Es gab einiges zu bereden. Weniger, weil der FC Bayern das tat, was er mit einer Ausnahme bisher in dieser Bundesliga-Saison immer getan hat: Gewinnen, und das klingt erst einmal eher langweilig. Aber der deutsche Fußball-Rekordmeister kam am Samstag auf einem neuen Weg zum Erfolg, zu diesem 6:2 gegen den SC Freiburg, wenngleich niemand bestätigen wollte, dass die Anfangsphase pure Absicht gewesen war, um der Konkurrenz ein wenig Hoffnung zu geben, Spannung vorzugaukeln, wo natürlich doch derzeit weder Hoffnung noch Spannung besteht im Titelrennen. Aber nein, diese ersten knapp 20 Minuten, in denen die Bayern zwei Gegentore kassierten, waren nicht gewollt. Darüber war zu reden, auch darüber, dass den Freiburger Treffern zwei Eckbälle vorausgingen und die Münchner damit spielübergreifend vier Standard-Gegentore in Serie hinnehmen mussten. Nun geht es am Mittwoch in der Champions League gegen den FC Arsenal, den Tabellenführer in der Premier League, was die Mannschaft aus London schon alleine zu einem Gegner auf Augenhöhe macht. „Wir können das nicht verstecken“ Die Engländer sind ausgesprochene Standard-Spezialisten, und der Münchner Trainer Vincent Kompany ahnt schon, dass Arsenals Analysten diese Lücken in der bayerischen Ordnung nicht entgangen sein dürften. „Wir können das nicht verstecken“, sagte er und forderte von seiner Mannschaft vor dem Duell mit den punktgleichen Londonern um die Tabellenführung in der Champions-League-Vorrunde: „Wir müssen das auch mal wegverteidigen.“ Lieber noch redeten die Bayern aber über das, was kaum besser zu machen war, also wie sie das Spiel drehten. Da wäre Michael Olise der ideale Gesprächspartner gewesen. Auch mit Blick auf das Champions-League-Duell. Für ihn, der im Westen von London geboren und aufgewachsen ist, wird es sicher eine besondere Reise. Aber während Lennart Karl, der andere Bayern-Spieler, der für die Wende am Samstag verantwortlich war, mit seinen 17 Jahren so unbekümmert redet wie er spielt, tauchte Olise nach Abpfiff lieber ab. Karl hingegen hat keine Scheu über seine Leistung zu reden. Er hat mit seinem Tor zum 1:2 und als Vorlagengeber des Ausgleichs den Aufschwung eingeleitet. Sein zurückhaltender Kollege war nicht nur an den ersten beiden Treffern beteiligt, beim ersten als Vorbereiter, beim zweiten als Schütze, sondern an drei der vier weiteren Tore nach der Pause. „Michael muss Leistungsträger sein und das hat er gemacht in einem Moment, in dem wir das gebraucht haben“, sagte Kompany. Olise war der überragende Akteur auf dem Platz, aber das ist für ihn noch lange kein Grund, etwas zu sagen, sich zu erklären, sich jenseits des Rasens in den Mittelpunkt zu rücken. Im Vereinsmagazin der Bayern, in dem Anfang des Jahres das einzig längere Interview erschien, das er seit seinem Wechsel nach München gegeben hat, ließ er wissen, dass er auf dem Platz zeigen wolle, „was ich kann und wer ich bin“. Wer er ist, behält er lieber für sich. Immerhin weiß die Öffentlichkeit seit jenem Interview, dass Olise gerne Schach spielt. War er kann, hat er in den gut 15 Monaten in München hinreichend gezeigt. Damals, im Sommer 2024, war er für rund 53 Millionen Euro von Crystal Palace gewechselt. Kein Schnäppchen, und womöglich haben sich einige gefragt, warum nicht die großen Premier-League-Vereine zugegriffen haben, wenn Olise schon so hochbegabt ist, wie es hieß. Der österreichische Nationaltrainer Ralf Rangnick, der den Offensivspieler noch aus seiner Zeit bei Manchester United kannte, und Oliver Glasner, Olises letzter Trainer bei Crystal Palace, schwärmten ebenso wie kurz danach Thierry Henry. Der frühere Weltklassestürmer betreute die französische Olympia-Auswahl bei den Sommerspielen, wo Olise zum ersten Mal außerhalb von England für Furore sorgte. Offenbar waren die Bayern im richtigen Augenblick zur Stelle, als sie vor der vergangenen Saison ganz bewusst einen Linksfuß für die rechte Angriffsseite suchten, der aber auch flexibel einsetzbar ist. Ein Glücksgriff, wie sich schnell herausstellte. Olise hatte keine Anpassungsschwierigkeiten, wie selbstverständlich war er auf Anhieb Stammspieler. Seinen Marktwert hat er beim FC Bayern fast verdreifacht, laut transfermarkt.de liegt der nun bei 130 Millionen Euro. Längst ist er zu einer der wichtigsten Stützen der Mannschaft aufgestiegen. Zu einer Stütze, die kaum Pausen bekommt von Kompany, auch weil er sie kaum benötigt. Olise konzentriert sich auf das, was er beeinflussen kann. Seine Form, sein Spiel, seine Leistung. Er nimmt die Aufgaben an, die ihm gestellt werden. Vorne sowieso, aber auch hinten. Ganz ohne Allüren. Es kann schon vorkommen, dass er ein paarmal bei seinen Dribblings hängenbleibt, den Ball verliert, aber er lässt sich nicht beirren – und irgendwann klappt es meistens. „Michael ist ein Spieler, der sich in so ein Spiel reinarbeiten kann, auch wenn am Anfang nicht alles funktioniert hat“, sagte Sportvorstand Max Eberl am Samstag. Es könnte sein, dass genau diese Eigenschaft auch am Mittwoch in London gefragt sein wird.
