FAZ 24.11.2025
14:10 Uhr

Berichte über Femizide: „Gewalt gegen Frauen ist ein strukturelles Problem“


Die Kommunikationswissenschaftlerin Christine Meltzer hat die Berichterstattung über Gewalt gegen Frauen untersucht. Was hat sie daraus gelernt?

Berichte über Femizide: „Gewalt gegen Frauen ist ein strukturelles Problem“

Frau Meltzer, im vergangenen Jahr ist ­Gisèle Pelicot bekannt geworden, nachdem sie von ihrem Ehemann betäubt, vergewaltigt und anderen Männern zur Vergewaltigung angeboten worden war. Warum wurde darüber so viel berichtet? Was den Fall besonders macht, ist das sehr schwere Verbrechen, das über Jahre hinweg unentdeckt blieb. Wenn man in Nachrichtenfaktoren denkt, bringt der Fall unglaubliche Negativität und hohen Schaden mit. Auf der anderen Seite war die Haltung von Frau Pelicot ungewöhnlich. Betroffene von Gewalt aus dem nahen sozialen Umfeld wenden sich selten an die Öffentlichkeit, weil das Thema nach wie vor tabuisiert ist. Sie haben 3172 Artikel aus den Jahren 2020 bis 2022 mithilfe einer quantitativen Inhaltsanalyse untersucht. Welche Faktoren sorgen dafür, dass Zeitungen über Gewalt an Frauen berichten? Grundsätzlich muss Gewalt gegen Frauen drastisch sein, damit Medien darüber berichten. Vor allem Gewalttaten mit sehr großem Schaden und Tötungsdelikte werden aufgegriffen. Je schlimmer eine Tat, desto wahrscheinlicher ist es, dass darüber berichtet wird? Genau. Und andersherum: Je milder und je alltäglicher die Gewalt, desto weniger wird darüber berichtet. Ein weiteres Ergebnis der Studie war, dass Gewalttaten gegen Frauen hauptsächlich als isolierte Einzeltaten dargestellt werden. Wie äußert sich das? Medien schildern üblicherweise eine Täter-Opfer-Konstellation, die sie als einzelnen, abgeschlossenen Fall darstellen. Dass es sich um ein strukturelles Problem handelt, wird nicht klar. Das könnte durch das Einbeziehen von Experten oder Statistiken geschehen, passiert aber selten. Geht es um Gewalt in Beziehungen, richtet die Hälfte der Artikel den Fokus auf die Täter. Nur zehn Prozent berichten über die Perspektive der Betroffenen. Wieso gibt es dieses Ungleichgewicht? Es entspricht der allgemeinen Medien­logik, dass diese sich auf die Gewaltausübenden fokussieren. Ich glaube, dahinter steckt eine echte oder unterstellte Neugier im Publikum. Wir kennen das von Amokläufen: Wir erfahren viel über die Täter und wenig über die Betroffenen. Täter- und Opferschutz stehen gleichberechtigt im Pressekodex. Aber vielleicht besteht bei Opfern ein stärkerer Wunsch, sie zu schützen, während Täter als weniger schützenswert gesehen werden. Dadurch, dass wir wenig über die Opfer lernen, ist es schwieriger, Empathie zu empfinden. Weil wenig darüber gesprochen wird, dass es jede Frau treffen kann und was ihr helfen ­würde. Wie oft finden sich Begriffe wie „Beziehungsdrama“ oder „Familientragödie“? In fünf Prozent der Texte. Das klingt wenig, umfasst aber mehrere Hundert Artikel. Im Vergleich zur ersten Studie, die 2015 bis 2019 untersuchte, ist der Wert angestiegen. Diese Begriffe finden sich also konstant in deutschen Zeitungen. Warum sind sie problematisch? Sie suggerieren, dass die Tat unvorhersehbar war. Das stimmt nicht. Die Forschung zeigt, dass es Warnzeichen gibt, auf die man achten kann. Außerdem suggerieren die Begriffe, dass es sich um einen Einzelfall handelt – ein punktuelles, besonders tragisches Ereignis. Das Gegenteil ist der Fall, wenn man sich die Zahlen ansieht. Sie haben vier überregionale Zeitungen, zwei Lokalzeitungen und die Boulevardzeitung „Bild“ untersucht. Werden „Familientragödie“ und „Beziehungsdrama“ unterschiedlich oft genutzt? Es gibt keine nennenswerten Unterschiede. Das Wort „Drama“ wird generell verwendet, wenn Opfer und Täter in Beziehung stehen. Es scheint ein Marker zu sein, der zeigt, dass zwei Personen sich nahestanden oder verwandt waren. Eine Ihrer Empfehlungen ist der sensible Umgang mit Herkunftsnennungen. Wie sieht dieser in der Praxis aus? Nichtdeutsche Täter beziehungsweise Täter mit Migrationsgeschichte werden nicht überproportional genannt. Es wird aber anders über sie berichtet. Die Taten nichtdeutscher Männer werden häufiger strukturell eingeordnet. Es werden öfter ein Vergleich zu anderen Taten gezogen oder politische Maßnahmen eingefordert als bei Tätern, die explizit als deutsch aus­gewiesen werden oder bei denen keine Herkunft genannt wird. Das suggeriert, dass das strukturelle Problem ein mi­grantisches sei. Das ist aber falsch. Das Problem resultiert aus einem bestimmten Bild von Frauen, und das findet sich in einem kleinen Dorf in Deutschland genauso wie an anderen Orten auf der Welt.