FAZ 12.05.2026
16:53 Uhr

Bafin-Präsident: „Die hohen Risiken spiegeln die Kursentwicklung nicht wider“


Das Wort „Crash“ nimmt Bafin-Präsident Mark Branson nicht mehr in den Mund. Doch eine Marktkorrektur hält er nach wie vor für möglich. Auch Cyberattacken und Private Debt beschäftigen die Aufsicht.

Bafin-Präsident: „Die hohen Risiken spiegeln die Kursentwicklung nicht wider“

Noch im Januar witterte Bafin-Präsident Mark Branson den „großen Knall“ an den Finanzmärkten. Zur Jahrespressekonferenz der deutschen Finanzaufsicht am Dienstag in Frankfurt schlug Branson moderatere Töne an. Freilich ohne Entwarnung zu geben. „Die Waffenruhe im Mittleren Osten ist extrem fragil“, sagte er. Der Irankrieg könne jederzeit wieder aufflammen. Die Straße von Hormus – eine Hauptschlagader der Weltwirtschaft – sei weiterhin blockiert. „Ein geopolitisches Downside-Szenario, das wir immer für möglich gehalten haben, ist jetzt eingetreten.“ Hohe Energiepreise belasteten zudem die wirtschaftliche Entwicklung. Dazu kämen ungelöste Handelskonflikte sowie eine steigende Inflation, die seiner Einschätzung zufolge die Zinsen nach oben treiben dürfte. Zwar sei das deutsche Finanzsystem durch den Irankrieg nur indirekt betroffen, Banken und Versicherer seien überaus resilient. Einige Institute mit starkem Handelsgeschäft sogar „Krisengewinnler“. Aber mittelfristig könne sich das Blatt durchaus wenden. „Die fiskalischen Impulse in Deutschland können die wirtschaftliche Stagnation bislang nicht aufhalten“, sagte Branson. Die schlechtere Konjunktur dürfte für vermehrte Kreditausfälle sorgen. Zudem könnte sich auch die Lage an den Gewerbeimmobilienmärkten wieder verschlechtern – durch eine schwächere Nachfrage und ein steigendes Zinsniveau. Hohes Risiko für Marktkorrekturen Er konkludiert, dass das Potential für plötzliche Markt- und Preiskorrekturen hoch bleibe. Auch, weil die Kursentwicklungen die hohen Risiken seiner Ansicht nach nicht widerspiegeln. Die Stimmung an den Märkten sei optimistisch auf beiden Seiten des Atlantiks. Objektiv habe sich die ökonomische Lage seit Anfang 2026 aber nicht verbessert. „Die Marktteilnehmer scheinen fest daran zu glauben, dass politische Turbulenzen immer reversibel sind. Aber was, wenn nicht?“, sagte Branson. Dabei ist die Lage an den Märkten mitnichten das Einzige, was die Bafin mit Sorge betrachtet. Da ist beispielsweise das Thema Cybersicherheit. Die Fortschritte bei der Künstlichen Intelligenz machten Schwachstellen in den Systemen schneller sichtbar. „Viele beaufsichtigte Unternehmen schützen sich bereits sehr gut“, sagte Branson zwar, gab aber zu bedenken: „Was heute gut ist, das wird morgen bei Weitem nicht mehr ausreichen. Die Unternehmen müssen sich darauf einstellen: Schwachstellen müssen sie viel schneller schließen.“ Auch das Thema „Private Debt“, also die Kreditvergabe von Nichtbanken, sprach der Bafin-Präsident an. „Manche Private-Debt-Fonds haben Softwareunternehmen finanziert, deren Geschäftsmodell durch den breiten Einsatz von KI in Frage gestellt werden könnte. Oder Kredite vergeben an Kreditnehmer von vielleicht zweifelhafter Qualität, mit betrugsanfälligen Geschäftsmodellen oder mit Ratings von wenig bekannten Agenturen.“ Das liege auch daran, dass die Qualität dieses Marktes nie über einen ganzen Kreditzyklus getestet wurde – und insbesondere nicht in Stressphasen. Allerdings, so räumte Branson auf Nachfrage ein, gebe es nur eine Handvoll großer, international agierender Banken, die Schnittstellen mit dem Private-Debt-Markt hätten. Bei Versicherern sei die Zahl der Verflechtungen größer. Nun geht es der Bafin nicht nur um die Finanzstabilität, sondern ebenso um den Verbraucherschutz. Und da beobachtet die Finanzaufsicht, dass Private Debt und Private Equity immer stärker an Privatkunden vertrieben werden. Zum Beispiel in Form von ELTIFs (European Long Term Investment Funds). „Der ELTIF-Markt ist relativ jung. Und er wächst. Jetzt ist daher die richtige Zeit, um sicherzustellen, dass nicht die falschen Kunden in diese Investments reinstolpern“, sagte Branson.