Mit Filzstiften bemalte Särge, Urnen in Leopardenmuster oder eine Abschiedsfeier mit Sektempfang. Ein Standardprogramm für Beerdigungen gibt es im Bestattungshaus Überwald nicht. Wie gelingt sie, die perfekte Beerdigung? Diese Frage stellen sich viele Angehörige. Und sie stellen sie auch Nils Schwabedissen. Wer auf eine Standardantwort oder einen rigiden Ablaufplan hofft, der ist bei Schwabedissen an der falschen Adresse. Der 22 Jahre alte Bestattermeister hat es sich zum Ziel gesetzt, gemeinsam mit den Angehörigen individuelle Antworten auf diese komplizierten Fragen zu finden. Dabei gilt: Erlaubt ist, was gefällt. Wer möchte, darf sich in die Vorbereitungen für die Beerdigung mit einbringen, etwa die Auswahl der Musik bestimmen oder den Sarg bemalen. Aber längst nicht alle fühlen sich bereit, so aktiv in den Prozess einzusteigen. Manche Menschen sind vor Trauer wie gelähmt, anderen fehlt die Zeit. Ihnen gibt Schwabedissen einen verlässlichen Fahrplan an die Hand. Dass er mal als jüngster Bestatter Deutschlands Schlagzeilen machen würde, hätte Nils Schwabedissen vor einigen Jahren sicher selbst nicht geglaubt. Denn der Einstieg in den Beruf sei eher zufällig passiert, wie er sich erinnert. Um sein Hobby, das Motorradfahren, zu finanzieren, jobbte Schwabedissen schon im Alter von 15 Jahren bei einem Bestattungshaus im Nachbarort Hirschhorn am Neckar. Mutter Angelika Schwabedissen war 2017 als Quereinsteigerin in den Betrieb gekommen. Zu Beginn habe er Gräber ausgehoben und hergerichtet, später gelegentlich den Überführungsdienst übernommen. Seit April 2024 hat er seinen Meisterbrief Der Kontakt zu den Angehörigen, der Alltag, der nicht planbar ist, das Fingerspitzengefühl, das es im Umgang mit Trauernden braucht – all das hat ihn gereizt. Aus dem Minijob sei schnell echtes Interesse an dem Beruf erwachsen, sagt er. Nach dem Abitur 2022 startete er direkt in die Meisterausbildung. Schon eineinhalb Jahre später, im April 2024, hielt er den Meisterbrief in den Händen und wagte schließlich den Schritt in die Selbständigkeit. Der Mut hat sich ausgezahlt: Im Gründungswettbewerb 2024 der Wirtschaftsförderung Bergstraße sicherte er sich den Preis „Zukunftsweisende junge Unternehmen“. Rund 60 Bestattungen habe er im vergangenen Jahr organisiert, bilanziert er. Jeder Auftrag habe ihn zwischen sechs und acht Wochen beschäftigt. Unterstützt wird er von drei Angestellten, die zugleich sein engstes Umfeld bilden: Bruder Lasse Schwabedissen und Freund John Scheidt sind auf Minijobbasis für den Überführungsdienst zuständig. Sie holen beispielsweise einen Verstorbenen im Krankenhaus ab und bringen ihn in das Bestattungsinstitut. Mutter Angelika Schwabedissen hilft bei der Organisation und Durchführung der Bestattungen und ist auch Ansprechpartnerin für die Trauernden. Ein Familienunternehmen – mit klarer Rollenverteilung. „Es war von Anfang klar, es ist sein Geschäft, er trifft die Entscheidungen“, sagt die Dreiundfünfzigjährige. Familie und Freunde sind für Nils Schwabedissen ohnehin eine wichtige Stütze – besonders in den Momenten, in denen Fälle ihn noch länger beschäftigen. Anfang 2025 hat er beide eigenen Großväter bestattet. Er hätte es niemandem anderen anvertrauen wollen, sagt er. Der tägliche Umgang mit dem Thema Tod sorge bei ihm nicht für Unbehagen, versichert er. Im Gegenteil. Schwabedissen will mit seiner Arbeit dazu beitragen, den Verstorbenen einen würdigen Abschied zu bescheren. „Es sind für mich immer Menschen“, sagt er. Menschen mit einer Geschichte, mit einem Leben, mit Angehörigen, die um sie weinen. Schwer sei das Begreifen der Endlichkeit immer. Aber manchmal könne der Tod auch Erlösung bedeuten, sagt er, beispielsweise nach langer Krankheit. „Wir werden durchaus ausgewählt, weil wir ein junges Team sind“ Da sitzt er also, der Zweiundzwanzigjährige, und spricht frei über den Tod und das Leben und wirkt dabei weder alt noch jung. Auf die Frage, die ihm oft gestellt wurde, ob es schon einmal Vorbehalte wegen seines jungen Alters gegeben habe, gibt es ein Schulterzucken als Antwort. Nein, bisher keine. Im Gegenteil: „Wir werden durchaus ausgewählt, gerade weil wir ein junges Team sind.“ Sein Beruf, so sagt er, mache ihm Spaß. „Alles, was hier passiert, hilft.“ Kraft gibt ihm auch seine Freundin Alina Schmitt. Die Zweiundzwanzigjährige studiert Hebammenwissenschaften in Ludwigshafen. Der Bestatter und die Hebamme. Es ist eine Beziehung zwischen Anfang und Ende, zwischen Geburt und Abschied. Seit rund vier Jahren sind die beiden ein Paar. „Ich hoffe nur, dass wir niemals zusammenarbeiten müssen“, sagt Schwabedissen und spielt damit auf die belastenden Fälle von Fehl- oder Totgeburten an, die beide Berufsfelder berühren können. Der junge Unternehmer zeigt viel Ehrgeiz – auch über die Bestattungsplanung hinaus. Im September rief er die „Trauergruppe Wald-Michelbach“ ins Leben. Im Foyer seines Unternehmens findet nun regelmäßig ein begleiteter Austausch unter Trauernden statt. Eine Möglichkeit für Angehörige, Erlebtes verarbeiten zu können. In Rhein-Main die letzte Ruhe finden Über den Tod reden, genau das will Schwabedissen normalisieren. Nicht nur über emotionale Abschiede, sondern auch über die bürokratischen Aspekte, die es zu beachten gilt. Wie kann ich mein Vermögen bereits zu Lebzeiten an Angehörige übertragen? Was muss ich wissen, um Organspender zu werden, und wie läuft die Arbeit als Bestatter überhaupt ab? Zu Fragen wie diesen ist laut Schwabedissen eine Veranstaltungsreihe geplant. Vielleicht ist es der überbordenden Energie eines Zweiundzwanzigjährigen zu verdanken, vielleicht auch dem Bewusstsein, dass die Selbständigkeit immer Weiterentwicklung erfordert. Aber Schwabedissen hat, fast schon nebenbei, noch ein eigenes Urnen-Unternehmen aufgezogen. Einfach, um ein bisschen mehr Vielfalt auf den Markt zu bringen und Konventionen zu sprengen. „Wenn Mama immer den knallgelben Regenmantel getragen hat, dann darf es auch die knallgelbe Urne sein“, sagt Schwabedissen. Die bisherigen Modelle „Pluto“ und „Saturn“, Urnen in Planetenform, kommen seinen eigenen Aussagen zufolge gut an. Auch wer sich für eine Erdbestattung entscheidet, soll nach Ansicht des jungen Unternehmers die Möglichkeit erhalten, den Sarg individuell zu gestalten. Besonders für Kinder könne es hilfreich sein, den Sarg mit bunten Malereien optisch zu verschönern und so die Angst vor dem Abschied ein kleines bisschen zu mindern. Neben Betriebswirtschaft und Psychologie hat Schwabedissen in seiner Ausbildung viel zum Thema Recht gelernt. Jedes Bundesland, so erzählt er, habe sein eigenes Bestattungsrecht. In Rheinland-Pfalz ist dieses im September 2025 liberalisiert worden. Seitdem ist die Aufbewahrung von Urnen zu Hause und die Verarbeitung von einem Teil der Asche zu einem Schmuckstück möglich. Das neue Gesetz erlaubt außerdem das Verstreuen von Asche in Rhein, Mosel, Saar und Lahn – jedoch nur auf rheinland-pfälzischem Hoheitsgebiet und auch nur dann, wenn der Verstorbene noch vor seinem Tod verfügt hat, in welchem Fluss seine Asche verstreut werden darf. Nils Schwabedissen wünscht sich eine solche Liberalisierung auch für Hessen. Derzeit seien beispielsweise für Verstorbene, die ihren letzten Wohnsitz in Hessen hatten, keine Bestattungen in Flüssen, sondern nur Seebestattungen in Nord- und Ostsee möglich. Das Bestattungshaus arbeite dafür mit einer Reederei zusammen, die Seebestattungen an der ostfriesischen Nordseeküste anbiete, erklärt er. Der Wunsch danach sei aber eher selten. Vielen Angehörigen sei es nämlich noch immer wichtig, einen festen Ort zum Trauern zu haben. Die eigene Beerdigung zu planen – ein Thema, das nach Einschätzung von Nils Schwabedissen viele gern auf später verschieben. Doch gerade eine frühzeitige Regelung entlaste Angehörige und gebe Sicherheit – emotional, organisatorisch und finanziell. „Viele kommen direkt nach ihrem Renteneintritt“, sagt er und plädiert dafür, sich aber schon früher mit dem Thema „Endlichkeit“ auseinanderzusetzen, darüber zu reden und einen Vorsorgevertrag abzuschließen. Individuelle Wünsche können so verbindlich festgehalten und der eigene Wille gewahrt werden. Und dann zitiert er einen Satz, den er schon oft gesagt zu haben scheint, so geübt, so routiniert, so eindringlich kommt er über die Lippen: „Vorsorge ist Fürsorge.“
