Es regnet in Minnesota. Claire, die am Steuer des schweren Wagens sitzt, hat Minneapolis hinter sich gelassen und sich zunächst ganz gut geschlagen, dann aber bleibt sie zwischen Schoenstrom und Gopher Prairie doch noch im Schlamm stecken. Gut, dass es Milt gibt, den gut aussehenden jungen Tankstellenbesitzer, in dessen Autowerkstatt sie eine Stunde zuvor einen neuen Reifenschlauch gekauft hat. Er zieht die feine junge Dame mitsamt ihrem Vater aus dem Schlagloch. Und während Claire Boltwood, die Unternehmertocher aus New York, auf ihrem Weg nach Seattle das unternimmt, was Sinclair Lewis, der Autor von „Benzinstation“, eine „Reise in die Demokratie“ nennt, heftet sich Milt in seiner kleinen Blechkiste an die Stoßstange des großen Gomez-Deperdussin-Zweisitzers, mit dem die Boltwoods den Pazifik erreichen wollen. 1916 spielt der Roman, den Lewis drei Jahre später veröffentlichte. Damals war eine solche Überlandfahrt, einmal quer durch die Präriestaaten und über die Rocky Mountains, noch ein echtes Abenteuer. Da ist es nicht schlecht, wenn man sich zwischendurch auf die Hilfe eines scheuen, aber tatkräftigen fahrenden Ritters verlassen kann, der weiß, wie man mit widerspenstigen Fahrzeugen, missmutigen Zimmerwirtinnen und wilden Bären im Yellowstone-Nationalpark umgeht. Für Freunde romantischer Komödien Es gibt Lieblingsbücher, die aus der Mode kommen. „Benzinstation“ zählt zu ihnen. Auf Deutsch erschien der Roman, der im Original „Free Air“ heißt, erstmals 1927, ein großer Erfolg wurde er aber erst nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Bundesrepublik im gesellschaftlichen Fortschritt zum Amerika des Jahres 1919 aufschloss. Bis in die Achtzigerjahre verkaufte das Buch sich mehr als 150.000-mal, derzeit ist es vergriffen. Das ändert nichts an seinem Charme. Lewis, der für Romane wie „Main Street“, „Babbitt“ und „Elmer Gantry“ 1930 den Nobelpreis erhielt, legt mit „Benzinstation“ eine mustergültige Romcom vor dem Aufkommen der Romcoms vor. 1935 veröffentlichte er auch die Totalitarismus-Dystopie „It Can’t Happen Here“, in der der Demagoge Buzz Windrip seine Anhänger unter dem Deckmantel von Patriotismus und traditionellen Werten populistisch aufpeitscht. Auch das lohnt die Lektüre, während Minneapolis und Minnesota, Lewis’ Heimatstaat, im Chaos versinken. Man kann aber auch zu „Benzinstation“ greifen, das den amerikanischen Traum lebendig hält.
