FAZ 17.01.2026
14:59 Uhr

Bestehen in der neuen Weltordnung: Auf die harte Tour


Europa lernt auf die harte Tour, wie die alte Ordnung zerfällt. Jetzt wird sogar Dänemark von Trump bedroht. Doch weckt der US-Präsident auch Gegenkräfte: im Kongress wie im altlantischen Bündnis, schreibt Thomas Gutschker, unser Korrespondent für EU und NATO.

Bestehen in der neuen Weltordnung: Auf die harte Tour

Auch nach insgesamt fünf Jahren im Amt schafft Donald Trump es noch, die Europäer zu schockieren. Diesmal geht es um Grönland. Der amerikanische Präsident will die zu Dänemark gehörende Rieseninsel „besitzen“, wie er seit nunmehr zwei Wochen immer wieder deutlich macht. Es reicht ihm nicht, Grönland zu „mieten“, er will es „kaufen“. Und wenn das nicht klappt, ist er auch bereit, es sich „auf die harte Tour“ anzueignen, also mit Gewalt, selbst wenn er damit die NATO aufs Spiel setzen würde. Diese Radikalität, die sich in den Überzeugungen seiner engsten Berater spiegelt, ist neu. Neu ist auch, dass der selbst erklärte Friedensstifter Trump nunmehr bereit ist, Gewalt anzuwenden, um seine Ziele durchzusetzen. In Venezuela war das so, Iran könnte der nächste Anwendungsfall werden. Deshalb steht nun eine Möglichkeit im Raum, die kaum vorstellbar erschien: Die Vereinigten Staaten könnten militärisch gegen Dänemark vorgehen, ihren Verbündeten in der NATO seit deren Gründung 1949. Von der Schutzmacht des Bündnisses zur Besatzungsmacht – das wäre unerhört. Ein entfesselter amerikanischer Präsident Europa muss auf die harte Tour lernen, wie die Ordnung, die es nach dem Zweiten Weltkrieg mit der Vormacht USA aufgebaut hat, zerfällt. Erst weigerte sich die Trump-Regierung, die Ukraine weiter mit Geld und (geschenkten) Waffen zu unterstützen. Dann hielt sie den Europäern mit horrenden Zollforderungen die Pistole an den Kopf. Und jetzt spielt sie auch noch mit dem Gedanken, sie militärisch zu unterwerfen. Ein entfesselter Präsident will nicht mehr der gute Hegemon sein, der seine Macht einsetzt, um eine auf Recht basierende Ordnung zu verteidigen. Vielmehr beansprucht er eine imperiale Hegemonie, die von allen Regeln befreit ist. Was aber heißt das für die Europäer? Wie können, wie sollen sie auf diese Herausforderung reagieren? Kurzfristig ist es jetzt am wichtigsten, kühlen Kopf zu bewahren und die Lage nüchtern zu analysieren. Trump ist beeinflussbar, man sollte weiter mit ihm reden. Im Fall der Ukraine hat das bisher recht gut funktioniert, auch wenn es mühsam ist. Allerdings ist die Exekutive nur ein Zweig der Regierung, die nach dem amerikanischen Verständnis auch aus Legislative und Exe­kutive besteht, die einander durch checks and balances in Schach halten. Dänemark hat das verstanden und im Kongress jene Kräfte mobilisiert, die Trumps imperiale Wende nicht mitmachen wollen. In einem System, in dem Republikaner und Demokraten fast nichts mehr gemeinsam zustande bringen, haben Abgeordnete beider Parteien einen Gesetzentwurf vorgelegt, der es dem Präsidenten untersagt, ein NATO-Land oder Territorium wie Grönland zu überfallen. Diese Initiative hat gute Aussichten, beide Kammern zu passieren. Im Senat haben sich schon mindestens neun republikanische Senatoren gegen die Grönland-Drohungen gestellt. Sie alle wissen nicht nur die große Mehrheit der Bevölkerung hinter sich, sondern auch die maßgeblichen militärischen Führer. Trump mag von Autokraten fasziniert sein, aber noch sind die USA weit von Verhältnissen wie in Russland oder China entfernt. Eine europäische Armee würde nichts helfen Der erpresserische Druck des Präsidenten hat auch in der NATO Gegenkräfte freigesetzt. Deutschland, Frankreich, das Vereinigte Königreich und andere belassen es jetzt nicht mehr nur bei Erklärungen, in denen sie die Souveränität Dänemarks bekräftigen. Vielmehr schicken sie eigene Soldaten nach Grönland, um gemeinsam mit einem aufgestockten dänischen Truppenkontingent Flagge zu zeigen. Natürlich würden diese an wenigen Händen abzählbaren Truppen keiner militärischen Konfrontation mit Amerika standhalten; die deutschen „Erkunder“ kommen ohne Waffen. Trotzdem ist das ein starkes politisches Signal an Washington: Wenn Trump sich die Insel wirklich aneignen will, begibt er sich nicht bloß in einen Konflikt mit dem kleinen Dänemark, sondern mit den Führungsmächten Europas. So würde man den Preis für eine Invasion in die Höhe treiben. Das Vorgehen entspricht, paradoxerweise, der Stolperdrahtlogik der NATO. Wer die territoriale Integrität eines Staats verletzt, zieht dessen Partner mit in den Konflikt hinein. Im alten Westberlin und später im Baltikum war das gegen Russland gerichtet – jetzt kommt es gegen die USA zum Einsatz. Man sollte das Bündnis deshalb jetzt nicht kleinreden oder gar für tot erklären. Auch die Rufe nach einer europäischen Armee, die nun wieder erschallen, helfen nicht weiter. Das sind Wunschvorstellungen ohne reale Substanz. Niemand in Europa ist bereit, die Entscheidungsgewalt über den Einsatz eigener Soldaten nach Brüssel zu delegieren. Obendrein verfügt die EU über eine Kommandostruktur, die noch kleiner ist als die des Großherzogtums Luxemburg. Auch eine „Koalition der Willigen“ ist keine Alternative. Die könnte sich zwar auf nationale Führungsfähigkeiten stützen. Doch kann man am Beispiel der Ukra­ine erkennen, was für alle Teilnehmer die notwendige Bedingung ist: dass sie Amerika hinter sich wissen, mit all seiner militärischen, nuklear abgestützten Macht. Ohne diese Absicherung würde sich kein europäisches Land auf eine Verteidigung der Ukraine einlassen (können). Der atlantische Schulterschluss ist weiter nötig Natürlich tun die Europäer gut daran, die europäische Säule in der Allianz auszubauen. Mittelfristig müssen sie fähig werden, einen konventionellen Krieg gegen Russland aus eigener Kraft zu führen – ohne amerikanische Bodentruppen. Trotzdem werden sie auf lange Sicht auf amerikanische Unterstützung angewiesen bleiben: wenn es um Gefechtsfeldaufklärung, Abstandswaffen und Luftverteidigung geht, aber auch beim nuklearen Schutzschirm. Diese Abhängigkeiten sind in acht Jahrzehnten entstanden, sie lassen sich nicht in ein paar Jahren abschütteln. Und wenn Trump die NATO einfach verlässt? Das könnte er nur mit der Zustimmung des Senats tun, der den Washingtoner Vertrag ratifiziert hat. Tatsächlich hat der Kongress dem Präsidenten aber gerade einen Verteidigungs­haushalt für 2026 genehmigt, der zwei wichtige Bedingungen enthält. So muss das Pentagon mindestens 76.000 Soldaten in Europa belassen; andernfalls müsste der Kongress zustimmen. Und diese Truppen sind weiterhin von einem US-Kommandeur zu führen, der auch der militärische Oberbefehlshaber der Allianz ist. Das ist eine gute Basis, um weiterhin den atlantischen Schulterschluss zu suchen. Die NATO wurde für Europas Sicherheit geschaffen. Mit dem Beschluss, fünf Prozent der Wirtschaftskraft für Militär und Infrastruktur aufzuwenden, wird sie auch wieder in die Lage versetzt, glaubwürdig für Verteidigung und Abschreckung einstehen zu können. Europa kann und muss so seine Verteidigung stabilisieren, aber es wird die Aufteilung der Welt in Einflusszonen nicht aufhalten können. Diese Entwicklung ist seit Längerem in Gang und die Folge des Wettstreits der Supermächte. Allerdings entsteht Einfluss nicht bloß durch harte Macht, sondern auch durch wirtschaftliche Stärke und sanfte Faktoren wie kulturelle Attraktivität. Das haben die USA lange Zeit vorgelebt. Wenn Trump nur noch auf das Militär setzen will, wird er tatsächlich Einfluss verlieren – wie sich in Europa schon zeigt. Der Erfolg der Europäischen Union beruht dagegen auf ihrem Binnenmarkt, ihrer Stärke in der Handelspolitik und ihrem Integrationsmodell. Und dieses setzt gerade nicht auf Zwang, sondern auf die Einsicht, dass geteilte Souveränität nicht weniger, sondern mehr Gestaltungsmacht verleiht. Die Union verfügt auch über ein machtvolles Instrument, um die eigene Einflusssphäre auszudehnen – die Nachbarschafts- und Erweiterungspolitik. Doch hat sie es zu lange nur verzagt eingesetzt und ihre Partner im Ungefähren gelassen. So sind Grauzonen entstanden, in denen sich Russland und China ausbreiten konnten, von Serbien bis zur Ukraine. Die Handels- und Zollpolitik ist ein Hebel für die Europäer Deshalb spricht viel dafür, die Logik der Erweiterungspolitik umzukehren, wie es derzeit in der EU-Kommission erwogen wird. Dann würde man geeignete Kandidaten sofort aufnehmen und ihnen eine klare Perspektive geben, statt sie jahrelang in technischen Verhandlungen mit ungewissem Ausgang schmoren zu lassen. Allerdings würden sie nicht mit einem Schlag alle Rechte erhalten, sondern müssten sich Schritt für Schritt vorarbeiten. Zugleich bliebe Raum für eine differenzierte Integration, ein Europa der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Niemand muss das volle Integrationsprogramm durchlaufen. Besonders wichtig wäre eine solche Reform für die Ukraine. Europa hat bewiesen, dass es in der Lage ist, die Kosten selbst zu tragen, um das angegriffene Land zu verteidigen und zu stabilisieren. Nach einem Waffenstillstand wird es darauf ankommen, die Ukraine so fest wie möglich in der Union zu verankern, wenn schon die Tür zur NATO verschlossen bleibt. Der andere Hebel der Union ist ihre gemeinsame Handels- und Zollpolitik. Zwar ist die Zeit des globalen Freihandels endgültig vorüber. Trotzdem gibt es noch viele Staaten und Wirtschaftsräume in der Welt, die einen freien Austausch und größere Märkte suchen, um sich nicht in eine zwanghafte Abhängigkeit von China oder den Vereinigten Staaten begeben zu müssen. Tatsächlich eröffnet Trumps Druck sogar neue Chancen: Es ist gewiss kein Zufall, dass die EU und die Mercosur-Staaten jetzt nach einem Vierteljahrhundert ein Handelsabkommen unter Dach und Fach gebracht haben. Die südamerikanischen Partner waren sogar zu allerlei einseitigen Konzessionen bereit, weil sie angesichts des nordamerikanischen Protektionismus keine andere Wahl mehr haben. Bald könnte eine Vereinbarung der EU mit Indien folgen, das seit je eine Politik verfolgt, die Abhängigkeiten ausbalanciert und Chancen maximiert. Mit Australien, Indonesien, Malaysia, Mexiko und den Vereinigten Arabischen Emiraten laufen Verhandlungen. Nur die NATO kann die USA im Zaum halten Die regelbasierte internationale Ordnung steht von mehreren Seiten unter Druck. Sie hat dem Westen sehr genutzt, auch den USA. Wenn Trump nun aus ihr aussteigt und ihre Grundprinzipien infrage stellt, schwächt er sein Land und die Vereinten Nationen. Auch die sind deshalb aber noch nicht am Ende. Solange sich genügend Staaten finden, die diese Form der internationalen Zusammenarbeit für vorteilhaft halten, wird es auch entsprechende Institutionen geben. Warum aber sollen die UN noch in New York tagen, wenn Mitglieder die Willkür des Gastgebers fürchten müssen? Europa muss lernen, sich in einer Welt zu behaupten, die rauer und unberechenbarer ist, als sie es bisher war. Es wird öfter darum gehen, eigene Interessen zu wahren, und seltener darum, eigene Werte durchzusetzen. Beziehungen werden transaktionaler sein, auch zu den USA. Trotzdem wird Europa Amerika, bei allen Differenzen, immer näher stehen als China. Und es wäre leichtsinnig, die NATO jetzt aufzugeben, bloß weil sich ein Teil der amerikanischen Politik auf einen imperialen Irrweg begibt. Das Bündnis hat es verstanden, die Sowjetunion zu besiegen, eine im Wesen imperiale Macht. Wenn eine Organisation die USA im Zaum halten kann, dann diese.