Diesen Fragebogen hat Marcel Proust nie ausgefüllt. Denn er ist eine auf den Fußball zugespitze Variante eines zu Zeiten des französischen Schriftstellers beliebten Gesellschaftsspiels. Wir spielen es weiter mit Menschen aus dem Fußball, die bereit sind, die Herausforderung an Geist und Charme anzunehmen: diesmal mit dem Münchner Nationalspieler Tom Bischof. Was ist für Sie das größte Glück als Fußballer? Wahrscheinlich antworten das 99 Prozent derjenigen, denen Sie diesen Fragebogen schicken, aber es ist halt so: dass ich mein Hobby zum Beruf machen durfte! Wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann, ist das ein Traum, ein großes Glück. Darüber hinaus bin ich sehr dankbar, was ich durch diesen Beruf erleben darf, was ich beispielsweise von der Welt sehen darf. Ich bin zwar niemand, der beim Landeanflug die ganze Zeit aus dem Fenster schaut, aber ich versuche schon immer auch ein bisschen von der Stadt mitzubekommen. Vor unserem Champions-League-Spiel gegen PSG war ich noch in Paris spazieren, um ein bisschen von dieser Atmosphäre aufzusaugen. Ich war gar nicht darauf aus, zum Eiffelturm zu kommen, der war auch zu weit weg, und ich war ja nicht als Tourist da. Aber die Cafés und kleinen Läden, etwas versteckt in den Gassen – das hatte ein besonderes Flair. Und was ist für Sie das größte Unglück als Fußballer? Unglück ist sicher das falsche Wort – man muss sich bewusst sein, dass man in der Öffentlichkeit eigentlich immer unter Beobachtung steht. Es ist nun mal so, dass man theoretisch jederzeit fotografiert werden könnte, und dass in jedes Bild etwas reininterpretiert werden kann. Ansonsten – aber auch das ist kein Unglück, sondern schade – vermisse ich es, Skifahren zu gehen. Das habe ich immer gerne gemacht, auch ganz gut. Aber ich möchte jetzt nichts mehr riskieren, daher verzichte ich darauf. Woran erkennen Sie einen guten Spieler? Ich mag Spieler, die vorher schon wissen, was passieren wird. Die ein Spiel mit all den Variablen wirklich lesen können, so wie es Toni Kroos getan hat. Ich habe es gefeiert, wie er Vinicius Junior per Handzeichen dirigiert hat – so dass es jeder sehen konnte – und trotzdem kam sein Pass in die Tiefe an (im Champions-League-Spiel gegen die Bayern 2024/d. Red.). Das war herausragend. Wer ist der beste Spieler, gegen den Sie gespielt haben? Bis vor ein paar Monaten hätte ich Granit Xhaka geantwortet. Seit unserem Spiel gegen Paris St. Germain muss ich aber sagen: Vitinha! Er lenkt das gesamte Spiel von Paris. Er ist immer in Bewegung, er ruht nie, ist immer anspielbar. Er ist echt unangenehm zu bespielen. Welcher Spieler ist besser als die Allgemeinheit glaubt? - Wer ist der wichtigste Trainer in Ihrer Karriere? Es gibt einen in der Frühphase meines Wegs: Danny Galm! Der wusste immer, was wichtig war: mal ein Arschtritt, mal ein In-den-Arm-nehmen. Ohne ihn würde ich mit größter Wahrscheinlich nicht den zweiten Namen nennen können: Vincent Kompany! Ich habe noch nie so viel unter einem Trainer gelernt wie unter ihm. Ich hatte mit ihm ein Gespräch bei der Klub-WM, nach dem Spiel gegen Benfica Lissabon. Da meinte er, er möchte sehen, dass ich auf den ersten Metern explosiver bin, mich dynamischer vom Gegner weg bewege. Das war wichtig. Diese Botschaft habe ich zum Beispiel immer im Kopf. Wen bewundern Sie? Martina Nusser und Gundula Schmid von Glücksmomente e.V. Die zwei engagieren sich mit ganz viel Liebe und Herzblut für schwerkranke Kinder. Ich durfte sie kennenlernen und unterstütze das Projekt seit Kurzem. Diese Arbeit werden wir intensivieren. Es müsste viel mehr Menschen wie Martina und Gundula geben, die erst mal an alle anderen denken, ehe sie an sich denken. Die beiden haben mir imponiert, weil sie wirklich Gutes tun, wo Hilfe nötig ist. Was bewundern Sie? Genau diese Hingabe für Menschen, die Hilfe benötigen. Was fürchten Sie in einem Spiel? Nichts! Welche Fußballregeln würden Sie ändern? Ich bin kein Freund vom VAR! Wer führt Ihre Gehaltsverhandlungen? Meine Mutter hat mir mal das Buch „Das einzige Buch, das Du über Finanzen lesen solltest: Der entspannte Weg zum Vermögen“ von Thomas Kehl geschenkt. Das habe ich zweimal gelesen. Trotzdem habe ich mit Sports360 eine Agentur, die mich weitreichend unterstützt. Dort gibt es Experten für Marketing und Medien-Arbeit. Und ich habe ein kleines, richtig gutes Team um mich herum. Dementsprechend wurde mein Wechsel von Hoffenheim nach München von Volker Struth, Martin Vontra und Marius Herkommer begleitet und mein Vertrag verhandelt. Was ist der Sinn des Spiels? Gewinnen. Ihr Lieblingsspieler? Vitinha. Und Joshua Kimmich. Der hat mir, kurz nach Bekanntwerden meines Wechsels, als ich noch in Hoffenheim war, eine Nachricht geschrieben. Er hatte sich meine Nummer besorgt. Er schrieb, dass er, als er zu Bayern ging, noch kein Bundesliga-Spiel absolviert hatte – und sich trotzdem den Schritt zugetraut hätte. Und dass er mir das auch zutraut. Er meinte, dass er sich freut und dass er an mich glaubt. Das war ein schöner Gänsehautmoment, so viel Vertrauen vorab zu bekommen. Ihr Lieblingstrainer? Vincent Kompany. Welches Buch haben Sie zuletzt gelesen? Ich habe zuletzt viel in einem Kochbuch geblättert, das ich in meinem Adventskalender hatte. Ich koche wirklich gerne, habe daran Freude. Und in dem Buch waren echt gute Rezepte drin. Außerdem habe ich noch „Mensch Fußballstar“ von Andreas Böni gelesen. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Mitspieler am meisten? Bevor ich nach München gegangen bin, konnte ich mir gar nicht vorstellen, dass Bayern-Stars ganz normal sind. Ich weiß gar nicht genau, was ich erwartet hatte. Vielleicht, dass die unnahbar wären. Aber überhaupt nicht. Erst hat mich Kimmichs Nachricht überrascht. Dann eine Begegnung mit Manuel Neuer. Ich stand zusammen mit Aleksandar Pavlovic im Fahrstuhl und dann kam er rein. Und war so lustig, so normal, so amüsant und vor allem so nett. Die Bayern-Kabine ist wirklich ein herausragender Ort! Ein Ort voller Energie, Zielstrebigkeit und trotzdem zum Wohlfühlen. Welche Eigenschaften schätzen Sie bei einem Freund am meisten? Ich habe echt noch viele Freunde, die mich als Tom kennen, nicht als den Fußballer Bischof. Sie sind absolut zuverlässig und loyal. Das ist entscheidend. Ihre Helden der Gegenwart? Held ist übertrieben, aber ich mag den Tennis-Profi Carlos Alcaraz, dessen Netflix-Doku „Auf meine Art“ ich kürzlich gesehen habe. Meine Eltern sind meine Helden. Sie haben mir so viel mitgegeben. Ich muss sagen, dass ich das Glück einer fantastischen Kindheit und Jugend hatte. Ihre Art, wie sie mich erzogen haben, habe ich mit 15 oder 16 Jahren vielleicht nicht ganz so gesehen. Aber heute weiß ich es umso mehr zu schätzen. Sie waren nicht zu streng, aber auch nicht zu lasch. Wenn ich nicht ‚danke‘ oder ‚bitte‘ gesagt habe, gab es Ärger. Oder wenn ich Menschen nicht vernünftig begrüßt habe. Beim Essen wurde sitzen geblieben. Ein fettes Danke an dieser Stelle, fürs Begleiten, Unterstützen, fürs Ermutigen und ein echt wertvolles Werteraster. Ihre Heldinnen der Geschichte? - Was ist der größte Irrtum über das Leben als Fußballprofi? Der Druck ist schon immens. Der öffentliche, aber auch, den man sich selbst macht. Der Kopf ist mindestens so wichtig wie die Beine. Messi oder Ronaldo? Messi! Er ist komplett, kann allein ein Spiel entscheiden. Guardiola oder Klopp? Eine Mischung aus beiden! Ich mag die Emotionalität von Jürgen Klopp. Gleichzeitig weiß ich aber auch, was Guardiola für Bayern bedeutet, wie er maßgeblich zu der Weiterentwicklung dieses Vereines beigetragen hat. Sein Wissen und Klopps Emotionalität. Was lieben Sie am meisten am modernen Fußball? Ich mag Fußball, der auch komplex ist. Wenn Trainings fordernd sind, nicht nur körperlich, sondern auch für die Birne. Was verabscheuen Sie am meisten am modernen Fußball? Hass im Netz! Hatespeech und Verleumdung unterm Deckmantel der Anonymität. Armselig! Ihre Lieblingsbeschäftigung an einem Spiel- und trainingsfreien Tag? Eine Runde Wizard mit meinen Jungs.
