Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Das galt bislang auch für SOS-Kinderdörfer in der ganzen Welt. Doch seit in Österreich eine ganze Reihe von Missbrauchsvorwürfen aus den Einrichtungen an die Öffentlichkeit gelangt sind, die sich auch gegen den legendären Gründervater Hermann Gmeiner selbst richten, bangt die Organisation nicht nur um ihren Ruf, sondern auch um die wohltätigen Zuwendungen: Bislang seien die Zahlen noch nicht absehbar, heißt es von SOS-Kinderdorf Österreich, aber man sehe schon, dass die Spendenbereitschaft eingebrochen sei. Ins Rollen gekommen war der Fall, als das Wiener Magazin „Falter“ im September über Vorwürfe im Kärntner Kinderdorf in Moosburg berichtete. Dort sollen Kinder von 2008 bis 2020 eingesperrt und mit Essensentzug bestraft worden sein. Kurz darauf wurden dem „Falter“ ähnliche Vorwürfe aus dem Kinderdorf Imst in Tirol zugetragen, dem ersten SOS-Kinderdorf der Welt. Gemeinsam war beiden Fällen, dass die Verantwortlichen schon lange davon wussten und die Probleme sogar schon in internen Studien dokumentiert und aufgearbeitet hatten. Alle Missstände seien beseitigt, die Betroffenen entschädigt und die Strukturen grundlegend verändert worden, teilte die Organisation mit. Doch wegen der sensiblen Daten seien die Studien nicht zur Veröffentlichung geeignet gewesen. Durchgesetzt hatte die externen Studien offenbar eine Geschäftsleiterin, die mit dem alten Prinzip brechen wollte, sich nach Vorfällen diskret von den Tätern zu trennen und Betroffene zu entschädigen, um bloß kein Aufsehen zu erregen. Doch eine zentrale Empfehlung der Fachleute wurde nicht befolgt: Sie hatten eben dafür plädiert, die Vorwürfe auch transparent zu kommunizieren, um mit den alten Strukturen zu brechen. Betroffene unter maximaler Geheimhaltung entschädigt Inzwischen sieht man auch in der Innsbrucker Zentrale von SOS-Kinderdorf ein, dass die Sorge um den guten Ruf der Organisation nach hinten losgegangen ist. In Österreich musste Geschäftsführer Christian Moser seinen Hut nehmen. Eine Kommission unter Leitung der früheren Präsidentin des Obersten Gerichtshofs, Irmgard Griss, soll nun die gesamte Organisation untersuchen. Man hätte viel früher transparent kommunizieren müssen, sagt eine Sprecherin, das sei klar. Als ersten Beleg für die neue Linie machte die Organisation einen für sie besonders bitteren Fall öffentlich: jenen von Gründervater Hermann Gmeiner. Bei der Durchsicht alter Akten kam heraus, dass acht Kinder dem 1986 verstorbenen Gmeiner physische und sexuelle Übergriffe vorgeworfen hatten. Auch hier zeigte sich das bekannte Muster: Eine interne „Aufarbeitung“ hatte stattgefunden, alle acht Betroffenen durchliefen schon zwischen 2013 und 2023 ein Opferschutzverfahren und wurden entschädigt, doch alles unter maximaler Geheimhaltung, um die Marke „SOS-Kinderdorf“ bloß nicht zu beschädigen. Das ging so weit, dass die Organisation weiter mit dem Bild ihres Gründungsvaters warb. Zahlreiche Straßen sind nach Gmeiner benannt Vor allem in Österreich ist Gmeiner nicht irgendjemand: Zahlreiche Straßen und Plätze sind nach dem 1919 geborenen Pädagogen benannt, der als Halbwaise auf einem Bergbauernhof aufgewachsen war und Ende der Vierzigerjahre die „Societas Socialis“ gründete, aus der später das Kürzel SOS hergeleitet wurde. Dem von seinen Erlebnissen als Wehrmachtssoldat an der Ostfront schwer traumatisierten Gmeiner ging es anfangs vor allem darum, sich der vielen Kinder anzunehmen, die im Zuge des Zweiten Weltkriegs ihre Eltern verloren hatten. Dem ersten Kinderdorf im Tiroler Imst folgten bald weitere in Österreich und seit den Fünfzigerjahren auch in Deutschland. Später expandierte die Organisation in die ganze Welt. Für 2023 gab der Dachverband an, fast drei Millionen Menschen in mehr als 130 Ländern erreicht zu haben. Doch nun entschließen sich immer mehr Städte und Gemeinden in Österreich, Gmeiner-Denkmäler abzubauen und Straßen und Plätze umzubenennen. Inzwischen kamen auch gegen die zweite Lichtgestalt der Organisation schwere Vorwürfe an die Öffentlichkeit. Helmut Kutin, ein enger Freund Gmeiners, hatte nach dessen Tod 1986 die Leitung von SOS-Kinderdorf übernommen und wurde später Ehrenpräsident der Organisation. Ein mutmaßlich pädophiler Großspender Laut einer internen Untersuchung hatte Kutin über Jahre einem mutmaßlich pädophilen Großspender dabei geholfen, in Kinderdörfern vor allem in Nepal zu übernachten und so Zugang zu Jungen zu bekommen, obwohl intern längst schwere Vorwürfe gegen den Mann bekannt waren, wie aus internen Mails und anderen Dokumenten hervorgehen soll. Die Ermittlungsbehörden wurden erst Jahre später vom Münchner Verein „SOS-Kinderdorf weltweit“ eingeschaltet, nachdem eine Whistleblowerin in Nepal den sexuellen Missbrauch von acht Kindern durch den Großspender gemeldet hatte. Damals fertigte eine „Independent Special Commission“ einen 991 Seiten langen Bericht an, den aber nur ein kleinster Kreis von Verantwortlichen unter der Verpflichtung zur Verschwiegenheit zu sehen bekam – andere bemühten sich offenbar gar nicht um nähere Informationen. Und während SOS International zumindest die Strafverfolgungsbehörden einschaltete und sich einige Länder dafür einsetzten, Kutin die Ehrenpräsidentschaft abzuerkennen, wurde er in Österreich bei der Hauptversammlung 2023 weiter hofiert. Dort hatte man einen eigenen Untersuchungsbericht erstellen lassen, der die Vorwürfe weichspülte. Nach Kutins Tod 2024 wurden auch die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen eingestellt. „Erkennen müssen, dass das nicht Einzelfälle sind“ Nach dem Ausscheiden des früheren Geschäftsführers bekennt sich die Organisation nun zu maximaler Transparenz. Annemarie Schlack, die das Ruder übernommen hat, spricht auch von eigenen Fehlern. Sie kam 2023 zu SOS-Kinderdorf und erfuhr damals bereits von den Vorwürfen gegen Gmeiner. „Man hätte erkennen müssen, dass das nicht Einzelfälle sind“, sagte Schlack vergangene Woche dem österreichischen Magazin „Profil“. Zwar sei es in Organisationen wie SOS-Kinderdorf bekannt, dass sich immer wieder Betroffene aus vergangenen Jahrzehnten melden würden, doch steckten dahinter „Dynamiken, patriarchale Systeme und Vertuschungsstrukturen, die wir als Organisation jetzt ganz klar hinter uns lassen müssen“. Zumindest für die Organisationen in Deutschland und Österreich ist die Affäre zumindest vorerst nicht existenzgefährdend, da ihre Leistungen weitgehend in die staatlich finanzierten Strukturen integriert sind. Im Gründungsland Österreich werden 75 Prozent der Einkünfte über Tagessätze und Kostenerstattungen von der öffentlichen Hand übernommen, die meisten der 1800 Kinder sind in maßgeschneiderten Projekten und Wohngruppen betreut, 4000 weitere begleitet SOS-Kinderdorf in verschiedensten Programmen. Das alte Kinderdorfidyll, mit dem auf Postkarten weiter geworben wird, macht hingegen nur noch einen kleinen Teil der Tätigkeiten aus.
