FAZ 26.01.2026
13:40 Uhr

Barbetreiber wieder frei: Meloni: „Affront gegen das Andenken der Opfer“


Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana ist der Barbetreiber Jacques Moretti wieder auf freiem Fuß. Die italienische Regierung zeigt sich entsetzt und ruft ihren Botschafter aus Bern zurück.

Barbetreiber wieder frei: Meloni: „Affront gegen das Andenken der Opfer“

Die Ermittlungen der Walliser Behörden zur Brandkatastrophe von Crans-Montana in der Silvesternacht belasten die diplomatischen Beziehungen Italiens zur Schweiz. Die Regierung in Rom reagierte indigniert auf die Entlassung des Betreibers der Bar „Constellation“ aus der Unter­suchungshaft und rief den italienischen Botschafter aus Bern nach Rom zurück. Jacques Moretti, der Betreiber der Bar, muss sich wegen des Vorwurfs der fahrlässigen Tötung, der fahrlässigen Körperverletzung sowie des fahrlässigen Verursachens eines Brandes vor einem Gericht in der Kantonshauptstadt Sitten (Sion) verantworten. Er war nach Zahlung einer Kaution in Höhe von 200.000 Franken, die ein anonymer Geschäftsfreund in Genf über ein Konto in Dubai geleistet haben soll, am Wochenende unter Auflagen aus der Untersuchungshaft entlassen worden. Moretti und seine Ehefrau Jessica, die nicht in Untersuchungshaft genommen worden war, müssen sich täglich bei einer Polizeidienststelle melden, tragen aber keine elektronische Fußfessel. Sie mussten ihre Ausweis- und Aufenthaltsdokumente bei der Staatsanwaltschaft hinterlegen und dürfen das Land nicht verlassen. Meloni: „Ganz Italien dringt auf die Wahrheit“ Die Ministerpräsidentin Giorgia Meloni bezeichnete die Freilassung Mo­rettis als „Affront gegen das Andenken der Opfer“ und „Beleidigung von deren Familien“. Die Entlassung aus der Untersuchungshaft hätte wegen der Schwere der mutmaßlichen Tat sowie angesichts der Fluchtgefahr und des Risikos der Manipulation von Beweismitteln nicht gewährt werden dürfen. „Ganz Italien dringt auf Wahrheit und Gerechtigkeit und fordert, dass nach dieser Katastrophe respektvolle Maßnahmen ergriffen werden, die dem Leid und den Erwartungen der Familien Rechnung tragen“, teilten Meloni und Außenminister An­tonio Tajani mit. Das italienische Au­ßen­ministerium wies Botschafter Gian Lorenzo Cornado an, der obersten Staats­anwältin des Wallis, Béa­trice Pilloud, die Empörung Italiens zu übermitteln, ehe er zur Berichterstattung nach Rom zurückkehrt. Unter den 40 Todesopfern der Brandkatastrophe waren sechs italienische Jugendliche, weitere zehn Italiener wurden teils lebensgefährlich verletzt. Insgesamt waren 116 Menschen verletzt worden. Rom hatte unmittelbar nach der ­Ka­tastrophe die Entsendung italienischer Spezialisten zur Mitarbeit an den Ermittlungen angeboten, das Angebot wurde jedoch von Schweizer Seite abgelehnt. Rom kritisiert vor allem, dass die Behörden im Wallis keine Obduktion und keine weiteren ­fo­rensischen Untersuchungen der Leichen jener Opfer veranlasst hatten, die erkennbar nicht an Brandverletzungen gestorben waren. Schweizer Außenminister: „Wir verstehen den Schmerz“ Bundesprä­sident Guy Parmelin bemüht sich darum, die Wogen zu glätten. Er äußerte Verständnis für die Empörung Roms über die Freilassung des angeklagten Barbesitzers aus der Untersuchungshaft, die Exe­kutive könne sich aber nicht in die Arbeit der unabhängigen Judikative einmischen. Parmelin sagte weiter, die Justiz müsse ihre Untersuchung transparent führen und die Familien der Opfer bestmöglich unterstützen. Er stehe in der Sache persönlich mit Meloni in Verbindung. Auch Außenminister Ignazio Cassis zeigte Verständnis für die Reaktion Roms. „Wie Italien trauert auch die Schweiz um die 40 Opfer und die vielen Verletzten der Tragödie von Crans-Montana. Wir verstehen den Schmerz, denn es ist auch unser Schmerz“, schrieb er auf der Plattform X. Ob die Behörden des Kantons Wallis zur Einsetzung einer gemeinsamen Ermittlergruppe mit Vertretern Italiens und möglicherweise weiterer Länder bereit sind, bleibt ungewiss.