Es begann, erzählen die Freunde, in der Küche. Der Kühlschrank habe ein seltsames, muhendes Geräusch gemacht, sei noch einmal rasselnd angesprungen, dann herrschte Stille. Und Dunkelheit. Das Licht in der Wohnung sei plötzlich ausgegangen, wenig später war die ganze Straße im Westen der Hauptstadt noch viel dunkler als sonst schon in diesen Tagen, in denen Berlin sowieso aussieht, als komme das wenige Licht aus einer einzigen 25-Watt-Birne, die der Bürgermeister im Himmel über dem Brandenburger Tor eingeschraubt hat. Berlin wirkt auch im Normalbetrieb verglichen mit anderen Metropolen eher unterbelichtet. Noch dunkler hieß also: schwarz. Die einzige Helligkeit war dem frischen Schnee zu verdanken, der sich über das Rollsplitt-Matsch-Böllerrest-Gemisch auf den Berliner Bürgersteigen gelegt hatte. Dafür war es eiskalt auf den dunklen Straßen, und bald zog die Kälte in die Häuser, in denen alles ausfiel, was mit Strom betrieben wird, und das ist viel: Das Internet war weg, Mobiltelefone konnten nicht geladen werden, Elektroautos auch nicht, ein Bekannter bekam das vollgetankte Auto nicht aus der Garage, weil das Garagentor nur elektrisch öffnet, und das waren noch die kleineren Probleme. 45.000 Haushalte und 150 Gewerbebetriebe hatten keinen Strom, weil jemand Feuer an der Kabelbrücke in der Nähe des Kraftwerks Lichterfelde gelegt hatte. In den Stadtteilen Zehlendorf, Steglitz, Nikolassee, Lichterfelde und Wannsee waren auch Krankenhäuser und Pflegeheime betroffen, die Klinik für Kinderpsychiatrie musste die Versorgung der Patienten einstellen, die Krankenhäuser haben zwar Notstromaggregate, aber auch die reichen nicht unbegrenzt und für alle Abteilungen. Die Schulen kündigten an, dass kein Unterricht stattfinden werde. Nach dem ersten Schock kam der zweite Nach dem ersten Schock, dass man mit einem kurzen Sabotageakt Zigtausende von Haushalten lahmlegen kann, kam der zweite: die Mitteilung, dass sich die Behebung der Schäden fünf Tage lang bis zum Donnerstag ziehen könne. Das Jahr begann mit zwei beunruhigenden neuen Erkenntnissen, was 2026 alles möglich ist – ein unliebsamer Despot kann ohne Rechtsgrundlage in die Vereinigten Staaten abtransportiert werden, und eine, wie sich herausstellte, linksradikale Gruppe, kann mit einem simplen Sabotageakt einen großen Teil der Hauptstadt für lange 120 Stunden lahmlegen. Zum Vergleich: Der berühmte Blackout, der durch einen Blitzeinschlag verursachte Stromausfall in New York im Juli 1977, der die Stadt mit ihrer damals hoffnungslos maroden Infrastruktur ins Chaos von Plünderungen und Unruhen stürzte, dauerte nur 25 Stunden. Die Freunde kramten die halb abgebrannten Weihnachtskerzen heraus und alte Decken für die Nacht, die Wohnung wurde sehr schnell sehr kalt, die Dusche fühlte sich an, als habe man aus Versehen den Tiefkühler betreten. Nach dem Wochenende riefen sie an: Ob man vielleicht zum Aufwärmen und Duschen vorbeischauen dürfe? Immerhin fuhr ihr Elektroauto noch, das ihres Nachbarn, ein elektrischer Mustang, hing entleert an seinem Stromkabel wie ein am Saloon angebundenes, leider totes Pferd und verschwand unter einer Schneehaube. Eigentlich wären moderne Elektroautos, wenn sie mal geladen sind, in solchen Krisen gut als Notstromaggregate zu gebrauchen wegen ihrer Fähigkeit zum „bidirektionalen Laden“ – sie können nicht nur Strom tanken, sondern auch abgeben, etwa in ein Haus ohne Strom. Jedenfalls theoretisch. Während das in den meisten europäischen Ländern gut funktioniert, fehlt es in Deutschland an geeigneten Wallboxen und Abrechnungssystemen, die den Arbeitgebern die Angst nehmen, dass ihre Angestellten im Büro Strom tanken und die Elektro-Beute nach Hause karren und dort für private Zwecke einspeisen. Viele verließen also ihre Wohnungen und zogen zu Freunden, viele blieben in Decken gehüllt in den eiskalten Häusern, um sie vor Einbrechern zu schützen, denn ohne Strom funktionieren natürlich auch die Alarmanlagen nicht. Unterdessen traf ein Bekennerschreiben der sogenannten Vulkan-Gruppe ein, die in der Vergangenheit schon Anschläge auf Teslas Gigafactory, das Steinkohlekraftwerk Reuter und auf den Knotenpunkt von Vodafone in Adlershof verübte, und das die Polizei als authentisch einstuft. „Bei den Besitzern von Villen hält sich unser Mitleid in Grenzen.“ Der Angriff auf die Leitungen des Gaskraftwerks sei „ein Akt der Notwehr“, mit dem man gegen den globalen Stromverbrauch, die „fossile Energiewirtschaft“ und die Klimakatastrophe protestieren wolle. Dazu lieferten die Täter gleich noch eine Sabotageanleitung mit – „unter der Kabelbrücke befanden sich um die 64 Rohre, die zu einem großen Teil mit Starkstromkabeln belegt waren. Mit vier Baustellenspießen haben wir diese miteinander verbunden, um einen Kurzschluss zu gewährleisten“. Mit der Aktion wolle man vor allem auch „Reiche“ und ihren Lebensstil treffen: „Bei den weniger wohlhabenden Menschen im Südwesten Berlins entschuldigen wir uns. Bei den vielen Besitzern von Villen hält sich unser Mitleid in Grenzen.“ Es muss sich aber auch das Mitleid mit vielen anderen in engen Grenzen halten, wenn man so einen Anschlag durchführt und dabei der alten Terrorlogik folgt, dass auf dem Weg zu einer besseren Welt auch Todesopfer in Kauf genommen werden müssen – im konkreten Fall, dass unter Umständen ältere und kranke Menschen ohne Familienanschluss in ihren Wohnungen erfrieren, dass lebenswichtige Beatmungsgeräte ausfallen, dass Säuglinge und Kleinkinder in den kaltgestellten Wohnungen mindestens eine Lungenentzündung bekommen. Außerdem zeigte sich bei Durchfahrt der „reicheren“ Viertel, dass der Anschlag nicht nur kriminell und lebensgefährlich, sondern auch unfassbar dämlich war, wenn damit tatsächlich der Klimasache geholfen werden sollte: Im Viertel Nikolassee hatte jemand seinen Geländewagen mit donnernd laufendem Motor und Fernlicht vors Wohnzimmerfenster gefahren und so für Licht gesorgt, in den großen Villen und an den großen Tankstellen brannte am Sonntagabend dank herangekarrter Notstromaggregate wieder Licht; dunkel war es vor allem in den kleinen Läden und in den Sozialbauten. Wenn der Anschlag der Rettung des Klimas und dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen dienen sollte, hat er zu einhundert Prozent das Gegenteil bewirkt. Man wird sehen, wie viele der kaltgestellten Bewohner des Westens nach fünf eiskalten Nächten aus dem Gefühl, dass nichts mehr sicher ist, AfD wählen werden. Froh war, wer all das hatte, was Klimaschützer verbannt sehen wollen: einen warmen Kamin, Kerzen, Autos mit Verbrennungsmotor. Mit dem Stromausfall kehrte ein seit Corona-Tagen vergessenes Gefühl für die Verletzlichkeit von Städten und damit auch ein tief sitzendes Metropolen-Unbehagen zurück: Schon letztes Jahr war in Westberlin für ein paar Stunden die Wasserversorgung zusammengebrochen. Jetzt fünf Tage Dunkelheit. Wie kann es sein, dass es keine Redundanzen gibt, keine Sicherheitsreserven, Zweit- und Notleitungen? Wenn wirklich ein paar wirre Saboteure Zigtausende Haushalte ins Chaos stürzen können, weil Stromtrassen und sensible Knotenpunkte leicht im Internet zu finden sind – was ist dann erst, wenn größere Gegner dem Land schaden wollen? Irgendwie wirkt die Stadt für Zeitenwenden aller Art nicht gut gerüstet. Die Berliner-mit-Strom brachten den Freunden ohne Strom Thermoskannen mit warmen Tee vorbei, die Freunde saßen bei Kerzenlicht auf dem Sofa und redeten davon, wie schön ein Häuschen weit draußen auf dem Land wäre, mit Kamin und gut gefüllter Vorratskammer, und mussten selbst ein bisschen lachen, dass sie sich schon ein wenig wie die Prepper anhörten, die in Trumps Amerika mit geladener Flinte auf ihrer Ranch sitzen und misstrauisch auf alles schauen, was sich aus der Stadt nähert. Und während das Kerzenlicht wild an den Wänden flackerte, wurden natürlich auch all die kursierenden Gerüchte diskutiert, ob die angeblichen Klimaaktivisten nicht nur Handlanger oder Instrumente einer hybriden russischen Kriegsführung seien, und in der großen Berliner Dunkelheit war bald nicht mehr klar erkennbar, was wilde Verschwörungstheorie war und was im Rahmen des Vorstellbaren lag. Am Sonntagabend kam dann in einigen Straßen der Strom zurück, andere Straßen blieben dunkel. In einem Teil des Berliner Westens, wo der Strom ging, wehte der Schnee über die funzelig beleuchteten Straßen und, wie ein Menetekel kommender Kälte, über ein Wohlstandssymbol aus den sorgloseren Tagen der Bundesrepublik: Ein alter Rolls-Royce aus den Siebzigerjahren parkte da im Schnee und trug seine Initialen stolz am Nummernschild, aber in diesen Tagen las es sich eher, als würde die halbnackte Figur auf der Kühlerhaube leise frierend „B-RR!!!“ rufen.
