FAZ 10.08.2026
17:11 Uhr

Barclay James Harvest: Die Behaglichkeit der Apokalypse


Wie Barclay James Harvest in den Siebzigern den Weltschmerz ins Jugendzimmer brachte.

Barclay James Harvest: Die Behaglichkeit der Apokalypse

Mein Bruder war knapp 15 Jahre alt, als er seine erste Barclay-James-Harvest-Platte kaufte: „Octoberon“. Er und seine Kumpels waren damals alle musikalisch schon recht früh sozialisiert, mein Bruder auch bereits einigermaßen Progrock-erfahren. Ich hörte das Album damals ebenfalls, mit neun, es war für mich sehr beeindruckend. Aufwühlend, unerhört und vor allem teils auch so schmeichelnd wie Samt oder ein weiches Kissen. Der Einstieg in die Platte, für den Neunjährigen ein damals noch nie erfahrener Moment, erst ein bloßer, fast ängstlicher akustischer Gitarrenakkord, dann diese Les-Holroyd-Stimme aus dem Unvermittelten mit ihren ersten Tönen, die sich anhörten, als seien sie irgendwie unterwegs, ruhelos, tastend, nicht am Ziel, aber mit einer Frage nach diesem Ziel ausgestattet. Für mich barg dieser Anfang ein Versprechen und ein Geheimnis, und so war es auch mit der sanften, drucklosen, wohltönenden Stimme Holroyds. Ich war ja ein Kind. Engelhafter Frontmann Und überhaupt, diese Platte so defensiv schüchtern beginnen zu lassen von dem wesentlich engelshafteren der beiden Frontmänner! Der andere, Leadgitarrist John Lees, stimmlich tiefer und anscheinend resoluter, allerdings auch leicht knödeliger, wirkte stets so, als würde er lieber in Lederjacken herumlaufen und sich Motorräder wenigstens von außen anschauen. Les Holroyd am Bass dagegen war ein Schlacks von der Art, in die die alternativen Frauen meiner Jugend sich ständig verguckten. Langhaarig, bärtig und mit einem Mittelscheitel, der sich vor dem Gesicht fast wie ein Vorhang schloss. Seine Gewandärmel waren oftmals so lang und breit wie Flügel! Am Ende von „Octoberon“ hüpft dann jemand bei traumartig-düsterer und seltsam verzückter Musik vom Dachstuhl, was mir damals aber noch nicht so ganz begreiflich war, da ich kaum Englisch konnte und sowieso nie so genau wusste, worum es in englischsprachigen Liedern überhaupt ging. Ich hörte seit da weiterhin die Platten, die mein Bruder noch eine Weile kaufte und dann auch irgendwann meine Schwester – was kein gutes Zeichen mehr war. Ich lernte Englisch, lernte Gitarre klampfen … Barclay James Harvest wurde sehr bald zur Batiktuch-Öllämpchen-Musik, es ging um Dinge, an denen man ordnungsgemäß jugendlich-weltschmerzhaft verzweifeln konnte, ohne dabei irgendwelche tieferen Schichten der eigenen Existenz berühren zu müssen, denn das Schlimme der Welt war ja diese Welt selbst mit ihren Kriegen und Folterungen und nicht das hörende jugendliche Ich. Dieses umgab sich bei Batiktuchlicht (man wickelte das Tuch um den Lampenschirm und machte dazu gern ein Räucherstäbchen an) mit den von Barclay James Harvest salopp und gleichsam im Zackzack aufgerufenen Themen wie Vietnamkrieg, Nordirlandkonflikt, Kriegsbilder im Fernsehen, es ging um Mauern, Märtyrer und Blut an den Händen von Kindern. Genau diese Musik wurde übrigens gern auch genutzt zu präkoitalen Anbahnungsgesprächen, das ging von beiden Geschlechterseiten aus. Wenn man zu einer Party ging und am Klavier den Holroyd-Song „Berlin“ klimperte, dann hatte man spätestens nach einer Minute ein bewunderndes Mädchen auf dem Schoß sitzen, und zwei andere standen hinter dir. Harmonik wie eine Kampfdrohne Die Musik von Barclay Jamey Harvest war so, wie wenn man mit 14, 15, also längst geschlechtsreif, im Bett im Immer-noch-Kinderzimmer liegt und sich dabei sehr wohlfühlt. Harmonisch wiegten sich die bekanntesten Songs weich hin und her, wenn auch immer pathetisch aufgeladen. Die von Barclay James Harvest besetzten Themen faszinierten vor allem die Deutschen. Also das da mit Krieg, fehlendem Frieden, Blut, den armen Kindern, den Menschen als Soldaten – und dass das alles so übel und so traurig und so anklagenswert war. Die Beziehung BJH-BRD gipfelte dann geradezu septisch ironiefrei im großen Konzert von 1980 auf der Wiese vor dem Reichstag. Über den simplen Akkorden, bei denen man sich hinträumte nach da und dort, drohte stets der Gitarrensound von John Lees. Dieser schwebte über der wohlfeilen Harmonik wie eine Kampfdrohne, an der eine Kreissäge angebracht ist, die sich merkwürdig brutal in das ansonsten eher säuselnde Klanggemisch hineinfräste. Diese Gitarre stürzte sich wie ein Stuka auf ansonsten liebliche Landschaften. John Lees ist kein großer Gitarrist, aber ohne sein Kampfgeschwader wäre das Ergebnis möglicherweise doch blamabler ausgefallen. Konzertmuschel in der Trinkkuranlage In Bad Nauheim fand nun ein Konzert der Band statt, die da heißt: Barclay James Harvest Featuring Les Holroyd. Von den ursprünglich vier Bandmitgliedern leben noch zwei, und beide, der Stuka-Gitarrist John Lees und das damalige Engelsgesicht am Bass, Les Holroyd, treten getrennt in ihren eigenen Barclay-James-Harvest-Formationen auf, die ansonsten mit anderen Musikern aufgefüllt werden. In Bad Nauheim spielte Les Holroyd, die samtene Stimme von einst, die den schönen Einstieg von „Octoberon“ gesungen hatte („See the gambler make a stand, holds a lifetime in his hand“). Aus guten Gründen war das Lied an dem Abend in der Konzertmuschel der Trinkkuranlage, wo normalerweise die Kurgäste ihr Gesundheitswasser genießen, nicht zu hören. So war dann auch über das ganze Konzert hinweg diese Stimme von der Tontechnik, wie soll man sagen, höflich etwas ins arg Leise weggemischt, aber so, als sei das an diesem Abend ein zufälliger Abmischungsfehler. Das ließ dem Publikum immerhin den Freiraum für die Phantasie, etwas sei noch wie früher und Holroyd immer noch der Renaissance-Engel von damals. Bereits die zweite Nummer war „Mockingbird“, im Original nicht von Holroyd gesungen. Das Publikum, ohne Witz das älteste, das ich in meinem Leben je gesehen habe, ging ab wie Blücher. Die Dame neben mir im Leopardenkostüm, gesichtsgegerbt wie sonst nur Hells-Angels-Leute und von ähnlichen Ausmaßen, vergab sich nichts und ging völlig mit, bald reckte ich gemeinsam mit ihr die Faust, wir tönten wie die Vögelchen aus Leibeskräften. Auch mit „Child of the Universe“, original gesungen von Lees, steckten sie das Publikum ein, und ich dachte: Mann, da gibt es Leute, die 20 und mehr Jahre älter als ich sind, und die hörten damals diese Kuschelrockmusik mit Weltschmerz-Endgültigkeitsanmutung? Da müssen die doch schon über 30 gewesen sein! Die haben vermutlich noch Elvis in Bad Nauheim erlebt! Die alte Leopardendame reißt es vom Stuhl „Rock ’n’ Roll Star“ versuchte Holroyd immerhin, stimmlich für ihn inzwischen auch eher gewagt, und die erste Konzerthälfte gipfelte mit „Poor Man’s Moody Blues“ (wieder Lees), da hielt es die alte Leopardendame nicht mehr auf dem Stuhl und mich, mitgerissen von ihrer Ergreifung, auch kaum noch. Natürlich gaben wir den grauenhaft simplen Refrain wieder im grölenden Duett: „Cause I need you, yes I want you“ und so weiter. Holroyds Bass ging akustisch völlig unter, die Snare des Drummers dagegen peitschte viel zu stark auf alle Ohren ein, sicher auch nicht ganz freiwillig. Natürlich wurde auch „Hymn“ gesungen, da kam das Publikum am Ende eines eher plätschernden zweiten Konzertteils dann wieder ganz zu sich, vor allem weil sie dachten, dies sei das große Finale. Holroyd gab das Lied (im Original ebenfalls von Lees gesungen) mit der Akustikgitarre in eigenen Händen, die er teils wie weiland Pete Townshend von The Who nach oben gen Himmel riss, was das kurgastartige Publikum begeisterte und zu Klatschbewegungen animierte. Am merkwürdigsten war der Gitarrist. Er spielte seine Gitarre gut, beweglicher als Lees, war gut hörbar, aber er klang überhaupt nicht nach BJH. Er spielte, und das war vielleicht Absicht und Konzept, die Gitarre genau nicht im gefrästen Stratocaster-Sound von John Lees. Aber die Kunst der Vereinfachung, oder die aus einer gewissen Beschränktheit der Fähigkeiten erzeugte Kunst zur Kultivierung dieser Eingeschränktheit, hatte bei Lees eben zu diesen effektvollen Sturzflügen auf die eigene Musik mit den besagten Stuka-Geräuschen geführt. Wie wichtig dieses oben stets lauernde Kampfgeschwader zur testweisen Zerstörung und dadurch Aufhellung des eigenen Werks doch war, das war an diesem Abend zu begreifen. Das Ende war natürlich „Live is for Living“, der einstmals größte Hit unter den Holroyd-Song. Andreas Maier ist Schriftsteller und veröffentlichte zuletzt „Der Teufel“, den zehnten Teil seines Romanzyklus „Ortsumgehung“ bei Suhrkamp (2025).