FAZ 24.09.2026
15:59 Uhr

Berliner Rückzug: Olympia-Erzählungen, die hätten sein können


Gescheitert an sich selbst und an der Angst: Der Rückzug der Berliner Olympiabewerbung sagt viel über die Stadt, ihre Politik und die Präferenzen deutscher Sportfunktionäre.

Berliner Rückzug: Olympia-Erzählungen, die hätten sein können

Als sich die Sportmetropole Berlin vor einem Monat unter einem Dach versammelte, lud das noch einmal zu Träumen ein. Es war nicht irgendein Dach, es war der frisch sanierte Kuppelsaal im Haus des Deutschen Sports, eine gewaltige Sichtbetonkonstruktion, die für die Fechtwettkämpfe bei den Olympischen Spielen 1936 errichtet wurde. Wenn man von dort durch die riesigen Glastüren nach draußen trat, sah man die Wucht und die Weite des Olympiageländes, aber am Horizont auch ein paar Schwimmer im Sonnenuntergang ihre Bahnen ziehen. Drinnen sprach der Germanist Christopher Young von der Universität Cambridge, Autor eines historischen Standardwerks zu den Olympischen Spielen 1972 in München, der sich leidenschaftlich für Berlin ins Zeug warf und die historische Last des Nazi-Erbes in eine Chance umdeutete. Drinnen sprach auch Jennifer Rosin, die Landesschülersprecherin, die einerseits von der Skepsis vieler junger Menschen gegenüber Olympia berichtete, andererseits aber kluge Argumente für die Spiele lieferte, ohne die Probleme hinter der Organisation zu verschweigen. „Ein trauriger Tag für Berlin“ Das waren Erzählungen, denen man sich – auch wenn sie erst mal nur Erzählungen waren – kaum entziehen konnte. Und doch musste man bei nüchterner Betrachtung schon da wissen: Die Chancen Berlins im nationalen Rennen mit München und Köln/Rhein-Ruhr sind so klein wie die Redner, unter ihnen auch der Regierende Bürgermeister Kai Wegner, unter der riesigen Kuppel. Als sich am Donnerstagmorgen die Berliner Olympia-Macher unter dem Dach des Roten Rathauses versammelten, sprachen sie schon in der Vergangenheit. Wegner eröffnete mit der Bemerkung, er sei „noch nie so ungern zu einer Pressekonferenz“ gegangen und dass es „ein trauriger Tag für Berlin“ sei. Er wiederholte die Erzählungen, die hätten sein können: von den Spielen für ganz Deutschland unter besonderer Einbeziehung des Ostens, von den Spielen für die Kinder, von den inklusiven Spielen, die Berlin stets besonders hervorhob, vom Symbol, das von Berlin für die Welt hätte ausgehen sollen und das in den Medaillenzeremonien am Brandenburger Tor, dem „Symbol für Freiheit weltweit“, sein prägnantestes Bild bekommen hätte. Aber am Ende sendete er nur die Botschaft, die schon seit dem Vorabend die Runde gemacht hatte, dass Berlin sich selbst aus dem Rennen nimmt. Wegner richtete in diesem Moment den Blick nach vorn, zur großen Kandidatenkür am Samstag in Baden-Baden, zu der Berlin trotzdem reisen werde: als Unterstützer des weiteren Bewerbungsprozesses, „an der Seite“ von Deutschem Olympischem Sportbund (DOSB), der Bundesregierung und dem Bewerber, welcher es auch werden möge. Nach so viel Fair Play hatte es in den Tagen vorher nicht immer geklungen, nachdem die Spitzenkandidatin der Linken, Elif Eralp, den Spielen eine Absage erteilt hatte. Das war zwar einerseits verständlich, emotional vor allem, bei all der Arbeit, den die Macher um den Olympia-Beauftragten Kaweh Niroomand in den Prozess gesteckt hatten, aber auch angesichts der Radikalität, mit der Eralp die Bitte, noch einmal in sich zu gehen, abgebügelt hatte. Auch wenn Eralps Bemerkung, für Paralympische Spiele würde sie sich ja (separat) einsetzen, Zweifel an fundamentaler Sachkenntnis weckten: Es war eben auch das, was sie schon vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus immer gesagt hatte. Mit den Ergebnissen von Sonntag war der Bewerber erledigt Mit den Ergebnissen vom Sonntag, das musste allen klar sein, war der Bewerber Berlin erledigt. Und das, wie man hinzufügen muss: auf demokratischem Weg. Was blieb, waren Fragen nach dem Warum – auch, warum Deutschland jetzt mit dem – mutmaßlich – zweitattraktivsten Bewerber in die internationale Konkurrenz geht. Daran jedenfalls ließen weder die Äußerungen aus Berlin noch der Evaluationsbericht des DOSB noch die Äußerungen aus den Spitzenverbänden, die am Samstag maßgeblich über den Kandidaten entscheiden, Zweifel. Beim DOSB schien man bis zuletzt zu fürchten, dass Berlin trotz der politischen Unwägbarkeit manchem wählbar erscheinen könnte. Gescheitert ist Berlin schon vor allem an sich selbst. Nicht inhaltlich mit dem Konzept. Aber an den Verhältnissen in der Stadt. Weil Berlin zu sein nicht nur das größte Pfund der Bewerbung war, sondern auch die größte Hypothek. Es gibt eben neben den schönen Olympia-Versprechungen auch das andere, das alltägliche Berlin: in dem die Verbindung der realen Armut in der immer teurer werdenden Stadt mit den Träumereien, den Abenteuerspielplatz der Nachwendezeit irgendwie konservieren zu können, eine toxische Mischung für Großprojekte wie dieses ergibt. Im Wahlkampf war Olympia praktisch kein Thema Bei allen verständlichen Klagen über die vergebene einmalige Chance für Berlin, die der Noch-Regierende Wegner (CDU) und Sportsenatorin Iris Spranger (SPD) am Donnerstag verbreiteten, auch in Verbindung mit Vorwürfen in Richtung der Linkspartei: Am Ende schienen nicht einmal die Olympia-Befürworter der eigenen Parteien den Wählern zuzutrauen, diese Chance auch zu erkennen. Im Wahlkampf jedenfalls war Olympia praktisch kein Thema. Wegner räumte ein, dass er sich das anders gewünscht hätte. Niroomand ergänzte, dass auch innerhalb des Senats die Unterstützung zu wünschen übrig gelassen habe, mit Ausnahme von Wegner, der sich redlich für Olympia ins Zeug legte, Spranger und zwei weiteren Mitgliedern. So blieb es unabhängig von allen Matrix-Kriterien des DOSB das größte Berliner Problem, dass es zwar jede Menge Meinungsumfragen, aber mangels Referendum kein voll belastbares Meinungsbild gab. Was allerdings noch einmal zurück zum Ursprung des Prozesses führt. Berlin und damit die vielleicht beste Erzählung für Deutschland hätte vor allem dann eine Chance gehabt, wenn der DOSB sich von Anfang an auf die Hauptstadt festgelegt hätte. Dazu hätte es Mut gebraucht, den der Verband jedoch nach den Fehlschlägen der Vergangenheit und in seiner Führungskonstellation nicht aufbrachte. Ohne Frage wäre das mit dem Risiko verbunden gewesen, am Ende doch an den Berliner Verhältnissen zu scheitern. Es hätte aber auch die Chance gegeben, dass es gelingt. Mit dem Ergebnis dieser Abwägung muss Berlin nun fertigwerden und der deutsche Sport ins internationale Rennen gehen. Mit Kritik am DOSB und dem Procedere hielt man sich in Berlin zurück, auch wenn Senatorin Spranger auf die eine oder andere Merkwürdigkeit im Zuschnitt der Bewertungskriterien hinwies. Seitenhiebe, wenn auch indirekt, gab es eher in eine andere Richtung: gen Süden. Wegner jedenfalls ließ, auch wenn er versicherte, „keine Präferenz“ zu haben, durchblicken, dass er eher Sympathien für Köln und Rhein-Ruhr hegt, nicht nur weil man dort zumindest zarte Zeichen für den Osten setzt: mit der Wahl Rostock-Warnemünde als Segelrevier und der Einbindung von Markkleeberg bei Leipzig mit dem Kanupark. In manche Erzählung, die es gerade über die deutsche Funktionärslandschaft gibt, würde sich eine entsprechende Wahl gut fügen. Ob es aber wirklich die Erzählung ist, die man beim Internationalen Olympischen Komitee hören möchte, ohne die Berliner Bilder? Dort jedenfalls muss man sich mit kleineren Symbolen schmücken. Wenn man aus dem Roten Rathaus trat, sah man bereits Absperrgitter an der Straße. Am Sonntag werden beim Brandenburger Tor Medaillen verliehen, allerdings keine olympischen, sondern die beim Marathon.