Der Rest der Republik geht den üblichen Geschäften nach, aber dem Südwesten Berlins steckt der Stromausfall noch immer in den Knochen. Im Supermarkt, im Fitnessstudio, auf der Straße ist er Thema. Fünf Tage ohne Strom und Heizung hallen nach, im Großen wie im Kleinen. Im Bus treffe ich eine Nachbarin, die mir von ihrer Angst vor einem Rohrbruch berichtet. Deshalb hatte sie mit ihrem Mann in den harten Nächten der sich immer weiter abkühlenden Wohnung nicht das Haus verlassen. Ein 84 Jahre alter Mann mischt sich in das Gespräch ein, er ist gerade auf dem Weg zu seiner Frau. Sie musste mit einer Lungenentzündung ins Krankenhaus, nachdem die Temperaturen in seiner Wohnung auf einstellige Werte fielen. Da liegt sie jetzt. „Die haben die Falschen getroffen“, sagt er und meint die linksextremistische Vulkangruppe, die sich zum Brandanschlag am 3. Januar bekannt hat. Genau genommen meint er eine von ihnen, man verliert ja leicht den Überblick, um welche es geht. In einem dieser kruden, als authentisch eingestuften Bekennerschreiben stellten die Linksextremisten jedenfalls klar, dass sie mit ihrem Brandanschlag eigentlich die „fossile Energiewirtschaft“ treffen wollten und nicht etwa die 100.000 Berliner, die sie tatsächlich getroffen haben. Ob das wirklich versehentlich geschah, daran haben wir Betroffenen so unsere Zweifel. Eher irritierend war auch die gönnerhafte Verteilung von Mitleid für „die weniger wohlhabenden Haushalte“, während es den wohlhabenden Haushalten sogleich entzogen wurde, so als würde überhaupt irgendjemand Wert darauflegen, für wen Terroristen Mitleid haben. Der ältere Herr im Bus macht jedenfalls nicht den Eindruck, ich schließe mich da an. Die Vulkangruppe hat ihr Ziel deutlich verfehlt Nähme man ernst, was unter dem Namen dieser Terrorgruppe zum Besten gegeben wurde, kommt man nicht umhin, festzustellen, dass sie ihr Ziel gleich in mehreren Bereichen deutlich verfehlten. Dass unter so einem Brandanschlag vor allem ältere und ärmere Bevölkerungsgruppen leiden, hätte man sich auch vorher schon denken können. Meine gut informierte Nachbarin wusste außerdem von Wärmepumpen zu berichten, die reihenweise kaputtgegangen sind, weil die Besitzer nicht wussten, dass man in so einem Fall das Wasser ablassen muss. Ich staune, woran man alles denken muss, wenn man damit beschäftigt ist, das eigene kleine Leben ohne Strom und Heizung zu organisieren. Ich bin gespannt, ob diese Malaise den Kauf von Wärmepumpen ankurbeln wird oder genau das Gegenteil tut. Von kaputten Gasheizungen nach dem Blackout ist jedenfalls nichts zu hören. Auch ich bin übrigens auf die fossile Energiewirtschaft nicht mehr gut zu sprechen, seitdem mich die Campingkocherindustrie im Stich gelassen hat, konkret die Z.M.C. GmbH aus Hannover. Kurz nach Beginn des Stromausfalls am Samstag hatte ich über Amazon noch schnell einen Campingkocher bestellt, nachdem ich meine lückenhafte Vorbereitung auf den Katastrophenfall bereut hatte. Mit meinen unzähligen Wasserkisten konnte ich meine vier Wände jedenfalls nicht warmhalten. Der Campingkocher ist immer noch nicht da Für Dienstag wurde mir der Campingkocher angekündigt, eine Woche später war er immer noch nicht da. Und schlimmer noch: Ein Lieferdatum sei derzeit nicht mehr verfügbar, heißt es bei Amazon. Dafür lässt sich das gleiche Modell für den fast doppelten Preis mit dem konkreten Lieferdatum Donnerstag, 15. Januar, bei Amazon bestellen. Anders als die Vulkangruppen habe ich als Wirtschaftskorrespondentin durchaus Verständnis, wenn Unternehmen aus ihrer Geschäftsidee Kapital schlagen, aber das geht mir dann doch zu weit. Die Deutsche Telekom überlässt ihren Kunden im Krisengebiet unbegrenztes Datenvolumen, in die Berliner Museen konnten wir Stromlosen kostenlos rein. Angesichts dieser überwältigenden Solidarität finde ich die Verdopplung des Preises bei gleichzeitiger Nichtlieferung alter Bestellungen dann doch etwas dreist. Eine Antwort bekomme ich nicht Das lasse ich nicht auf mir sitzen. Von Z.M.C. fordere ich schriftlich eine Stellungnahme mit Hinweis auf die geplante Berichterstattung. Das möchte ich nicht als Drohung verstanden wissen, ich kläre meine Interviewpartner nur über ihre Rechte und Pflichten auf. Eine Antwort bekomme ich seit Samstag nicht. Auch Amazon bitte ich um eine Stellungnahme darüber, wie das Unternehmen in solchen Fällen zu reagieren gedenkt. Der Pressesprecher reagiert umgehend und vertröstet mich mehrere Tage lang mit freundlichen Worten, bis er seine finale Antwort schickt. Sie enthält im Wesentlichen einen Link auf die Amazon-Marketplace-Richtlinie zur angemessenen Preisgestaltung, aus der ich gern zitieren könnte, was aber in diesem Fall überhaupt nicht zielführend ist. Aus Unternehmenskreisen hingegen höre ich, dass man den vorliegenden Fall untersuche und entsprechende Maßnahmen eingeleitet habe, was mich allerdings meinem Campingkocher ebenfalls keinen Zentimeter näherbringt. Ich nehme mein Schicksal schließlich in die eigene Hand und bestelle einen neuen Campingkocher, komme aber nicht umhin, der Vulkangruppe auch die Schuld für dieses Debakel zu geben. Schließlich hat sie mich geradewegs in die Arme dieser fossilen Energiewirtschaft getrieben. Herzlichen Dank, auch dafür.
