FAZ 19.12.2025
17:05 Uhr

Beamter aus Fellbach: Wie ein Polizist in die Fänge der Mafia geriet


Ein Polizist aus Fellbach steht wegen Mafiakontakten vor Gericht. Der Angeklagte soll im Gespräch mit einem Angehörigen der ’ndrangheta verlangt haben, seinem Revierleiter „richtig was auf die Schnauze“ zu geben.

Beamter aus Fellbach: Wie ein Polizist in die Fänge der Mafia geriet

Die Stadt Fellbach im Nordosten Stuttgarts gilt seit Jahrzehnten als wichtiges Operationsgebiet der kala­brischen Mafia ’ndrangheta. Mafiosi verteilten aus der Stadt mit knapp 50.000 Einwohnern heraus die in Kalabrien produzierten, meist minderwer­tigen Lebens­mittel, um sie zu überhöhten Preisen an die zahlreichen italie­nischen Gastwirte und Lebensmittel­händler der Region zu verkaufen. Die ­Mafia ist im Raum Stuttgart stark ver­treten, weil in den Fünfziger- und Sechzigerjahren viele italienische Einwanderer dorthin gezogen waren; für die Mafia war somit ein Absatzmarkt entstanden. In Fellbach betrieb die ’ndrangheta einige Jahre ein Lebensmittellager und zur Tarnung ihrer Tätigkeit ein Fischgeschäft. Seit dieser Woche muss sich ein 47 Jahre alter Polizist aus Fellbach vor dem Landgericht Stuttgart wegen der An­stiftung zum Totschlag verantworten. Im zweiten Strafverfahren, das Anfang 2026 beginnt, wird ihm darüber hinaus der Verrat von Dienstgeheimnissen vorgeworfen. Der Beschuldigte war Anfang April bei einer groß angelegten Fahndungsaktion in Baden-Württemberg festgenommen worden. Von den 34 damals festgenommenen mut­maß­lichen Mafiosi war der Polizist der einzige Verdächtige mit deutscher Staatsbürgerschaft. Dass es der Mafia gelungen war, innerhalb der deutschen Polizei Verbündete zu finden, hat die Ermittler be­unruhigt. Eine „Abreibung“ für den Leiter des Reviers Der beschuldigte Polizist ließ am ersten Verhandlungstag eine Erklärung seines Anwalts vorlesen. Demnach habe er bei einem „italienischen Freund“ tatsächlich eine „Abreibung“ für den Leiter des Fellbacher Polizeireviers bestellt. Bei dem ­italienischen Freund handelte es sich ­offenbar um einen Angehörigen der ’ndrangheta. Der Angeklagte soll in einem Telefongespräch verlangt haben, dem Revierleiter „richtig was auf die Schnauze“ zu geben, worauf der Italiener gesagt haben soll, dass er viele Leute kenne, die sich darauf freuen würden. Nach den Ermittlungen der Staatsanwaltschaft sprachen sich der Polizist und der Mafioso als „fratelli“ an; sie sollen auch gemeinsam nach Italien gereist sein, wo sich der Polizist einen Hochzeitsanzug gekauft habe. Gründe für das Verhalten des Polizisten sind offenbar die Enttäuschung über eine nicht erfolgte Beförderung und eine psychische Erkrankung. Während des aufgezeichneten Telefonats Anfang 2022 soll er sich in einer manischen Phase befunden haben. In der Hauptverhandlung bedauerte der Angeklagte in einer von ­seinem Anwalt verlesenen Erklärung sein Verhalten. Er habe so etwas nie gewollt, und er schäme sich auch. Der Revierleiter hat noch nicht ausgesagt. Anfang des kommenden Jahres beginnt das zweite Verfahren wegen des Verrats von Dienstgeheimnissen. Der Beschuldigte soll interne Daten aus den Datenbanken der Polizei weitergegeben haben. Nach Darstellung der Polizei waren die Unzuverlässigkeit und die psychischen Probleme des Beamten schon im Jahr 2021 aufgefallen, was zu seiner Versetzung geführt hatte. In welchem Umfang der Beschuldigte an die ’ndrangheta Geheimnisverrat be­gangen haben könnte, dürfte sich erst im Laufe des zweiten Verfahrens zeigen.