FAZ 09.02.2026
17:56 Uhr

Berlin bewirbt Concours: Der EU fehlen deutsche Beamte


In den EU-Institutionen arbeiten zu wenige Deutsche. Nun können sich Interessierte wieder für Jobs bewerben. Das Auswärtige Amt sucht händeringend Teilnehmer.

Berlin bewirbt Concours: Der EU fehlen deutsche Beamte

Kaum jemand in Brüssel zweifelt daran, dass Deutschland erheblichen Einfluss in den Institutionen der Europäischen Union besitzt: von der Kommissionspräsidentin über die Kabinettschefs und die Führung von Generaldirektionen bis hin zu den Leitungsposten im Europäischen Parlament. Doch gibt es einen großen Unterschied zwischen Qualität und Quantität. Wenn es nur nach dem Anteil deutscher Beschäftigter an den etwa 60.000 Bediensteten der EU-Institutionen geht, schneidet das größte Mitgliedsland schlecht ab. Nach Angaben der Bundesregierung arbeiten lediglich 9,1 Prozent Deutsche im höheren Dienst der EU, während der interne EU-Richtwert bei 14,3 Prozent liegt. Bei keinem anderen Land ist das Missverhältnis so groß. Deutsche sind mit Concours-System nicht vertraut Deshalb setzt die Bundesregierung nun auf den neuen Concours général der EU, um den Anteil wenigstens etwas zu verbessern. Zum ersten Mal seit 2019 können sich Staatsangehörige der Mitgliedstaaten wieder um eine unbefristete Stelle in der EU bewerben. Bis zum 10. März läuft diese Frist noch. Die nominellen Voraussetzungen sind gering. Für die Administratorlaufbahn, die dem höheren Dienst entspricht, reichen ein abgeschlossenes Hochschulstudium und die Kenntnis zweier EU-Amtssprachen. Berufserfahrung ist nur für Spezialisten erforderlich. Das Auswärtige Amt wirbt offensiv dafür und unterstützt Interessierte mit Onlineseminaren. Denn zuletzt lag die Quote deutscher Bewerber unter 50 Prozent des EU-Durchschnitts. Fachleute führen das vor allem darauf zurück, dass es ein solches zentrales Concours-System in Deutschland nicht gibt. Die Bewerber müssen mehrere Logikprüfungen und einen Wissenstest zur EU absolvieren. Außerdem müssen sie einen Aufsatz zu einem EU-Thema verfassen und ihre digitale Kompetenz nachweisen. Das Auswahlverfahren ist hart. Gerechnet wird dieses Mal mit mehr als 50.000 Bewerbern – am Ende bleiben 1490 davon übrig. Sie bekommen auch nicht sofort einen Job, sondern landen auf einer Warteliste, von der sich die Institutionen dann bedienen können, wenn sie Stellen neu besetzen. Der Concours ist die Voraussetzung für eine unbefristete Beschäftigung als EU-Beamter. Berlin will einen Concours nur für Deutsche Dass er sieben Jahre lang nicht mehr stattfand, lag an der Deckelung des Verwaltungsbudgets im mehrjährigen Finanzrahmen für die Jahre 2021 bis 2027. Die Institutionen besetzten freie Stellen vorwiegend mit Zeitverträgen, die finanziell weniger attraktiv sind. Zugleich bedachten sie ihr Beamtenkorps mit satten Gehaltserhöhungen, die Kaufkraftverluste voll ausglichen, auch die hohe Inflation während der Coronavirus-Pandemie. Deutschland und andere Staaten sehen das kritisch und dringen im nächsten Budget auf Strukturreformen. Das soll auch zu mehr Durchlauf im öffentlichen Dienst führen. Ein weiterer Weg, um die Unausgewogenheit in der Personalrekrutierung zu korrigieren, könnten Auswahlverfahren sein, die von vornherein auf Bewerber aus bestimmten Ländern beschränkt werden. Das Europäische Parlament hat solche Prozesse 2024 für Niederländer und Österreicher eingeleitet, die in der Statistik fast so schlecht dastehen wie Deutschland. Allerdings haben Spanien und Italien dagegen beim Europäischen Gerichtshof geklagt – wegen eines Verstoßes gegen die Grundsätze der Gleichheit und der Nichtdiskriminierung. Deutschland ist dem Verfahren auf der Seite des Parlaments beigetreten. Wenn es gewinnt, will Berlin auf einen Concours nur für Deutsche dringen.