FAZ 07.12.2025
17:35 Uhr

Bach zu Olympia in Deutschland: „Auf geht’s, packen Sie es an!“


Der Ehrenpräsident des IOC sieht in der Bewerbung des DOSB um Olympische und Paralympische Spiele die Chance, Deutschland weit über den Sport hinaus zu bewegen. Vorher müsste der Dachverband im Machtkampf mit der Politik punkten.

Bach zu Olympia in Deutschland: „Auf geht’s, packen Sie es an!“

Rund 500 Schokonikoläuse bevölkerten am Samstag den Konferenzraum „Horizont“ im Frankfurter Kap Europa, auf jedem Platz einer. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) hatte seinen Delegierten den morgendlichen Tagungsbeginn versüßt, und vielleicht war es für diejenigen, die wegen der Mitgliederversammlung der Sportfamilie zu Hause, in der eigenen, fehlten, zugleich ein willkommenes Mitbringsel. Beschenkt durfte sich am Samstag aber auch der DOSB fühlen, durch den Besuch eines älteren Herren, der zwar ohne Bart, aber mit gütiger Ausstrahlung vorbeischaute – und mit etwas im Gepäck, das für den deutschen Sport noch sehr wertvoll werden könnte. Thomas Bach, der vor einem Jahr, als er noch Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) war, als großer Zweifler an den deutschen Olympia-Bemühungen in Erscheinung getreten war, der überhaupt an manchem, was in seinem Heimatland passierte, zu leiden schien, zeigte sich nun als leidenschaftlicher Befürworter. „Auf geht’s, packen Sie’s an!“, rief er den Delegierten zu, nachdem er in seiner rund fünfminütigen Rede eindringlich über den möglichen Gewinn der deutschen Bewerbung um Olympische und Paralympische Spiele 2036, 2040 oder 2044 gesprochen hatte. Sie könne ein Zeichen für Deutschland sein, sagte Bach, dafür, dass „etwas Positives, etwas Dynamisches, etwas nach vorne Blickendes in diesem Land noch möglich ist, etwas das die Menschen tatsächlich vereint“. Diese hätten es „satt“: „Diese Aggression, diesen Hass, diese Konfrontation, das steht ihnen bis hier“, sagte er und führte die Hand zum Hals, „wenn nicht noch weiter oben“. Alle sehnten sich nach etwas, das mit Hoffnung und Optimismus in die Zukunft schauen lasse, das Gemeinsamkeit stifte. „Das ist im Augenblick leider nur der Sport.“ „Deutschland hat wieder Lust auf Olympia“ Man kann über den Sportfunktionär Bach und dessen Rolle als IOC-Präsident unterschiedlicher Meinung sein, und man muss diese exklusive Sichtweise auf den Sport nicht teilen. Aber viele Zuhörer in Frankfurt fanden, dass es nicht nur eine gute, sondern die beste Rede war, die am Samstag in Frankfurt gehalten wurde: aus rhetorischen Gründen, aber auch aus (sport-) politischen. Denn wovon man sicher ausgehen darf: Dass Bach, der vielleicht als IOC-Präsident im Ruhestand ist, aber ganz bestimmt nicht als Netzwerker, vom Befürworter einer deutschen Bewerbung zu einem wichtigen Unterstützer werden kann. Somit fügte sich Bachs Auftritt in das insgesamt gute Gefühl, das der DOSB an diesem Wochenende in Sachen Olympia vermittelte. Die Schwierigkeit bei diesem Prozess besteht darin, die verschiedenen Handlungsebenen zeitlich und inhaltlich so zu synchronisieren, dass im besten Fall alles ineinandergreift: der eigene Bewerbungsprozess, die Stimmung in der Bevölkerung, die politische Situation, die internationale Konstellation. Und nachdem sich manches über Jahre eher nicht so gut fügte, vor allem innerhalb des DOSB, scheint das Gesamtbild gerade so stimmig, dass es merklich die Stimmung hebt. Die Aufnahme des „Continuous Dialogue“ mit dem IOC, die politische Vereinbarung unter anderem mit Bundeskanzler Friedrich Merz: Gerade kommt etwas in Gang. Vor allen Dingen aber das Münchner Referendum mit seiner Zustimmung von 66,4 Prozent gibt den Olympia-Hoffnungen einen Schub. „Geradezu ein Befreiungsschlag“ sei das gewesen, sagte DOSB-Präsident Thomas Weikert am Samstag, „Deutschland hat wieder Lust auf Olympia.“ Passend dazu veröffentlichte der DOSB eine aktuelle dimap-Umfrage, wonach 70 Prozent der Befragten glaubten, dass Olympische Spiele die Stimmung im Land „eher verbessern“ würden (auch wenn das freundlich gefragt war – die Gegenposition mit „eher verschlechtern“ muss man erstmal einnehmen). Insgesamt beantworteten 74 Prozent die Frage, ob sie die Bewerbung befürworten, mit „ja“ (51 Prozent) oder „eher ja“ (23). Das größte Hindernis auf dem Weg zum deutschen Erfolg Mit nur einer Gegenstimme verabschiedete die Mitgliederversammlung die weitere Roadmap bis zur Kür eines Kandidaten bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im kommenden September in Baden-Baden. Im Mittelpunkt steht dabei eine Matrix, die die vier Bewerber – Berlin, Hamburg, München, Rhein-Ruhr – einer Reihe von Kriterienbündeln unterwirft, die bepunktet und gewichtet werden. Daraus soll die Empfehlung eines oder mehrerer Kandidaten für die Abstimmung abgeleitet werden. Neben einer Objektivierung besteht der strategische Kunstgriff dabei auch in einer Absicherung gegen Unwägbarkeiten: Indem diejenigen die dann entscheiden, vor allem die Spitzenverbände, auch vorher schon beteiligt und somit in die Pflicht genommen werden. Kurz vorher, im Sommer, will das IOC unter der neuen Präsidentin Kirsty Coventry seine Agenda „Fit for the future“ präsentieren. Michael Mronz, das deutsche IOC-Mitglied, sieht darin einen „Zeitplan, der international perfekt passt“, weil der DOSB mit seinem Kandidaten dann eine „passgenaue Antwort geben“ könne. Allerdings steckt gerade in der internationalen Konkurrenzlage die größte Ungewissheit und womöglich das größte Hindernis auf dem Weg zum erhofften deutschen Erfolg. Distanz zwischen Sport und Politik Herausforderungen warten unterdessen auch im eigenen Einflussbereich. Das beginnt mit der unsicheren Position des Kandidaten Berlin. In Frankfurt wurde noch einmal deutlich, welch großes Handicap es für die Hauptstadt bedeutet, dass sie qua Landesverfassung nicht über die Möglichkeit eines Referendums verfügt. Wenn Berlin keinen Ausweg findet, erscheint es möglich, dass der DOSB schon deshalb keine Empfehlung ausspricht – selbst wenn das Konzept sonst am besten bewertet würde. Auch in der Frage, wer sich wie an der Abstimmung beteiligen darf, gibt es noch Gesprächsbedarf, genauer gesagt einen Konflikt zwischen Landessportbünden und Spitzenverbänden, der an anderer Stelle beinahe eskalierte. Und zuletzt ist auch im Verhältnis zur Politik noch etwas zu klären. Christiane Schenderlein, die Staatsministerin, erklärte zwar die Bewerbung zum „wichtigsten sportpolitischen Ziel“ in dieser Legislaturperiode. „In den Konzepten steckt so viel Zukunft“, sagte sie, „vieles davon werden wir für ein besseres Deutschland nutzen“. Aber zugleich blieb bei ihrer Premierenrede bei einer DOSB-Mitgliederversammlung eine – vom Sport als Zurücksetzung empfundene – Distanz greifbar. Was sich im Kern um das Sportfördergesetz und die Rollenverteilung zwischen Sport und Politik in der zu gründenden Steuerungsagentur dreht, könnte sich kollateral auch auf das Olympia-Projekt auswirken. Und damit noch einmal zu Bach: Es war nicht so, dass der, als er noch IOC-Präsident war, Olympische Spiele in Deutschland nicht für eine gute Idee gehalten hätte. Er gab seinen Landsleuten vor genau einem Jahr nur den Hinweis, dass es so, wie es in Deutschland laufe, garantiert nichts werde. Gemeint war die Rolle der Politik, der er mangelnden Respekt vor der „politischen Neutralität der Olympischen Spiele“ vorhielt. Auch darüber lässt sich streiten, beim DOSB sorgt man sich aber, dass dem IOC die Rolle der Politik im Sportfördergesetz missfalle, auch weil der Referentenentwurf keinen expliziten Hinweis auf die Autonomie des Sports enthält. Otto Fricke, der neue Vorstandschef und Spezialist für pointierte Bemerkungen im DOSB, nannte es „bemerkenswert“, dass sich beim Besuch kürzlich in Lausanne auch das IOC für Details des Gesetzes interessiert habe. Was man allemal als spitzen Hinweis verstehen durfte: Staatsministerin Schenderlein hatte nicht im Sack, was sich der DOSB erhoffte.