FAZ 12.02.2026
07:53 Uhr

Bangladesch: Was bleibt vom Wandel?


Die Gen Z hat die alte Regierung in Bangladesch aus dem Amt vertrieben. Doch nun geht das Land ernüchtert in die Wahl.

Bangladesch: Was bleibt vom Wandel?

Eineinhalb Jahre nachdem eine junge Protestbewegung Bangladeschs autoritäre Regierungschefin Sheikh Hasina gestürzt hatte, wählt das südasiatische Land an diesem Donnerstag ein neues Parlament. Bangladesch war eines der ersten Länder, in denen die sogenannte Generation Z (junge Menschen der Jahrgänge 1997 bis 2012) mit ihren Protesten eine Regierung gestürzt hatte. Im Verlauf der Demonstrationen wurden Schätzungen zufolge rund 1400 Menschen getötet, vornehmlich durch Polizeischüsse. Seitdem wird das Land von einer Interimsregierung unter dem Friedensnobelpreisträger und Mikrokredit-Erfinder Muhammad Yunus geführt. Doch die anstehende Wahl zeigt schon jetzt, wie schwer es für eine junge Protestbewegung ist, sich im politischen Wettstreit längerfristig gegen die etablierten politischen Gruppen durchzusetzen. Dabei wird es bei dieser Wahl durchaus auf die jungen Generationen ankommen. Der Wahlkommission zufolge sind von den 127 Millionen Wahlberechtigten insgesamt 56 Millionen im Alter von 18 bis 37 Jahren. Diese Gruppe stellt damit etwa 44 Prozent der Wahlberechtigten. Doch die Vertreter der Protestbewegung sind mittlerweile persönlich und ideologisch zerstritten. „Strategisches“ Bündnis zwischen Studentenführern und Islamisten Die einzige nennenswerte Partei, die aus ihr entstanden ist, nennt sich National Citizen Party (NCP). Ihr Anführer ist der ehemalige Studentenführer Nahid Islam, der außerdem eine Zeit lang der Interimsregierung als Berater und Minister angehört hatte. Doch der Partei fehlt es an Erfahrung, einer breiten Parteibasis und an Profil. Sie ist deshalb ein ihr zufolge „strategisches“ Bündnis mit der islamistischen Partei Jamaat-e-Islami eingegangen. Dabei signalisiert der Urnengang zumindest in eine Richtung Veränderungen: Die letzte Wahl, die allgemein als frei und fair eingestuft wurde, hatte im Jahr 2008 stattgefunden. Spätere Wahlen hatten unter der Kontrolle Hasinas und ihres autoritären Regimes gestanden. Allerdings gibt es auch diesmal eine erhebliche Einschränkung: So bleibt am Donnerstag nun stattdessen ihre Partei, die Awami League, von der Wahl ausgeschlossen. Hasina, die im vergangenen Jahr in Abwesenheit von einem Gericht zum Tode verurteilt worden war, kritisierte aus dem Exil, dass die Wahl aus diesem Grund kaum „glaubwürdig“ sein könne. Auch einige Menschenrechtsorganisationen haben gefordert, den Bann aufzuheben. Befürchtet wird zudem, dass es zwischen den rivalisierenden Gruppen am Wahltag oder danach zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen könnte. In jüngerer Zeit haben sich die Angriffe auf religiöse Minderheiten, Aktivisten und Journalisten gehäuft. Im Dezember hatten Angreifer in der Hauptstadt Dhaka den Studentenführer Sharif Osman Hadi auf offener Straße niedergeschossen. Er war einige Tage später in einem Krankenhaus in Singapur gestorben. Anlass zur Sorge bietet auch die Aussicht, dass die Jamaat-e-Islami deutlich an Einfluss gewinnen könnte, eine Partei, die in der Vergangenheit für die Einführung der Scharia in dem mehrheitlich muslimischen Land geworben hatte. Jamaat gilt Jüngeren vor allem als sauber Jahrelang war die Jamaat für viele im In- und Ausland ein rotes Tuch, da sie im Unabhängigkeitskrieg 1971 auf der Seite Pakistans gestanden hatte. Unter Hasina waren zahlreiche ihrer Führungsfiguren zum Tode verurteilt worden. Unter ihrem derzeitigen Vorsitzenden Shafiqur Rahman präsentiert sie sich moderner und offener. Die jüngeren Generationen, für die Ereignisse von 1971 kaum noch eine Rolle spielen, sehen die Partei daher als weniger belastet. Die Jamaat gilt ihnen in erster Linie als sauber und nicht in die lokalen Patronagenetzwerke eingebunden. Das hat sie für die Protestbewegung interessant gemacht, die auch gegen die systemische Korruption auf die Straße gegangen war. Die Partei dürfte wohl auch am ehesten der gegen den Nachbarn Indien gerichteten Stimmung der jungen Generationen Ausdruck verleihen. Auf der anderen Seite haben insbesondere einige Aktivistinnen das Bündnis aufgrund der Haltung der Partei zu Frauenrechten verlassen. So wie es aussieht, wird auch diesmal wieder eine etablierte Partei als Siegerin aus der Wahl hervorgehen. Den Umfragen zufolge dürfte die Bangladesh Nationalist Party (BNP) die meisten Sitze gewinnen. Sie war von dem Hasina-Regime jahrelang verfolgt und unterdrückt worden. Ihr Vorsitzender Tarique Rahman war einst aus dem Land geflohen und nach 17 Jahren im Exil in London erst im Dezember nach Bangladesch zurückgekehrt. Der Sohn des ehemaligen Präsidenten Ziaur Rahman und der unlängst verstorbenen zweimaligen Ministerpräsidentin Khaleda Zia hat gute Chancen, nach der Wahl am Donnerstag Regierungschef des Landes zu werden. Der 60 Jahre alte Rahman wäre ein personeller Neuanfang, da er nicht der alten Veteranengeneration unter den politischen Führungskräften entstammt. Allerdings steht seine Partei ebenso wie die von Hasina geführte Awami League für das alte politische System, das von Patronage und politischer Einflussnahme auf staatliche Institutionen geprägt war. Das „neue Bangladesch“, das die Demons­tranten gefordert hatten und das der Interimsregierungschef Yunus versprochen hat, wird es mit ihr wohl nicht geben. Der Nobelpreisträger lässt die Wahlberechtigten dafür am Donnerstag zusätzlich per Referendum über zahlreiche Verfassungszusätze etwa zur Amtszeitbeschränkung für Ministerpräsidenten abstimmen.