FAZ 01.12.2025
15:33 Uhr

Berliner Stadtteil gespalten: Die Stimmung in Neukölln kippt


In Berlin-Neukölln brodelt es. Der Bürgermeister hört auf, ein Schulleiter warnt vor seiner Ermordung, die Integrationsbeauftragte soll Polizeischutz bekommen. Die politische Instrumentalisierung ist in vollem Gange. Aber was sagen die Neuköllner?

Berliner Stadtteil gespalten: Die Stimmung in Neukölln kippt

Am Anfang der Woche sagt dann auch die Integrationsbeauftragte Güner Balcı ab, schreibt: „bis auf Weiteres“ will sie keine Interviews mehr geben. Einige Neuköllner, die sie gut kennen, wundern sich später darüber. Ausgerechnet Balcı! Die sei doch so ein harter Knochen. Was muss passiert sein, wenn die nichts mehr sagt? Martin Hikel hat sich schon ein paar Tage vorher in die Elternzeit verabschiedet. Hikel ist der Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln. Anfang November hatte er angekündigt, aufzuhören, nachdem er bei einer Wahlversammlung nur mit 68,5 Prozent der Stimmen nominiert worden war. Zu wenig Rückenwind für seine Schwerpunkte. Was wiederum diverse Berichte über die sich selbst zerstörende Berliner SPD zur Folge hatte. Und dann war da noch die Sache mit dem Leiter der Deutsch-Arabischen Sprachschule von Neukölln. Der stand am 14. November auf einem Gleis am U-Bahnhof Rathaus Neukölln. Kurz darauf berichtete er davon, wie jemand versucht hatte, ihn vor eine Bahn zu stoßen. Drei Wochen, in denen eine Integrationsbeauftragte verstummt, ein Bürgermeister plötzlich genug hat und ein Schulleiter von einem Mordversuch berichtet: Was geht da vor sich in Berlin-Neukölln, dem Stadtteil, der immer wieder im Zentrum der Diskussionen über islamistische Umtriebe, antisemitische Angriffe und Silvesterkrawalle steht? Es brodelt, sagen Sozialarbeiter, die dort wohnen. Unversöhnliche Hamas-Apologeten gegen Verteidiger des Existenzrechts Israels, islamistische Prediger gegen säkulare Muslime. Sie sagen aber auch: Das ist doch nicht bloß ein Neukölln-Problem. Obwohl es sich hier besonders bemerkbar macht, wie unter einem Brennglas. Unter diesem Brennglas war Güner Balci zuletzt diejenige, die anklagte, von einer wachsenden islamistischen Parallelgesellschaft berichtete. Balci ist selbst in Neukölln aufgewachsen, sie kennt eine Menge islamischer Familien und hatte schon vor 2020, als sie Integrationsbeauftragte wurde, Erfahrungen mit dem radikalen Islamismus. In ihrem Buch „Heimatland“, halb Biographie, halb politischer Appell, erzählt sie mal feinsinnig, mal drastisch von einer ereignisreichen Jugend und davon, wie sich unter schwierigen Bedingungen (wenig Geld und Bildung) mit dem Zuzug arabischer Familien Gewalt und Kriminalität in ihrem Viertel ausbreiteten. Obwohl Balci, die aus einer alevitischen Familie kommt, zur Minderheit einer Minderheit gehört, ist sie bei vielen in Neukölln unbeliebt. Bei allen, die sie als Islamisten entlarvt, klar. Aber auch bei einigen Sozialarbeitern. Die fühlen sich von ihren Äußerungen beschädigt, als hätte ihre jahrzehntelange Arbeit nichts bewirkt. Und bei denen, die mit mehr Sozialromantik auf die Gegensätze von Neukölln blicken, die finden, man solle nicht so viel über Herkunft und mehr über stereotype Genderrollen reden. Wieder andere klagen: Die Balci ist Migrationsbeauftragte von allen Neuköllnern. Warum polarisiert die so? Beliebt ist sie inzwischen leider auch bei denen, die das Wort Muslime nur in den Mund nehmen, um gegen sie zu mobilisieren. Kritik von links Bei Martin Hikel ist das anders. Da sagen selbst Neuköllner, die nicht seiner Meinung sind: Persönlich ist das schade, dass er geht. Der stand den Menschen Rede und Antwort. Dass die Lage nun derart eskaliert, erklären sich einige damit, dass es Hikel wirklich gelungen sei, etwas zu verändern und den Einfluss islamistischer Gruppen zurückzudrängen. Interessanterweise sehen das Leute in seiner eigenen Partei, die nicht zitiert werden wollen, nicht so. Die glauben, er habe nichts bewegt und gehe jetzt, weil er auch nichts mehr zu gewinnen habe. Hikel hatte sich in den letzten Jahren auch einen Ruf erarbeitet, weil er sich gegen Antisemitismus starkmachte. Der linke Flügel der SPD, der in Berlin traditionell stärker ist, hat ihn dafür kritisiert, in den letzten Jahren nicht ähnlich vehement gegen die Diskriminierung von Muslimen vorgegangen zu sein. Der Kontakt zur palästinensischen Community habe gefehlt, auch die Kriegsverbrechen in Gaza habe Hikel nicht mit genug Empathie für die Opfer verurteilt. Und dann gab es Leute, die sich aufregten über die Art, wie Hikel öffentlich über den Kampf gegen Islamisten in Neukölln sprach. Schließlich gebe es auch andere Kämpfe, wie den gegen die Gentrifizierung. Nach Hikels Rückzug sagte Balci in einem Interview mit dem „Spiegel“, Teile der SPD seien von Islamisten unterwandert. Wie war sie darauf gekommen? Joachim Rahmann, einer der Kreisvorsitzenden der SPD, nennt den Vorwurf „absurd“. Weder das Wahlprogramm noch die Personalauswahl lieferten dafür Belege. Balci kenne die Neuköllner SPD gar nicht. Sie sei nie auf einem Parteitag gewesen, und es sei nicht ihr Job, parteiliches Innenleben zu kommentieren. Einer, der halb Neukölln kennt und deshalb auch einige von der SPD, ist Kazim Erdoğan. Man erreicht ihn in diesen Tagen in der Türkei, wo er „ein paar Veranstaltungen“ hat. Über den 71 Jahre alten Psychologen, der eine Selbsthilfegruppe für türkischstämmige Väter in Neukölln gegründet hat, erzählt man sich, dass er 16 Stunden am Tag arbeiten kann. Kazim Erdoğan sagt, erst letzte Woche sei er bei einem „sehr berühmten“ SPD-Politiker zum Essen eingeladen gewesen, der ihm gesagt hätte: „Ich trete noch nicht aus – aber ich weiß nicht, ob ich jemals wieder SPD wähle.“ Das sei nun ein besonders hartes Urteil. Aber es gebe neutrale Wähler in Neukölln, auch Erdoğan zählt sich dazu, die „zwischen Baum und Borke“ stünden, weil sie sich keinem Flügel zugehörig fühlten. Egal, was man in diesen Zeiten sage: Man werde von bestimmten Kreisen verteufelt. „Seid geduldig, gelassen, ruhig“ Seit dem 7. Oktober, sagt Erdoğan, sei Neukölln „gespalten bis zum Gehtnichtmehr“. Die Fronten seien verhärtet. Seit zwanzig Jahren predigt er den Männern in seiner Selbsthilfegruppe, mit denen er über gewaltfreie Erziehung, Spielsucht, den Ehrbegriff, eigentlich über alles spricht: Seid geduldig, gelassen, ruhig. Er ruft die Leute immer noch persönlich an oder besucht sie zu Hause in ihren Wohnzimmern. Da sei ihm dann schon aufgefallen, dass sich die Ereignisse seit dem 7. Oktober bemerkbar gemacht hätten im Selbstwert. „Die Menschen denken: Die haben uns Muslimen in Deutschland geschadet.“ Mal ganz abgesehen von der Situation hier im Land. Sogar jemand, der wie er seit mehr als fünfzig Jahren in Deutschland lebt und sich hat einbürgern lassen, sei, „wenn Politiker entgleisen wie unser Kanzler mit dem Stadtbild“, drei Wochen mit der Frage beschäftigt: Wen hat er gemeint? Obwohl Erdoğan ein Optimist ist, sagt er: „Es kommt noch Schlimmeres auf uns zu.“ Wenn solche Einstellungen Schule machten, wenn die Anwesenheit von Muslimen nur noch als problematisch beschrieben werde, fühlten sich die Leute diskriminiert. Und daraus entstünde Wut. Zwei Tage nach Balcis Absage in Neukölln. Es ist ein schöner Nachmittag. Hier und da bricht die Sonne durch die Wolken und fällt auf das feuchte Pflaster am Herrmannplatz. „Schale ein Euro“, rufen die Frauen und Männer an den Marktständen. Vor einer Buchhandlung für queere Autorinnen steht ein Mädchen, das nach Geld fragt „für Windeln und Milchpulver“, die seien verdammt teuer. Sie sieht aus, als wäre sie noch keine 18, aber sie hat recht und daher gute Argumente, warum man gemeinsam zum Geldautomaten gehen sollte, um Bargeld für sie abzuheben. Wer neben der Buchhandlung durch eine Unterführung läuft und in einen schmalen Fußweg einbiegt, kommt am Elele Nachbarschaftszentrum vorbei. Hier trifft sich eine Selbsthilfegruppe für Männer, auch eine Erziehungsberatung für Eltern gibt es, überhaupt steht hier in Neukölln an jeder zweiten Tür ein Hinweisschild auf eine Sozialberatung. Dann rechts und die Straße runter – und schon ist man auf dem Weg in den Rollbergkiez, dorthin, wo Güner Balci aufgewachsen ist. In ihrem Buch beschreibt Balci, wie aus dem Zusammenleben von Mädchen und Jungen in ihrer Jugend plötzlich getrennte Welten wurden. „Die Mädchen verschwanden von der Straße.“ Eine ähnliche Entwicklung beschreibt die marokkanischstämmige Autorin Najat El Hachmi, deren Bücher von ihrer Jugend in Barcelona handeln: „In der Zeit kamen mehr Marokkaner, es gab wieder mehr soziale Kontrolle, und: rigorosere Formen des Islam kamen auf.“ Auch Najat El Hachmi ist überzeugt, dass „diese Strömungen das gesamte muslimische Kollektiv im Westen durchdrungen“ haben. Anderen Muslimen ist das zu pauschal. Sie sagen, mit dieser Art von Anklage sei niemandem geholfen. „Eine ist zu viel“ Ein Beispiel. Sozialberatungsstellen in Neukölln haben immer wieder mit Mädchen zu tun, die noch minderjährig verheiratet werden. „Die Regel“ sei das, schreibt Balci. Im linken Flügel der SPD klingt es so: „Schon eine ist zu viel.“ Die Erfahrung in Neukölln zeigt jedenfalls, dass in den Sommerferien die Zahlen von Zwangsverheirateten steigen. Man kann verstehen, dass die Integrationsbeauftragte Balci, wenn sie von islamischen Funktionären angesprochen wird, ob man die Kinderehe nicht endlich legitimieren könne, verschiedene Möglichkeiten nutzt, um darüber ins Gespräch zu kommen. Medienartikel im „Wussten wir’s doch“-Tenor wiederum, die zwei Wochen später nur noch in AfD-Kreisen verbreitet werden, helfen ihr (und den Mädchen von Neukölln) dabei nicht weiter. Hudhaifa Al-Mashhadani muss man in diesen Tagen anrufen, dann holt er einen in sein „Geheimbüro“. Al-Mashhadani ist der Leiter der Deutsch-Arabischen Sprachschule Ibn Khaldun an der Karl-Marx-Straße. Seit dem 14. November, seit dem Angriff auf dem Bahngleis, fühlt er sich nicht mehr sicher. Eigentlich schon viel länger, Drohungen habe es ja schon früher gegeben, immer wieder seien ihm Männer auf der Straße gefolgt, aber die Polizei habe ihm versichert, es gebe „keine Bedrohungslage“. Von der Polizei ist er enttäuscht. Davon, dass ihm keiner etwas zu dem Angriff sagen kann. Und davon, dass es ausgerechnet kein Video von dem besagten Zeitpunkt gibt, obwohl der U-Bahnhof Rathaus Neukölln voller Kameras ist. Al-Mashhadani kommt aus dem Irak, dort saß er, wie er berichtet, schon zwei Jahre für seine Arbeit gegen Extremisten in Haft. 2019 eröffnete er die Sprachschule, die sein Vater in den Siebzigerjahren betrieben hatte, neu. Während der Woche gibt er dort mit einer Kollegin Kurse zu Extremismus- und Gewaltprävention, am Wochenende Sprachkurse. Dutzende junge Frauen, die in strengen Moscheegemeinden Arabisch gelernt hätten, seien zu ihm gewechselt. Auch Hebräisch wird an der Ibn Khaldun unterrichtet. Er würde gerne noch ein paar Jahre weiter für den Dialog werben, aber er hat Angst. Wer weiß, welcher Angriff ihn als nächstes erwartet. Al-Mashhadani sieht es so: Dreißig Jahre lang habe sich der Islamismus ein Netzwerk in den Berliner Institutionen aufbauen können. Er habe lange auf verlorenem Posten gekämpft. Moscheen hätten Beschwerden gegen ihn eingelegt. Beim Freitagsgebet hätte man ihn als Ungläubigen dargestellt, der nackt am Ostseestrand sitzt und Alkohol trinkt. Hikel und Balci aber seien Verbündete gewesen, auf die man sich immer verlassen konnte. Neulich hat sich der CDU-Politiker Christoph de Vries bei dem Schulleiter eingeladen. In einem Video, einem Reel, das Al-Mashhadani herzeigt, sieht man die beiden durch Neukölln laufen, es wirkt ein bisschen wie eine Stadtbesichtigung, dazu Musik. Auch Güner Balci ist dabei. De Vries sorgt sich jetzt also um bedrohte Muslime. Es ist schon fast in Vergessenheit geraten, dass es einmal einen Expertenkreis Muslimfeindlichkeit gab, den der damalige Innenminister Horst Seehofer nach dem rassistischen Anschlag von Hanau berufen hatte, bei dem zehn Menschen starben. Den beauftragten Bericht der Experten zog das Innenministerium unter Nancy Faeser schließlich zurück, weil einige Islamismuskritiker dagegen geklagt hatten. De Vries gehörte zu den Menschen, die in dem Bericht mit muslimfeindlichen Aussagen zitiert wurden. Während der Ampelregierung, sagt die Politologin Saba-Nur Cheema, die damals zu der Kommission gehörte, sei das Thema Islamfeindlichkeit völlig aus der Wahrnehmung verschwunden. Seither liege der Fokus mit Blick auf Muslime auf Bedrohung und Sicherheit. Mitten in die Neukölln-Debatte hinein hat Innenminister Dobrindt angekündigt, härter gegen Islamismus vorzugehen. Eine bisherige, von Nancy Faeser eingesetzte Taskforce zur Islamismusprävention wurde aufgelöst, im neuen Gremium sitzen Ahmad Mansour und andere Berater, die vor der Allgegenwärtigkeit des Islamismus warnen. Auch Balci ist dabei. Muslime erleben Muslimfeindlichkeit Saba-Nur Cheema sagt: „Es kann sein, dass mit Blick auf die andauernde islamistische Gewalt neue Perspektiven gewünscht sind.“ Die Politik täte sich aber selbst einen Gefallen, wenn sie die drei Felder der Islamdebatte differenziert betrachte und nicht gegeneinander ausspiele: Islamismusprävention, muslimisches Leben und Islamfeindlichkeit. Islamistische Bedrohungen richteten sich ja oft gegen jene Muslime, die sich als nicht besonders religiös betrachten. Die seien dann auch von Muslimfeindlichkeit betroffen. Auch die Tatsache, dass eine islamfeindliche Partei von einem Viertel der Gesellschaft gewählt werde, sei Anlass zu Vermittlung. Abend in Neukölln. Ein glatzköpfiger Mann mit einem Palästinensertuch steigt aus dem Auto, blickt zu einem Baum hoch, in dem sehr viele Tauben sitzen, hebt einen Ast vom Boden auf und beginnt, damit nach den Tauben zu werfen, immer wieder. Gegenüber sitzt die Basisorganisation Hermannstrasse der Partei Die Linke in ihrem Parteibüro und diskutiert über die Kürzungen im Berliner Etat. Hier glaubt keiner, dass es die SPD noch mal in die Regierung schafft, nach den dreißig Jahren, in denen sie „verantwortlich für die Kürzungen im Bildungsbereich“ war. Bei der SPD hoffen sie jetzt auf Steffen Krach, den neuen Parteichef und Spitzenkandidaten für die Berlin-Wahl 2026. Und auf Janine Wolter, die neue Kandidatin für Neukölln. „In einem Klima, in dem Härte und Eindeutigkeit eine große Rolle spielen, freut man sich über Leute, die ausgleichend und sozial sind“, findet der Kreisvorsitzende Joachim Rahmann. Die müssten dann gar nicht so tough in der Öffentlichkeit auftreten. Und ständig über Neukölln reden. Schön wär’s.