FAZ 04.02.2026
17:04 Uhr

Bahnübergang in Rüdesheim: Schluss mit Zaudern und Lavieren


Genug ist genug. Nach mehr als 100 Jahren der Denkschriften, Proteste und Forderungen muss der Rüdesheimer Bahnübergang endlich beseitigt werden.

Bahnübergang in Rüdesheim: Schluss mit Zaudern und Lavieren

An die Auftritte von Bundesverkehrsministern knüpfen sich in Rüdesheim regelmäßig hohe Erwartungen. Doch sie wurden bisher allesamt enttäuscht. Der von Matthias Wissmann (CDU) 1998 unterzeichnete „Jahrhundertvertrag“ über die Finanzierung des Rüdesheimer Bahntunnels war am Ende nicht das Papier wert, auf dem er gedruckt worden war. Und auf die Visite von Peter Ramsauer (CSU) im Jahr 2012 folgte wenig später die nüchterne Feststellung, dass auf die Beseitigung des Rüdesheimer Bahnübergangs vorerst nicht gehofft werden darf. Zu teuer und daher volkswirtschaftlich nicht lohnenswert, so das Ergebnis der für Rüdesheim niederschmetternden Nutzen-Kosten-Analyse. Inzwischen allerdings zeigt sich, dass alternative Lösungen für den Bund nicht viel günstiger werden. Tatsächlich steigen die Kosten mit jedem Jahr des Lavierens, Zögerns und Abwartens. Am Besuch von Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) war  bemerkenswert, dass er sich gar nicht erst auf Zusagen irgendwelcher Art einließ. Es steht somit keineswegs fest, dass der Bund absehbar den Forderungen aus dem Eisenbahnkreuzungsgesetz Taten folgen lässt und die acht Stunden täglich geschlossene Bahnschranke in Rüdesheim in einem überschaubaren Zeitraum überflüssig wird. Jede Lösung wird immer teurer Und selbst wenn: Rüdesheim darf wohl eher nicht damit rechnen, dass der Wunsch nach dem Straßentunnel vom Bund finanziert wird. Denn eine Straßenbrücke ist beim Bau und Unterhalt viel günstiger und erfüllt dennoch das Kernanliegen der Region: ungehinderte Fahrt ins Mittelrheintal. Eine Straßenbrücke am Rheinufer, die dem Stadtbild Rüdesheims zweifellos abträglich wäre und damit die visuelle Integrität des 2002 zum Welterbe erhobenen Oberen Mittelrheintals beschädigen würde, wäre nach aktuellem Stand nur zu verhindern, wenn die UNESCO dem Bund unmissverständlich mit der Aberkennung des Welterbe-Prädikats droht, sollte er auf der Brücke bestehen. Ein zweites Dresden – auch damals ging es um den Bau einer Brücke – mit negativen Schlagzeilen über die Grenzen des Landes hinaus wird der Bund tunlichst vermeiden wollen. Die Aberkennung des Dresdner Welterbe-Titels gilt bis heute als kulturpolitische Blamage für Deutschland. Keineswegs ausgeschlossen ist aber, dass der Bund im Fall der Fälle auf den teuren Tunnel verzichtet und Rüdesheim mit der Schranke weiterleben muss. Für Rüdesheim und die Region wäre das die schlechteste Lösung von allen. Der einzige Lichtblick ist, dass Schnieder bald eine Entscheidung treffen will. Sollte sie nicht die Kostenzusage für den Tunnelbau bringen, wird sich Rüdesheim damit nicht zufriedengeben. Der deutlich mehr als 100 Jahre währende Streit um den Bahnübergang geht weiter.