FAZ 20.01.2026
16:28 Uhr

Bayer 04 Leverkusen: Kasper Hjulmand und die Grenzen der Empathie


Kasper Hjulmand gilt als einfühlsamer Trainer, der auch mit politischen Statements auf sich aufmerksam macht. In Leverkusen soll er das Feuer wieder zum Lodern bringen. Aber kann er das überhaupt?

Bayer 04 Leverkusen: Kasper Hjulmand und die Grenzen der Empathie

Zeit für ausgeruhte Überlegungen zur Weltlage hat Kasper Hjulmand eher nicht in dieser Woche. An diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei DAZN) wird der Trainer von Bayer Leverkusen bei Olympiakos Piräus ein sehr wichtiges Champions-League-Spiel absolvieren, bevor es am Samstag (15.30 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Bundesliga und bei Sky) darum geht, gegen Werder Bremen den jüngsten Abwärtstrend in der Bundesliga zu stoppen. Zwischendurch wird der Däne aber gewiss einen Blick nach Davos werfen, wo Donald Trump auf dem Weltwirtschaftsforum seine Pläne zur Übernahme von Grönland vorantreiben will. Hjulmand ist mit der Grönländerin Maliina Abelsen liiert, die einst dem grönländischen Parlament angehörte und heute im Aufsichtsrat des staatlichen Fischereiunternehmens sitzt. In einem Neujahrsgruß teilte Hjulmand zum Jahreswechsel mit, dass seine Gedanken „dem wunderbaren grönländischen Volk“ gälten, und brachte seine Ablehnung gegenüber Machthabern zum Ausdruck, für die „die Welt ein Jagdrevier“ sei. Das erregte viel Aufmerksamkeit, weil Fußballtrainer politische Fragen gerne umschiffen. Hjulmand steht hingegen auch öffentlich zu seiner Haltung, obgleich er weiß, wie riskant das sein kann, erzählt Flemming Pedersen, ein enger Vertrauter des Leverkusener Trainers, im Gespräch mit der F.A.Z. Am Ende seiner Zeit als Chefcoach der dänischen Nationalmannschaft seien die Meinungen zu Hjulmand „geteilt“ gewesen, sagt Pedersen, der zehn Jahre lang mit seinem Landsmann zusammengearbeitet hat, unter anderem bei Mainz 05. „Viele mochten ihn als Nationaltrainer, andere weniger“, sagt Pedersen, der heutige Technische Direktor beim FC Nordsjælland. „Vor allem wurde Kasper vorgeworfen, sich nicht ausschließlich auf den Fußball zu konzentrieren. Als die Mannschaft bei der Weltmeisterschaft in Qatar spielte, sprach er über Menschenrechte und hob die Ziele von UNICEF hervor. Seine Kritiker waren der Meinung, er solle sich nur um den Fußball kümmern.“ „Das Leben ist ein Mannschaftssport“ Im Moment engagiert sich Hjulmand für die Social-Media-Plattform „WeAre8“, die das Ziel verfolgt, die Macht der großen Tech-Konzerne an die Menschen zurückzugeben. Hjulmand ist ein Humanist, der den Fußball nicht von den anderen wichtigen Bereichen des Lebens trennen will, im Gegenteil. „Das Leben ist ein Mannschaftssport“, sagt er in einem Interview mit dem „Werkself Magazin“. „Das Wichtigste sind die Verbindungen untereinander (…). Fußball ist ein großartiges kleines Abbild des Lebens.“ Wer sich unter Leuten umhört, die Hjulmand kennen, bekommt immer zu hören, wie angenehm und interessant die Zusammenarbeit mit diesem Menschenfreund ist. „Kasper ist ein Trainer, der sehr schnell Beziehungen zu Spielern aufbaut“, sagt Pedersen. „Er möchte den Menschen kennenlernen, nicht nur den Spieler. Er spricht auch gerne über andere Dinge als Fußball; das ist seine Art, Vertrauen entstehen zu lassen.“ Ähnlich klingt Daniel Brosinski, der 2014 bei Mainz unter Hjulmand aktiv war und sagt: „Er wollte immer die ganze Mannschaft an Bord haben, dafür hatte er ein gutes Gespür. Und er hat immer sehr schnell gemerkt, wenn jemand sich unwohl fühlte und etwas brauchte.“ Auch international wurde der Sportwissenschaftler Hjulmand nicht als Fußballtrainer weltbekannt, sondern als sehr empathische Führungskraft in einer Situation, die Millionen Menschen bewegte. 2021 brach sein Spieler Christian Eriksen mit einem Herzstillstand während einer Partie gegen Finnland auf dem Platz zusammen und wäre beinahe gestorben. Hjulmand fand in jenen Tagen immer die passenden Worte, einfühlsam, klar und gut orientiert. Als Stimme einer emotional aufgewühlten Mannschaft und einer bewegten Fußballnation. „In der Führungsstärke hat er da außergewöhnlich agiert, als Führungsperson aber auch als Mensch, das haben wir alle gesehen“, sagt der Leverkusener Sportchef Simon Rolfes bei Hjulmands Vorstellung im September. Dänemark erreichte noch das EM-Halbfinale, das ist jedoch – neben einem dänischen Meistertitel mit dem FC Nordsjælland 2012 – der größte Erfolg des mittlerweile 53 Jahre alten Trainers. Auf der Bühne des Champions-League-Fußballs ist er hingegen noch nicht richtig angekommen. Deshalb war die Entscheidung der Leverkusener Klubführung nach den großen Jahren mit Xabi Alonso und dem missglückten Versuch, mit Erik ten Hag auf Hjulmand zu setzen, ziemlich mutig. Und zunächst hat Hjulmand mit seinen Eigenschaften Erstaunliches bewirkt bei Bayer 04. Das Team kletterte bis auf Rang drei in der Winterpause und warf Borussia Dortmund durch einen Auswärtssieg aus dem DFB-Pokal. Mancher Experte hielt die Rheinländer noch an Weihnachten für das beste Team hinter den Bayern, weil Hjulmand die vielen Potentiale des neu zusammengestellten Kaders klug zur Entfaltung brachte. „Möglicherweise fehlende Intensität“ Damit erspielte das Team sich auch eine ordentliche Ausgangslage in der Champions League, wo Leverkusen auf Platz 20 steht. Da jedoch mit Piräus und dem FC Villarreal zwei Gegner warten, die tiefer in der Tabelle positioniert sind, ist der Sprung in die K.-o.-Phase greifbar. Und doch ist nach zwei Bundesliganiederlagen zu Beginn des neuen Jahres ein altes Thema an die Oberfläche gelangt: die Sache mit der Siegermentalität, die während der Alonso-Jahre fast vergessen worden ist. Der Mittelfeldspieler Malik Tillman nennt als Ursache für die Niederlage in Hoffenheim „möglicherweise fehlende Intensität“, während Rolfes die Forderung stellt, „einen oder zwei Gänge hochzufahren“. Mancher Kritiker fühlt sich an die ­alte „Vizekusen“-Zeit erinnert. Fehlt hier etwa ein Besessener wie Alonso, dessen Entschlossenheit mitreißend wirkt? Ein Motivator, der emotionale Reden in der Kabine hält, ist Hjulmand nämlich nicht. „Ich habe Kasper damals nie als den lautstarken Trainer kennengelernt, der richtig emotional wurde“, erzählt der ehemalige Spieler Brosinski, und Hjulmand selbst erklärt: „Manchmal ist es schwierig zu sehen, was ist Feuer und was ist nicht die richtige Lösung.“ Der Däne ist ein Trainer, der eher inhaltlich arbeitet als emotional. Der sich schon auch als „besessen“ von seinem Beruf beschreibt, der aber auch unter dieser Obsession leidet. „Manchmal liebe ich meine Leidenschaft, aber manchmal hasse ich mein Sozialleben, weil ich nicht viel Zeit für andere Menschen habe“, sagt der Vater von drei Kindern. Klar ist, dass das Sozialleben in diesem intensiven Januar nicht im Vordergrund stehen wird, denn es steht viel auf dem Spiel, auch für Hjulmand. Er ist zwar kein unbekannter Trainer mehr, aber der Schritt auf das allerhöchste Niveau ist ihm noch nicht gelungen. „Dänemark war eine gute Mannschaft, aber keine Spitzenmannschaft“, sagt Flemming Pedersen. „Jetzt in Leverkusen arbeitet er mit einem sehr starken Kader, und je besser die Spieler sind, desto besser kann er seine Ideen umsetzen.“ Jedenfalls, wenn er das Feuer wieder richtig zum Lodern bringt.