Der irische Schriftsteller Samuel Beckett besuchte von Ende September 1936 – die Olympischen Spiele in Berlin sind gerade vorbei – bis zum 1. April 1937 Deutschland. Er hatte seine Stelle als Französischlektor in Dublin gekündigt, weigerte sich, in das Baugeschäft seines Vaters einzusteigen, lebt von Zuwendungen der Mutter. Publiziert hat er noch kaum etwas. Für seinen ersten Roman hat er keinen Verlag gefunden, seinen zweiten, „Murphy“, soll er um ein Drittel kürzen. Beckett ist 30 Jahre alt. Die Tagebücher, die er während seiner Reise von Hamburg und Hannover über Berlin, Halle, Leipzig und Dresden bis nach München führt, sind gerade herausgekommen. Die Übersetzerin, Gaby Hartel, hat sie jetzt für den Deutschlandfunk bearbeitet und aus den 500 Seiten vier Hörspielfolgen gewonnen. Der Schauspieler Sabrin Tambrea liest Becketts Einträge im passenden Ton leichter Ermüdung, der Komponist Georg Zeitblom hat alles mit einer Klangspur unterlegt. „Mir geht es so schlecht, dass ich die ‚Times‘ lese“ Beckett ist oft niedergeschlagener Stimmung, und das Geld ist knapp. „Mir geht es so schlecht, dass ich die Times lese.“ Er lernt Deutsch – „Was für eine absurde Anstrengung, in einer fremden Sprache Schweigen zu lernen!“ –, verwendet es auch in seinem Tagebuch, was in der Hörfassung verloren geht. Was ihn vor der Depression bewahrt, sind seine Museumsbesuche. Er legt lange Listen der betrachteten Bilder an, kommentiert viele von ihnen detailreich und verschafft sich einen Eindruck von der expressionistischen Malerei, die im nationalsozialistischen Deutschland dabei ist, in den Depots zu verschwinden. Aber auch Werke von Feininger, Kokoschka, Klee und Baumeister sieht er. Dem Ausländer, der Empfehlungsschreiben mitbringt, werden sie mitunter noch gezeigt. Ab und zu merkt Beckett etwas zur deutschen Literatur an: Hesse, „ordentlich“, aber unehrlich; Rilkes „Cornet“ erscheint ihm preziös; Fontane, den er später verehrte, kommt nicht vor. Beckett notiert akribisch, welche Weine er trinkt und was er isst, oft schlechten Eintopf. Überhaupt erscheint dem Iren deutsches Essen – „Beefsteak mit Rosenkohl“, „Leberwurst“ – als Zumutung. „Esse Schwein, fühle mich wie Sau und denke an Franz Marcs Tierschicksale.“ Das Romanische Café in Berlin ist ein „Drecksloch“ – aber er geht immer wieder hin. Seine Spaziergänge durch die Städte werden verzeichnet, Landschaftseindrücke hält er fest und viele Unterhaltungen mit den Leuten, die er in seinen Hotels trifft oder denen er empfohlen wurde. „Pausenloses Heil Hitler“ in der Bierstube Ab und zu werden Reden von Hitler und Goebbels erwähnt. „Pausenloses Heil Hitler“ in der Bierstube. Manche Deutsche reden über die Nationalsozialisten, als stünden sie gerade vor einer Filmkamera. Ein Pensionswirt erzählt ihm, wie er zum Antisemiten wurde, weil der Berliner Polizeipräsident ein Jude war und er nach einer Schlägerei mit einem Juden 1928 drei Tage Haft bekam. Ein Leipziger Kellner spult für ihn ungefragt das „SS-Evangelium“ herunter. Zunehmend nervt den Touristen die Litanei. Bei Künstlern nimmt er eine Übersteigerung des Gefühls ins Sentimentale wahr. „Was ist das bloß bei diesen Nordmenschen, Nolde und Hamsun, das immer droht, die Sache zu ruinieren?“ Über „Judas vor den Hohepriestern“, das Emil Nolde 1922 gemalt hatte, notiert Beckett, der das Bild in Halle sieht, es sei eine Karikatur des Juden: „Ausdruck von Noldes versauter Einstellung. Sollte nur Natur malen.“ In Seitenbemerkungen wie der, man müsse jedes Wort kennen, um wirklich wortkarg zu sein, deutet sich seine spätere Ästhetik an. Die Hörspielbearbeitung weicht mitunter von der Übersetzung ab, etwa wenn Beckett aus einem Casino nicht „gewiesen“, sondern „geworfen“ wird oder wenn Gaby Hartel die „Beriechung“ in ein „Beschnuppern“ verbessert. Statt „Stadtschänke“ heißt es im Hörspiel missverständlich „SS“ oder statt „Bratkartoffeln“ merkwürdig „Bratkraut“. Manchmal werden Lakonismen wie „Ich gehe pissen“ an Stellen eingefügt, an denen sie im Tagebuch gar nicht stehen. Das sind aber Kleinigkeiten, insgesamt gibt die Hörfassung eine sehr gute Probe der Tagebücher. Wir hören einem wachen Zeitzeugen zu, der natürlich noch nicht wusste, worauf das Deutschland von 1936 hinauslaufen würde, für den die Nationalsozialisten aber schon eine intellektuelle Plage waren. Für anderes als den Geist interessierte sich Beckett nicht. Dazu war er zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Das Hörspiel German Diaries strahlt der Deutschlandfunk in vier Folgen aus. Die erste läuft am Samstag, 12. September, um 20.05 Uhr, die zweite am Mittwoch, 16. September, um 22.05 Uhr, Teil drei und vier am Samstag, 19. September, ab 20.05 Uhr. Wiederholungen jeweils am Folgetag bei Deutschlandfunk Kultur, abrufbar sind die Folgen im Netz unter hoerspielundfeature.de.
