FAZ 20.01.2026
15:47 Uhr

Bertholletia-Samen: Paranormale Nüsse


Paranüsse wachsen nicht in Monokulturen, sondern wild im Amazonas-Urwald. Ihr Verzehr ist daher ein kleines Stück Umweltschutz. Allerdings sind sie leicht radioaktiv.

Bertholletia-Samen: Paranormale Nüsse

Nein, Paranüsse haben ihr „para“ nicht von dem Präfix, das sich in Wörtern wie „paranoid“ oder „Parapsychologie“ findet. Namenspate ist vielmehr der brasilianische Bundesstaat Pará. Der wiederum ist nach einem Fluss benannt, dessen Name sich von dem Wort für ausgedehnte Gewässer in der Tupí-Sprache Guaraní ableitet. Auch sind Paranüsse botanisch ebenso wenig Nüsse wie die Produkte der Kokospalme oder des Cashewbaums, sondern Samen, die in den kiloschweren Kapselfrüchten des Urwaldbaums Bertholletia excelsa reifen. Diese öffnen sich allerdings nicht von selbst, wie das Kapselfrüchte normalerweise tun. Die Samen müssten bis zu ihrem Verrotten in den kanonenkugelförmigen Holzgehäusen verbleiben, wären da nicht die Agutis. Diese kaninchengroßen Nagetiere sind die einzigen Lebewesen, die Bertholletia-Kapseln ohne Werkzeuggebrauch aufbekommen und auch die Samenschalen zu knacken vermögen, was schon Menschen kaum möglich ist, wenn sie lediglich Knackgerät zur Verfügung haben, das für Wal- oder Haselnüsse ausgelegt ist. Aber nicht nur deswegen sind Bertholletia-Samen tatsächlich ein wenig paranormal, also außerhalb des Gewöhnlichen. Sie sind auch das mengenmäßig weltweit bedeutendste Pflanzenprodukt, das nicht angebaut werden kann, sondern in der Wildnis gesammelt werden muss. Sonst gibt es so etwas nur bei bestimmten Speisepilzen, Trüffeln etwa. Allerdings, das Agieren der Agutis allein war es nicht, dem der Paranussbaum seine heutige Verbreitung verdankt. Zwei brasilianische Forscher haben 2011 in der Fachzeitschrift Economy Botany eine Fülle biologischer, archäologischer und linguistischer Befunde zusammengestellt, die alle darauf hindeuten, dass Bertholletia excelsa von Menschen aus seinem mutmaßlichen Ursprungsgebiet im Nordosten des heutigen Brasilien über das gesamte Amazonasbecken verbreitet worden sein muss. Offenbar hat Homo sapiens den lichtliebenden Bäumen seit seiner ersten Ankunft am Amazonas vor 13.000 Jahren durch kleine Rodungen um seine Siedlungen herum vorteilhafte Bedingungen verschafft. Erst stirbt der Wald, dann stirbt die Nuss Großräumiges Abholzen des Regenwaldes allerdings schadet der Paranuss – auch wenn man die riesigen Bäume selbst stehen lässt. Inmitten von Rinderweiden oder Sojafeldern fehlt ihnen die ökologische Umgebung, um gut zu gedeihen. Versuche, Paranüsse zu kultivieren, haben daher bislang keine durchschlagende Erfolge gezeitigt. Demgegenüber hilft die traditionelle Paranusswirtschaft der Ureinwohner, langfristig gesehen, der genetischen Vielfalt der Bertholletia-Bestände - auch wenn diese insgesamt seit der Zeit des ersten Eintreffens des Menschen im späten Pleistozän zurückgegangen ist. Das ergab eine Studie, die unter anderem Forscher der Max-Planck-Institute für Biologie in Tübingen und Geoanthropologie in Jena im Februar 2025 in Current Biology veröffentlichten. Ein Untergang des Amazonas-Urwaldes wäre damit auch das Ende der Paranuss. Umgekehrt wirkt die Nachfrage nach ihr als Anreiz, ausgedehnte Waldbestände in Ruhe zu lassen. Zwar warnt unter anderem das Bundesamt für Strahlenschutz, es mit dem Konsum von Paranüssen nicht zu übertreiben: Bertholletia excelsa reichert viel effizienter als andere Pflanzen schwere Erdalkalimetalle an, darunter das in löslicher Form giftige Barium und vor allem radioaktives Radium. Doch wie eine erst im Sommer 2025 im International Journal of Molecular Sciences erschienene Studie eines Teams um die Chemikerin Astrid Barkleit vom Helmholtz-Zentrum in Dresden-Rossendorf gezeigt hat, sind in Paranüssen nur zwei Prozent des Bariums und Radiums bioverfügbar. Um sich damit eine zusätzliche Strahlenbelastung einzuhandeln, die der durchschnittlichen natürlichen Radioaktivität in Deutschland entspricht, müsste man demnach jeden Tag tausend Paranüsse verzehren.