er nach einer 1:4-Niederlage gegen die Florida Panthers seine Mitstreiter in der Umkleidekabine an und würzte einen abgehackten Halbsatz nach dem anderen mit dem Wort „fucking“. Sie sollten endlich alles aus sich herausholen, zeterte er. „SOFORT!! ES IST DAS FINALE!!“ Zwei Wochen später hatten die Edmonton Oilers und ihr Kapitän in der Best-of-seven-Serie tatsächlich einen Rückstand von drei verlorenen Spielen egalisiert. Aber als das Team im zweiten Drittel der siebten Begegnung einmal mehr zurückfiel, waren die Reserven verbraucht. Sie hatten alles gegeben. Und dem Mann mit der Nummer 97 fehlten die Worte. Er saß in sich zusammengesunken auf einem Stuhl. Und alles, was aus ihm noch herausronn, waren Tränen der Enttäuschung. Seitdem bezweifelt niemand mehr, dass der beste Eishockeyspieler der Welt keine Maschine ist, sondern ein Mensch, in dessen Innern eine Menge passiert. Und dass einem Kanadier wie ihm nichts mehr schmerzt als die verpasste Gelegenheit, mit dem eigenen Namen auf dem riesigen Sockel des Stanley Cups eingraviert zu werden. Das kann keine olympische Goldmedaille aufwiegen Eine solche Abfuhr kann im Mutterland der Sportart nicht mal eine olympische Goldmedaille aufwiegen, die die Männermannschaft zum letzten Mal 2014 in Sotschi gewann. Und die Connor McDavid in ein paar Wochen in Mailand gerne mit der kanadischen Mannschaft gewinnen würde. Ebenso stellt kaum jemand infrage, dass die Edmonton Oilers durchaus das Zeug haben, diesen Pokal doch noch irgendwann zu gewinnen. Vermutlich allerdings nicht gegen die Florida Panthers, wie sich im letzten Frühsommer zeigte, als sich beide Teams wieder in der Finalserie gegenüberstanden. Und als es nur selten so aussah, als könnten sie dem Kader die vier Siege abtrotzen, die man dazu einfahren muss. Die Oilers gewannen nur zwei Spiele und die relativ glücklich in der Sudden-Death-Verlängerung. Diesmal klang Connor McDavid ganz anders. Nämlich seltsam unbeteiligt wie ein distanzierter Beobachter des Geschehens, obwohl er in dem kurz davor als einer der Hauptdarsteller im Mittelpunkt gestanden hatte: „Wir haben gegen ein wirklich gutes Team verloren“, sagte der 28-Jährige mit einem Anflug von Fatalismus. Von Vorwürfen keine Spur. „Keiner von uns hat innerlich aufgegeben und das Handtuch geworfen. Wir sind allerdings nie richtig in Fahrt gekommen.“ Das Ganze hatte sich nämlich angefühlt, als ob man nicht auf einer ebenen, sondern auf einer schiefen Eisfläche gespielt hatte, auf der man wie der Sisyphus der griechischen Mythologie permanent gegen die Schwerkraft kämpft. Hatte sich da Gleichgültigkeit eingestellt? Das scheint schwer vorstellbar, denn der Grund, weshalb McDavid im September um zwei Jahre in Edmonton verlängerte und sich mit 12,5 Millionen Dollar pro Saison (etwa 10,7 Millionen Euro) zufriedengab, ist wohl doch die Sehnsucht nach der Meisterschaft. Gewiss, der Betrag wirkt auf den ersten Blick wie eine weitere Schmach. Denn in der National Hockey League werden derzeit sowohl seinem Mannschaftskollegen und Weltklassespieler Leon Draisaitl mit 14 Millionen, Auston Matthews (Toronto Maple Leafs) mit 13,25 Millionen (11,4 Mio. Euro) und Nathan MacKinnon (Colorado Avalanche) mit 12,6 Millionen (10,8 Mio. Euro) eine höhere Entlohnung zugestanden. Doch McDavid sah, dass die Gehaltsdeckel-Regeln in der Liga, genannt Salary Cap, Teams nur begrenzten Raum für üppige Gagen lassen. Und dass die sportlichen Aussichten bei einem Wechsel zu einer anderen Mannschaft, die bereit gewesen wäre, mehr zu zahlen, deutlich schlechter gewesen wären. Und abgesehen davon: Es gehört durchaus zu den Ungereimtheiten der mithilfe von Tarifverträgen ausgehandelten Gehaltswelt der amerikanischen Ligen, dass die besten Spieler nicht immer das meiste Geld verdienen. Seinen Grund dafür erläuterte McDavid im September in einem Fernsehinterview. „12,5 ist viel Geld.“ Und der Betrag gebe „unserem Management die Chance, etwas mehr auszugeben. Und darauf kommt es schlussendlich an.“ Welche Rolle bei solchen Themen die enge Freundschaft zwischen ihm und Leon Draisaitl spielt, ist von außen schwer abzuschätzen. Geld ist zwischen Draisaitl und McDavid offenbar kein Thema Der 30-Jährige hatte bereits 2024 seinen Vertrag verlängert und war damit auf der sicheren Seite gelandet. Denn die Abmachung läuft über acht Jahre und garantiert, dass er die Gesamtsumme von 112 Millionen Dollar (etwa 96,3 Millionen Euro) auch erhält, egal ob er zwischendurch verletzt ausfällt oder körperlich angeschlagen vorzeitig seine Karriere beendet. Das Kalkül seines Kumpels beschäftigte den Kölner scheinbar nur am Rande, auch wenn ohne ihn ein Stanley-Cup-Gewinn in weite Ferne gerückt wäre. „Ich rede nicht ständig mit ihm über seinen Deal“, sagte Draisaitl in einem Podcast-Interview im September. „Ich gewähre ihm seinen Freiraum.“ Das neuerliche Bekenntnis von McDavid zu Edmonton, wo er seit seinem 19. Lebensjahr sein Können unter Beweis stellt, hält also den Traum vom großen Triumph wach. Der wäre der Höhepunkt einer Laufbahn, die begann, als seine Eltern dem kleinen Knirps die ersten Schlittschuhe verpassten. Er war vier Jahre alt, als sie ihn in einer Hobbyliga in seinem Heimatort Newmarket unweit von Toronto anmeldeten, wo der Junge bereits für Kanadas Nationalsportart brannte. „Ich war total ungeduldig und wollte unbedingt spielen.“ Er entwickelte sich rascher als seine Altersgenossen. Zwei Jahre später nahm er bereits am Probetraining einer Auswahlmannschaft der Region teil und „spielte mit sechs Jahren mit Neunjährigen“, erinnert sich seine Mutter Kelly. Als er vierzehn war, begann sich sein Talent unter Agenten herumzusprechen. Keiner war so schnell wie ein Repräsentant der Orr Group, die die Eishockey-Legende Bobby Orr aufgebaut hatte. Der ging dem Tipp eines jungen NHL-Profis nach, der McDavid bei einer improvisierten Trainingssession erlebt und festgestellt hatte: „Der macht Dinge, die nicht mal ich fertigbringe.” Auch auf seiner nächsten Station bei den Junioren in der Ontario Hockey League (OHL) und dem Team der Erie Otters auf der amerikanischen Seite des Ontariosees versprühte er konstant ein faszinierendes Feuerwerk aus Übersicht, Tempo und Stocktechnik. Auch wenn er – mit 15 – nach dem Eindruck des Fitness- und Ernährungsspezialisten Gary Roberts, der in die Betreuung eingebaut wurde, noch ein paar Defizite zu beackern hatte. Seien es im Sozialverhalten („Er war schüchtern. Er war ein stiller Typ.“) oder was die Abneigung gegen das Training mit Hanteln und Gewichten betraf. Die ersten großen Erwartungen lösten sich am Draft-Tag im Juni 2015 ein, als die Edmonton Oilers den 18-Jährigen an Platz eins der Ziehungsliste auswählten. Der war auf Wolke sieben angekommen. „Unglaublich“, sagte er. „Es ist ein total surreales Gefühl. Ich kann im Moment kaum in Worte fassen, wie viel mir das bedeutet. Ein absoluter Traum ist wahr geworden.“ Nur wenige werden sich daran erinnern, an welchem Ort sich das Draft-Prozedere vollzog: ausgerechnet in der Arena der Florida Panthers, in der McDavid und die Oilers Jahre später zweimal nacheinander in der Finalserie scheiterten. Wer seine NHL-Biographie durchblättert, wird vermutlich eher bei anderen Meilensteinen hängen bleiben. Etwa bei seiner zweiten Profi-Saison, als er in der Tabellenphase das komplette Programm mit 82 Spielen absolvierte, zum ersten Mal 100 Scorer-Punkte erzielte, die Hart Memorial Trophy als wertvollster Spieler gewann und die Oilers nach elf trostlosen Jahren in die Play-offs führte. Der perfekte Hoffnungsträger, der im Oktober 2016 ein weiteres Stück NHL-Geschichte schrieb, als er mit gerade mal neunzehn zum Kapitän ernannt wurde. Trainer Todd McLellan traute ihm schon damals zu, mit dem Druck umzugehen, den das Amt mit sich bringt. „Er ist für sein Alter sehr reif, verhält sich vorbildlich und kümmert sich um seine Teamkollegen, sowohl in der Öffentlichkeit als auch im Umgang mit den Medien.“ In dieser Rolle war die Nummer 97 – eine Referenz an sein Geburtsjahr 1997 – nicht nur Antreiber und Katalysator für den Umgang mit enttäuschenden Resultaten, sondern auch Zielscheibe mancher Kritik. Die Fans warten vergeblich auf McDavids Wunder Gerne bemängelt werden seine Führungsqualitäten, sein – vermeintlicher – Mangel an Einsatzbereitschaft in der Defensive, seine Bereitschaft, den Puck in entscheidenden Situationen eher abzugeben, anstatt selbst aufs Tor zu schießen, und seine Neigung, sich über Schiedsrichterentscheidungen zu beschweren, durch die er sich benachteiligt fühlt. Das alles fügt sich vielschichtig zum Bild eines Wunderkinds, das womöglich als tragische Figur in die Annalen der Eishockeygeschichte eingehen könnte.Ein Mensch mit überragenden Fähigkeiten, wie man sie bestenfalls alle zehn bis zwanzig Jahre erlebt. Ein Kufenkünstler, dessen persönliche Statistik schon jetzt an das Format seiner Landsleute Wayne Gretzky und Mario Le­mieux heranreicht. Nicht zu reden von dem Speed, mit dem er übers Eis jagt, und seinem Umgang mit dem Schläger. Qualitäten, die ihm den Spitznamen „McJesus“ eingebracht haben. Was nicht nur blasphemisch klingt. Es ist eine ziemlich schräge Analogie. Denn auch wenn Connor McDavid auf dem Eis gelegentlich scheinbar Unmögliches vollbringt, auf seine Wunder warten die Fans bislang vergeblich.