FAZ 06.12.2025
11:29 Uhr

„Berghain“ von Rosalía: Wie ein Zuckerwürfel im heißen Kaffee


In Rosalías neuem Song „Berghain“ verschmilzt Klassik mit Pop und Elektro, auch in Deutsch wird gesungen. Das Genre-Experiment der katalanischen Pop-Ikone ist eine düstere Hymne über weiblichen Schmerz.

„Berghain“ von Rosalía: Wie ein Zuckerwürfel im heißen Kaffee

Ein Song mit Opern- und Pop-Elementen, eine Künstlerin zwischen Lethargie und Selbstauflösung – all das vereint die Single „Berghain“ der katalanischen Sängerin Rosalía. Ende Oktober kam der Song heraus und erhielt seitdem mehr als 29 Millionen Aufrufe auf Youtube und mehr als 70 Millionen Streams auf Spotify. Gerade in Zeiten von generisch klingenden KI-Songs scheint Rosalía einen Nerv zu treffen. „Berghain“ ist alles, nur nicht flach. Die Sängerin spielt mit Symbolik und singt in drei verschiedenen Sprachen. Während viele den Titel „Berghain“ auf den berühmten Berliner Technoclub beziehen, stellte Rosalía im Interview mit dem „Guardian“ klar, dass sie die wörtliche Übersetzung eines Hains am Berg meint. Dieser stehe metaphorisch für einen dunklen Wald an Gedanken. Der Titel des Albums hingegen ist „Lux“, lateinisch für „Licht“. In „Berghain“ verwendet Rosalía erstmals klassische Sounds in ihren Songs, die sonst eher mit Flamenco und Pop in Verbindung gebracht werden. Ihr Album thematisiert Weiblichkeit, Mystik und Transzendenz. Ähnlich wie die derzeit beliebten Popsängerinnen Ikkimel und Charli XCX will auch Rosalía Weiblichkeit neu definieren. Liebeskummer kommt zwar vor, sie denkt aber nicht daran, einem Mann hinterherzutrauern. Stattdessen steht der weibliche Schmerz im Vordergrund. Sie selbst ist das Subjekt. Doch während Rosalía in Interviews am liebsten über kreative Prozesse spricht, spekuliert das Internet, ob der Song eine Ode an ihren angeblichen Liebhaber aus Berlin ist. Tatsächlich geht es in „Berghain“ aber um etwas ganz anderes. Der Song beginnt mit einem dramatischen Crescendo des London Symphony Orchestra, das an Vivaldis „Winter“ erinnert. Dann setzt stakkatohaft ein deutscher Chor ein – eindringlich, klangmächtig und fast bedrohlich erklingen die Zeilen: Seine Angst ist meine AngstSeine Wut ist meine WutSeine Liebe ist meine LiebeSein Blut ist mein Blut Schon in den ersten Versen wird klar: Hier geht es um mehr als nur Liebeskummer. Die lyrische Sprecherin teilt nicht nur Liebe mit ihrem Partner, sie wird von ihm vereinnahmt. Die Wortwahl ist gefühlsintensiv und düster. Die Chorpassage wiederholt sich an mehreren Stellen im Song, so als würde sie das lyrische Ich verfolgen. Im Musikvideo weicht der Chor Rosalía nicht von der Seite, und auch das Orchester umzingelt die Sängerin. Nach dem ersten Chorteil setzt Rosalía arienhaft auf Deutsch ein. Die Gesangstechnik erinnert an Opernmusik, aber es bleibt etwas Hauchiges in ihrer Stimme. Obwohl sie ein neues Genre erkundet, bleibt sie ihrem eingeführten Stil treu. Besonders in dem dunklen, klassischen Klangensemble hebt sich Rosalías Stimme ab – sanft und rein, wie etwas Übermenschliches. Die Flamme dringt in mein Gehirn einWie ein Blei-TeddybärIch bewahre viele Dinge in meinem Herzen aufDeshalb ist mein Herz so schwer „Die Flamme“ kann metaphorisch als manipulativer Partner verstanden werden. Der Neologismus „Blei-Teddybär“ vereint den Gegensatz eines nostalgischen Kinderspielzeugs, das durch eine womöglich gewaltvolle Beziehung bleischwer wiegt. So ist auch ihr Herz schwer, wegen all der Dinge, die sie darin aufbewahrt. Nahegelegt wird die Erfahrung eines weiblichen Kollektivs, das unter patriarchalen Gesellschaftsstrukturen leidet. Die feministische Lesart wird von der Darstellung im Musikvideo untermalt. Rosalía ist mit leerem Blick bei typischen Haushaltstätigkeiten zu sehen: Sie bügelt, wäscht Kleidung und schüttelt Bettdecken aus. Nach dem Anfangsteil, der sich stark an klassischer Musik orientiert hat, spielt das Orchester in getragenen Popakkorden weiter. Rosalía singt in gewohnter Gesangstechnik auf Spanisch: Ich weiß sehr gut, was ich bin.Zärtlichkeit für den Kaffee.Ich bin nur ein Stück Zucker.Ich weiß, dass mich die Hitze schmelzen lässt.Ich weiß, wie man verschwindet.Wenn du kommst, gehe ich. Im Musikvideo ist Rosalía bei einem EKG und beim Besuch eines Juweliers zu sehen, der ihren goldenen Herzanhänger reparieren soll. Die lethargische Haltung der Sängerin verdeutlicht: Das Herz wurde ihr gebrochen. Die Lyrics legen einen noch tieferen Schmerz nahe. Es scheint so, als habe eine gewaltvolle Beziehung zum Ex-Partner das lyrische Ich geradezu verschwinden lassen. Illustriert wird dieser Prozess mit der Metapher eines Zuckerwürfels, der sich in heißem Kaffee auflöst. Inspiration durch Hildegard von Bingen Der Ausweg aus gewaltvollen Verflechtungen wird von der isländischen Sängerin Björk auf Englisch vorgetragen: „Der einzige Weg, uns zu retten, ist durch göttliches Eingreifen.“ Der besungene Schmerz ist so existenziell, dass ihn nur eine göttliche Macht lindern kann. Auch hier wird deutlich: Rosalía singt nicht über einen individuell erlebten Liebeskummer. Sie singt über den Schmerz, den Frauen in emotional gewaltvollen Beziehungen erfahren. Die Flucht in die Spiritualität wird zur Vision einer Freiheit jenseits gesellschaftlicher Gewaltstrukturen. An dieser Stelle ändert sich der Stil schlagartig, und der amerikanische Sänger Yves Turek wiederholt wieder und wieder den gleichen Satz, der zum Ende hin abbricht: „I’ll fuck you till you love me (...) Till you love me (...) Love me“. Violinenglissandos unterstreichen die Dramatik. Das Ende wirkt verzweifelt, die Wortwahl ist vulgär, und die verzerrte Stimme Tureks klingt fast brutal. Nach einer mystischen Schneewittchen-Szene im dunklen Haus liegt Rosalía währenddessen im Bett und wird von Visionen heimgesucht. Hier stellte die Sängerin im Interview mit dem Guardian eine Verbindung zu der Heiligen Hildegard von Bingen her, die zu Lebzeiten immer wieder von göttlichen Visionen berichtete. „Berghain“ sei von dieser historisch-spirituellen Figur inspiriert. Die letzten Zeilen („I’ll fuck you till you love me“), die der männliche Sänger Turek vorträgt, kulminieren in einer Drohkulisse. Sie unterstreichen endgültig: Die Liebe ist erzwungen und gewaltsam. Sie drängt sich auf, stalkerhaft und bedrohlich, bis die lyrische Sprecherin ihr Selbst aufgibt und sich so sehr in der Partnerschaft verliert, dass sie sich auflöst wie Zucker im Kaffee. Am Ende des Videos verwandelt sich Rosalía in eine Taube und fliegt zur Decke. Die Erlösung ist nicht im Diesseits zu finden.