Die Villa Bonn gehört zu der Sorte Gebäude, die man mit Ehrfurcht betritt. Alles dort ist imposant, gediegen und sehr alt. Beeindruckt blickt man auf die dezente Pracht, die zahlreichen Gemälde und Grafiken an den Wänden, das riesige Treppenhaus, die feinen Textiltapeten. Es ist an diesem Vormittag ausgesprochen still im Haus. Der Berliner Hofbaumeister Ernst Eberhart von Ihne hat das repräsentative Stadthaus für die jüdische Bankiersfamilie Bonn am Ende des 19. Jahrhunderts entworfen. Bis heute ist es ein Treffpunkt für die Elite aus Wirtschaft, Politik und Kultur, ein Ort, an dem „genetzwerkt“ wird. In einem der kleineren Zimmer im ersten Stock wartet Jérôme Stern. Eine Etagere mit Pralinen steht auf dem Tisch, es gibt Cappuccino und Wasser. Die Gründerzeitvilla hat Stern als Treffpunkt ausgewählt, weil sie ihn an die Zeit erinnert, in der seine Familie eine wichtige Rolle in der Stadt spielte. „Wenn ich in diesen Räumen bin, dann denke ich: So ähnlich haben auch meine Vorfahren damals gelebt.“ Bankiers, Mäzene, engagierte Bürger, Verfolgte des NS-Regimes Die Sterns haben Frankfurt geprägt – als Händler, Bankiers, Mäzene und engagierte Bürger. Sie haben Unternehmen und Banken aufgebaut, haben eine Stiftung für Waisen ins Leben gerufen, waren an der Gründung der Goethe-Universität beteiligt. Sie haben auch den Bau des ersten Frankfurter Volksbrausebads, die Badeanstalt am Merianplatz, und ein medizinisches Forschungsinstitut finanziert. Und mit einer Stiftung Wissenschaftler gefördert, die sich mit der Frankfurter Geschichte auseinandersetzten. Unter den Nationalsozialisten wurden die Mitglieder der jüdischen Familie zu Opfern von Verfolgung und Vertreibung. Ihr Eigentum wurde geraubt, die geschäftliche Tätigkeit wurde ihnen verboten, das Bankhaus der Familie schließlich liquidiert. Paul Stern, letztes Mitglied der Familie, das in Frankfurt geblieben war, misslang die Flucht. Gesundheitlich schon länger schwer angeschlagen, starb er 1939 in Heidelberg. Diese Familiengeschichte, die schlechten wie die guten Zeiten, will der in London lebende 56 Jahre alte Jérôme Stern besser verstehen. Darum hat er eine Kunsthistorikerin engagiert, die schon seit einigen Jahren an einem Buch über die Sterns arbeitet und zusammenträgt, was von der Vergangenheit der Händler- und Bankiersfamilie zu entdecken ist. Vermögensverwaltung eröffnet Dependance in Frankfurt Seit Kurzem aber verbindet den in der Schweiz geborenen Jérôme Stern noch mehr mit der Stadt am Main: Er hat eine Dependance seiner Vermögensverwaltung in Frankfurt eröffnet. Seit vergangenem Sommer ist das Unternehmen J. Stern & Co. auch in der Stadt zu Hause und berät wohlhabende Kunden bei der Geldanlage. So schließt sich für Stern ein Kreis. Begonnen hat alles mit einem Weinhandel, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts im jüdischen Ghetto Frankfurts, der sogenannten Judengasse, eröffnet wurde. Die Geschäfte dort liefen von Anfang an gut für die Familie. Schon bald verlieh man nicht nur privat Geld, sondern auch an andere jüdische Händler in Frankfurt. Immer mehr verlegte sich die Familie auf das Geschäft mit Wechseln. Das Bankhaus Jacob S.H. Stern wurde gegründet. Zwei Familienmitglieder, die Brüder Wolf und David Stern, ließen sich im Bankhaus der Rothschilds ausbilden. Und die Familie knüpfte Kontakte ins Ausland, nach Paris, nach Amsterdam. Der Handel mit Wechseln, Devisen und Staatsanleihen florierte. 1831 folgte dann der nächste große Schritt: Abraham Stern zog es nach Paris, wo er A.J. Stern & Cie., die spätere Banque Stern, aufbaute. Von 1836 an war die Familie auch in London aktiv. David J. Stern war es, der dort ein Bankhaus führte. Später wurde es in Stern Brothers umbenannt. „Das ist mein Weg, das ist meine DNA“ Die Familie aus der Frankfurter Judengasse hatte es geschafft: Auf dem globalen Finanzmarkt spielte sie eine wichtige Rolle. Und auch wenn sich die Geschäfte der Sterns immer weiter aufgefächert haben, arbeiteten die Familienzweige in den unterschiedlichen Metropolen doch eng zusammen. Seine Vorfahren hätten geholfen, „die industrielle Revolution zu finanzieren“, sagt Jérôme Stern mit Stolz. Und dass die Familientradition für ihn bis heute eine enorme Bedeutung habe. „Das ist mein Weg, das ist meine DNA“, sagt Stern. Die Haltung, dass ein guter Privatbankier „nur seinen Kunden“ diene, habe er von seinen Vorfahren übernommen. In der Finanzwelt arbeitet er schon lange. Stern hat in St. Gallen in der Schweiz und im amerikanischen Chicago studiert, er hat die schweizerische und die französische Staatsangehörigkeit. Angestellt war er bei der Credit Suisse, bei Lehman Brothers und im Finanzunternehmen Nomura. Sein eigenes Unternehmen J. Stern & Co. hat er 2012 gegründet – auch weil ihn in der Branche einiges gestört habe, sagt er. „Investments werden heute immer kurzfristiger, Schnelligkeit bestimmt die Branche“, klagt Stern. „Viele Kunden aber wollen strategischer anlegen. Sie denken in Zeiträumen von fünf, zehn, 20 oder 30 Jahren.“ Für sie soll sein Unternehmen, das er mit zwei Partnern führt, da sein. Insgesamt seien es 2,5 Milliarden US-Dollar, die J. Stern & Co. verwalte – darunter auch eigenes Vermögen der Stern-Familie. Gut 40 Mitarbeiter hat das Unternehmen, Büros gibt es in London, New York, Zürich und Malta. In Frankfurt ist nun Andreas Krebs, früherer Geschäftsführer der Pariser Vermögensverwaltung Mandarine Gestion, für J. Stern & Co. tätig. Rückkehr nach Frankfurt ist „emotional etwas Großes“ Die Entscheidung, in der Stadt am Main eine Filiale zu eröffnen, sei hauptsächlich geschäftlicher Natur gewesen, sagt Stern, doch natürlich habe auch die Familiengeschichte eine Rolle gespielt. Völliges Neuland sei Frankfurt für ihn sowieso nicht. „Ich war oft hier, wir hatten auch vorher schon deutsche Kunden“, erzählt er. Auch einige Freunde von ihm und seiner Frau lebten in der Stadt. „Ich fühle mich alles andere als fremd hier“, sagt Stern. Die Rückkehr in die Stadt, in der seine Familie ihre Wurzeln hat, nennt er „emotional etwas Großes“. Für Geschichte, für seine Familiengeschichte, habe er sich schon immer stark interessiert, sagt Stern. Zu Beginn sei es aber vor allem sein Onkel gewesen, der es sich zur Aufgabe gemacht habe, mehr über die Lebenswege der Stern-Familienmitglieder herauszubekommen. Doch gerade über das Schicksal der Familie in der NS-Zeit gab es nur wenige Dokumente im Familienbesitz. Jérôme Stern nahm deshalb Kontakt zum Jüdischen Museum in Frankfurt auf. Die Mitarbeiter dort brachten ihn auch mit der selbständigen Historikerin Ann-Kathrin Rahlwes zusammen, die nun an dem Buchprojekt zur Familiengeschichte arbeitet. Theodor Stern tritt in die Frankfurter Politik ein Das in Frankfurt bis heute bekannteste Mitglied der Familie ist Theodor Stern, der von 1837 bis 1900 lebte. Nach ihm ist der Theodor-Stern-Kai am südlichen Mainufer benannt, der zur Universitätsklinik führt. Unter der Leitung von Stern und seinem Geschäftspartner Otto Braunfels stieg die Familienbank zu einer der größten und renommiertesten deutschen Privatbanken auf. Das Bankhaus Jacob S.H. Stern erhielt einen Sitz im Zentralausschuss der Deutschen Reichsbank und wurde ein enger Partner der Deutschen Bank, die zu der Zeit damit begann, ins Ausland zu expandieren. In Frankfurt wirkte Theodor Stern aber nicht nur als Bankier, sondern auch als Wohltäter und Politiker. 1873 wurde er erstmals in die Stadtverordnetenversammlung gewählt. Stern war zunächst Mitglied der Demokratischen Partei, später der liberalen Fortschrittspartei, führte lange die Finanzkommission des Stadtparlaments, dem er bis zu seinem Tod angehörte. Als Stifter erwarb er die sogenannte Dürer-Bibliothek für Frankfurt und finanzierte den Bau der Taubstummenerziehungsanstalt. Mit dem 1888 eröffneten Volksbrausebad am Merianplatz kämpfte er gegen die schlechten hygienischen Zustände in den Arbeiterquartieren an. Für zehn Pfennig konnte jeder, der wollte, dort duschen. Seife, Handtuch und Bürsten waren inklusive. Sogar die New Yorker Stadtverwaltung interessierte sich für die neue Badeanstalt – und ließ sich Baupläne und Fotografien schicken. Nach Sterns Tod setzte seine Witwe Johanna das Mäzenatentum fort. 1901 spendete sie eine halbe Million Mark für den Aufbau einer medizinischen Forschungseinrichtung, die Stiftung förderte damals auch den Bakteriologen und Krebsforscher Paul Ehrlich. 1914 wurde das Theodor-Stern’sche Medizinische Institut Teil der neu gegründeten Frankfurter Universität. „Die Stadt war gut zu meiner Familie, deswegen hat sie ihr etwas zurückgegeben“, sagt Jérôme Stern dazu. Dass der Aufstieg seiner Familie in Frankfurt begann, sei kein Zufall gewesen, meint der Vermögensverwalter. „Viele der frühen Handelsstädte sind später zu wichtigen Finanzzentren geworden: Frankfurt, London, New York, Singapur, Hongkong.“ Paul Sterns Flucht misslingt Und dann erzählt er von Paul Stern, dem Sohn von Theodor und Johanna Stern. Er führte die Familienbank nach dem frühen Tod seines Bruders Wilhelm im Jahr 1930. Nach 1933 wurde es für ihn immer schwerer, die Bank am Leben zu erhalten. Die Nazis sorgten dafür, dass er aus mehr und mehr Aufsichtsräten ausgeschlossen wurde, auch den Sitz im Zentralausschuss der Reichsbank verlor er. 1938 musste das Bankhaus schließen. Nach den Novemberpogromen im selben Jahr – in Frankfurt wurden mehrere Synagogen niedergebrannt, Tausende jüdische Männer in die Konzentrationslager Buchenwald und Dachau verschleppt – beantragte Stern ein Visum für Großbritannien. Doch zur Flucht kam es nicht mehr, im August 1939 musste er seinen Pass in der Frankfurter Devisenstelle abliefern. Zu dieser Zeit war Stern bereits schwer krank, im Dezember starb er in Heidelberg. Sein Vermögen wurde konfisziert, eine dagegen gerichtete Klage seiner in der Schweiz lebenden Erbin abgewiesen. Erst 2005 restituierte das Städelmuseum drei Gemälde, die Stern geraubt worden waren. Der Großteil seiner wertvollen Kunstsammlung gilt bis heute als verschollen. „An Paul Sterns Geschichte sieht man, wie schnell sich ein Umfeld drehen kann“, sagt Jérôme Stern. Sich vorzustellen, dass viele Juden damals darauf hofften, die Situation könne sich doch wieder verändern, falle heute schwer. „Sie wollten nicht wahrhaben, was passierte, bis es dann zu spät war.“ Gegen Deutschland verspürt er keinen Groll. Der Leidensweg von Paul Stern hat bei ihm keine Wut auf das Land geweckt, in dem sein Vorfahre drangsaliert wurde. Das habe viel mit der deutschen Erinnerungskultur zu tun, mit der Bereitschaft, sich intensiv mit den dunklen Kapiteln der Historie des Landes zu beschäftigen, erklärt Stern. „Deutschland hat sich seiner Geschichte wirklich gestellt, das muss man anerkennen.“ Er sei heute immer gern in Frankfurt, sagt Stern. Er will seine Kontakte weiter intensivieren, zur Stadtgesellschaft, zur Goethe-Universität, auch zur Jüdischen Gemeinde in Frankfurt. Das führt an diesem Vormittag in der Villa Bonn zu einer letzten Frage: Wie hält er selbst es mit der Religion, welche Rolle spielt sie in seinem Leben, in seinem Alltag? Stern überlegt einen Augenblick, dann lächelt er und antwortet: „Das ist für mich Privatsache.“
