Gleich nach dem Schlusspfiff bildete sich am Mittelkreis ein schwarz-gelbes Menschenknäuel. Verteidiger Nico Schlotterbeck hatte demonstrativ die Fäuste geballt und Mitstreiter im Team von Borussia Dortmund gesucht, die sich mit ihm an dem glücklichen 2:1-Erfolg beim VfL Wolfsburg erfreuen wollten. Der Auswärtssieg des Tabellenzweiten war durch einen späten Treffer von Serhou Guirassy (87. Minute) möglich geworden. Der bis dahin kaum in Erscheinung getreten Stürmer bestrafte mit seinem Tor den in der zweiten Halbzeit starken VfL Wolfsburg für dessen Chancenwucher. Was hatte am Ende doch noch den Unterschied ausgemacht? „Mentalität. Das, was uns seit Jahren abgeschworen wird“, sagte Nationalspieler Schlotterbeck voller Angriffslust. Mutige Worte beflügeln diese Mannschaft Die nächste Momentaufnahme im Rennen um den Titel machte den Profis von Borussia Dortmund großen Spaß. Dass der BVB aktuell nur noch drei Punkte Rückstand auf Tabellenführer Bayer München hat und Schlotterbeck mit mutigen Worten vorangeht, beflügelt die Mannschaft. Den Sieg in Wolfsburg feierten die Dortmunder Profis im Südbereich des Wolfsburger Stadion mit ausgelassenen Tänzchen und freundlichen Schubserien zur Belustigung der mitgereisten Fans. Trotz Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt waren die Dortmunder Verteidiger Waldemar Anton und Schlotterbeck in kurzärmeligen Trikots zur Arbeit erscheinen. Ihre Körpersprache signalisierte Angriffslust. Ihre Stimmen zum Spiel lassen hoffen, dass das Titelrennen doch noch spannend wird. „Wichtig ist“, erklärte Schlotterbeck im Interview mit dem Fernsehsender Sky, „dass wir den Glauben und den Fokus haben, oben anzugreifen.“ Das grobe Manko an dem Auftritt von Borussia Dortmund waren die vielen Nachlässigkeiten im Spielaufbau. Schlotterbeck hatte mit einem Fehlpass dafür gesorgt, dass Wolfsburgs Angreifer Mohammed Amoura nach 25 Minuten allein auf das Dortmunder Tor zulaufen durfte – und in aussichtsreicher Position scheiterte. Auch Torhüter Gregor Kobel leistete sich nach dem Seitenwechsel einen leichtfertigten Abspielfehler. Es waren Ballverluste wie diese, die beim zwischenzeitlich überforderten VfL Wolfsburg den Glauben auf Punkte am Leben hielten. Die Niedersachsen waren in ihrem mit 28 917 Zuschauern ausverkauften Stadion zunächst chancen- und harmlos. Ein Kopfballtor von Julian Brandt (38.) nach einem Eckball von Julian Ryerson hatte Dortmund in Führung gebracht. „Wir waren langsam und haben uns zu wenig bewegt“ Ebenfalls ein Kopfballtreffer des Wolfsburgers Konstantinos Koulierakis (52.) sorgte für den Ausgleich und ein Aufbegehren von Wolfsburg. Dass der VfL Wolfsburg am Ende von einer Überraschung träumen durfte, lag an den Einladungen und Nachlässigkeiten von Borussia Dortmund. „Wir waren langsam und haben uns zu wenig bewegt“, sagte BVB-Torschütze Brandt zu der schwachen zweiten Halbzeit aus Dortmunder Sicht. Die Konstellation für diese Partie war kein Garant für sehenswerten Kombinationsfußball. Der abstiegsbedrohte VfL Wolfsburg fokussierte sich lange Zeit auf massive Abwehrarbeit und schnelle Umschaltmomente. Der Algerier Amoura gehört im deutschen Profifußball mit Sicherheit zu den schnellstens Stürmern. Es gelang dem nur 1,70 Meter kleinen Angreifer mehrfach, sich gegen die hünenhafte Abwehr der Borussia durchzusetzen. Aber ein Tor wollte ihm trotz bester Chancen nicht gelingen. In Abwesenheit des verletzten Mannschaftskapitäns Emre Can durfte Niklas Süle mit Anton und Schlotterbeck die Dortmunder Abwehr bilden. Das Trio spielt seine körperlichen Vorteile aus, blieb aber anfällig. Es lag auch an der Schlitzohrigkeit von Amoura, dass er vor allem nach dem Wolfsburger Ausgleich zu vielen guten Möglichkeiten kam. Der feine Unterschied: Amoura ließ mehrere hochkarätige Chancen aus. Auf der Gegenseite nutzte Guirassy diesen einen Moment, um Dortmund zu einem nicht mehr für möglich gehaltenen Erfolg zu schießen. Wer genau war an diesem 21. Spieltag die kreative Kraft im Spiel von Borussia Dortmund? Wer war im Mittelfeld für das Antreiben und Ballverteilen zuständig? Auffällig blieb, dass vor allem Schlotterbeck als Verteidiger immer wieder lange, meist gut platzierte Pässe quer über das Spielfeld schlug. Der Verteidiger geht auf dem Platz mit Taten und abseits des Rasens mit mutigen Worten voran. „Ich gebe die Marschroute vor“, sagte Schlotterbeck über seine aktuelle Rolle als Meinungsführer und Vertreter von Kapitän Can. Am Freitag (Anpfiff 20.30 Uhr), wenn Borussia Dortmund zum Heimspiel Mainz 05 empfängt, muss ein anderer Profi diesen Part übernehmen. Schlotterbeck fehlt dann wegen seiner fünften Gelben Karte.
