Ein helles Gesicht taucht aus einem dunklen Hintergrund auf. Es ist das einer Frau – einer alten Bäuerin, die vielleicht gerade von der Feldarbeit heimgekehrt ist, ihre Wangen sind gerötet. Am Betrachter vorbei schaut sie ins Leere. Ihr Blick ist melancholisch, müde, zeugt aber auch von sehr viel Kraft. Man möchte ihr über die Wange streichen, die gewiss noch kalt von draußen ist. Der Maler hat die Frau außergewöhnlich lebensecht dargestellt. Empathisch, liebevoll. Sie müssen sich sehr nahe gestanden haben. Vielleicht handelt es sich um seine Mutter? Doch wer war er? Wie hieß er? Woher kam er? Wie sah er aus? Es gibt Künstler ohne Œuvre – man denke an Apelles, der als bedeutendster Maler der Antike gilt, von dem aber kein einziges Werk erhalten geblieben ist. In diesem Falle aber geht es um ein Werk ohne Künstler, genauer gesagt, um gut zwei Dutzend solcher virtuos gemalten Bilder, die in den letzten 120 Jahren aufgetaucht sind und einem rätselhaften Zeitgenossen von Rembrandt zugeschrieben werden. Bekannt ist nur das Monogramm, mit dem er seine Werke signierte: ein I mit einem darüber gelegten S. Sechzehn Bilder des Meister I.S. wurden nun erstmals für die Schau zusammengebracht „Diese Initialen sind alles, was wir haben“, sagt Kuratorin Lea van der Vinde vom städtischen Museum Lakenhal in der alten Universitäts- und Rembrandtstadt Leiden. „Meister I.S. wird er genannt, denn ein Meister war er. Sein Œuvre ist hochkarätig, die Bilder sind phantastisch – und trotzdem wissen wir nichts über sein Leben.“ Manche Arbeiten sind datiert, dadurch steht zumindest fest, dass sie zwischen 1633 und 1658 entstanden sind. „Aber das ist auch schon alles. Wir kommen uns vor wie auf einer Geisterjagd.“ Das Phantom I.S. I wie Isaak. Wobei das I auch für ein J stehen mag. J wie Jacobus, Johannes. Oder Johanna. Es könnte auch eine Frau gewesen sein. Sechzehn seiner oder ihrer Bilder wurden nun erstmals für eine Ausstellung zusammengebracht, die zunächst im Museum Serlachius im finnischen Mänttä zu sehen war, das ein Werk von I.S. in seiner Kollektion hat, und die nun nach Leiden weitergereist ist. Die Schau findet im Rahmen eines Forschungsprojekts statt, für das die beiden Museen ihre Kräfte gebündelt haben. „Mit dem Ziel, Licht ins Dunkel zu bringen“, sagt Professor Emeritus Volker Manuth von der Radboud-Universität in Nimwegen. Der deutsche Kunsthistoriker gehört zu den Initiatoren des Projekts und ist Meister I.S. schon seit 28 Jahren auf der Spur, nachdem in den Bayerischen Staatsgemäldesammlungen das bisher früheste bekannte Werk von I.S. sein Interesse geweckt hatte: das 1633 entstandene Bildnis eines lesenden Studenten im roten Mantel. Damals war I.S. noch suchend und unbeholfen, machte dann jedoch eine enorme Entwicklung durch. „Die Bilder, die Ende der Vierziger- und in den Fünfzigerjahren des 17. Jahrhunderts entstanden, sind von einer unglaublich hohen Qualität und Strahlkraft.“ So wie das Bildnis eines einäugigen Mannes aus Pariser Privatbesitz, einer der Höhepunkte der Schau, technisch brillant. Meister I.S. kannte Rembrandt und die Leidener Schule Dass die Schau nach Finnland nun ausgerechnet im holländischen Leiden zu sehen ist, kommt nicht von ungefähr. Meister I.S. muss die Arbeiten der Leidener Schule gekannt haben, die von Gerrit Dou, dem Begründer der Leidener Feinmalerei, von Jan Lievens, der in Leiden eng mit Rembrandt zusammenarbeitete, und auch die von Rembrandt selbst, der erst mit 25 nach Amsterdam umzog und seine ersten Bilder in seiner Geburtsstadt malte. Es waren auch diese drei Maler, die in Leiden ein neues Genre schufen, in dem auch Meister I.S. brillieren sollte: das der so genannten Tronies – keine Porträts bestimmter Personen, sondern Darstellungen eines bestimmten Typus wie zum Beispiel alte Männergesichter. Die Leidener Schau zeigt Arbeiten von Dou, Lievens und Rembrandt neben denen ihres rätselhaften Zeitgenossen. Die direkte Konfrontation macht deutlich, wie sehr auch dessen Bilder von psychologischem Tiefgang geprägt sind und vom Clair obscur eines Rembrandts. So wie die Leidener Maler widmete sich auch I.S. immer wieder dem alternden Menschen. Und auch er vermeidet dabei – anders als etwa Vermeer – jegliche Idealisierung. Die Gesichter werden realistisch dargestellt, mit allen Unebenheiten und Falten. I.S. ging dabei sogar noch einen Schritt weiter als seine Leidener Kollegen, er malte noch feiner, noch eindringlicher, hyperrealistisch. „Dadurch wirkt sein Werk modern“, so Kuratorin van der Vinde. „In mir jedenfalls bringt dieser Maler eine Saite zum Erklingen, die bei Rembrandt nicht immer ertönt. Als Kunsthistorikerin fällt es mir schwer, das zu sagen. Aber es ist wahr.“ Auffallend ist die Vorliebe von Meister I.S. für ungewöhnliche, durch Krankheiten oder Unfälle gezeichnete Gesichter. So wie der Mann aus Paris, der ein Auge verloren hat. Ein anderer hat ein Geschwulst auf der Nase. I.S. hat sie mit klinisch-pathologischer Akkuratesse dargestellt. War er vielleicht Arzt oder Medizinstudent? Leiden hatte 1575 die erste Universität der Niederlande bekommen und zog wie ein Magnet Wissenschaftler aus ganz Europa an. Die Immatrikulationsbücher von damals sind erhalten geblieben: I.S. war kein Student, vielleicht kam er gar nicht aus Leiden. Denn sosehr der unbekannte Künstler in der Tradition der Leidener Schule steht: Die Kleidung der dargestellten Menschen – Pelzmützen, Mäntel, Kopftücher, spitze, hohe Hüte – stammen Textilexperten zufolge eindeutig aus Nord- und Osteuropa. War der Künstler Balte? Der Handel mit den Ostseeländern – der Import von Holz und Getreide – sorgte damals für regen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch. Möglich, dass I.S. als Kaufmann oder Student aus Estland oder Finnland mit einer Handelsdelegation in Leiden landete, dort das Malen entdeckte, hängenblieb und nach einigen Jahren wieder nach Hause zurückkehrte. Das würde erklären, weshalb er nach 1658 genauso urplötzlich in der Versenkung verschwindet, wie er 1633 aufgetaucht war. „Er könnte natürlich auch gestorben sein“, so Manuth. „Oder mit dem Malen aufgehört haben, weil er es nicht hauptberuflich tat.“ Vorerst bleibt es bei Spekulationen – und I.S. ein Phantom. Auch was sein Aussehen betrifft: Auf der Schau ist ein kurioses Bild aus deutschem Privatbesitz zu sehen, das einen studierenden jungen Mann mit nacktem Oberkörper und deutlichem Brustansatz am Schreibtisch sitzend zeigt, der sich mit einem Bein an einem Klotz festgekettet hat. Manuth hat den Eigentümer des Bildes, einen Arzt, darauf angesprochen, für den es ein klarer Fall ist: Der junge Mann leide am Klinefelter Syndrom, einer angeborenen Chromosomenanomalie bei Männern. Geht es hier um ein Selbstporträt? Hat I.S. die Krankheit wie den sprichwörtlichen Klotz am Bein erfahren? Porträtierte er deshalb so oft Außenseiter, weil er sich selbst als solcher fühlte? Es muss zwei weitere Bildnisse von jungen Männern geben oder gegeben haben, die dem angeketteten Studenten ähneln – aber von ihnen existieren nur Schwarz-Weiß-Fotos. Bisher jedenfalls, denn das könnte sich bald ändern: Schon während der Ausstellungsvorbereitungen tauchten drei neue Werke von I.S. auf, darunter der einäugige Mann aus Paris. Die Schau endet denn auch mit dem Aufruf an alle Besucher, sich zu melden, wenn ihnen etwas einfällt, das die Identität des Phantoms lüften könnte. Denn, so Kuratorin van der Vinde: „Das Rätsel ist noch lange nicht gelöst.“ Mit anderen Worten: Die Geisterjagd geht weiter. Meisterhaftes Mysterium. Über Rembrandts rätselhaften Zeitgenossen. De Lakenhal Museum, Leiden; bis 8. März 2026. Der Katalog kostet 29,50 Euro.
