Eine Portion Stolz schwingt mit, als Niko Kovac den auferstandenen Torjäger Serhou Guirassy am Freitagabend für seine Serie von fünf Toren aus den drei jüngsten Spielen lobt. „Es ist wichtig, dass man einen Stürmer ein Stück schützt und unterstützt“, sagt der Trainer von Borussia Dortmund. Zwischen dem vierten und dem 19. Spieltag waren dem 29 Jahre alten Torschützenkönig der vergangenen Champions-League-Saison zuvor nur zwei Treffer gelungen, was eine dauerhafte Krisendebatte ausgelöst hatte. Kovac kann mit Recht stolz darauf sein, Guirassy gerade rechtzeitig wieder hinbekommen zu haben, wo die wichtige Saisonphase mit den Playoff-Duellen gegen Bergamo in der Champions League an diesem Dienstag (21.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Champions League und bei Prime Video) und den Bundesligapartien in Leipzig sowie gegen den FC Bayern ansteht. Zugleich ist hinter Kovacs Ruf nach einer schützenden Hand aber auch noch eine andere Botschaft erkennbar: Die erforderliche Unterstützung war anscheinend nicht immer vorhanden während der schwierigen Momente des Herbstes. Das Publikum konnte auf der großen Bühne beobachten, wie sehr Guirassy litt, wie kränkend für ihn vieles war. „Wenn ein Stürmer über mehrere Wochen nicht trifft, dann macht das etwas mit ihm“, sagt Sportdirektor Sebastian Kehl im Gespräch mit der F.A.Z. und widerspricht der These, dass es zu ernsten Konflikten und einer Entfremdungsdynamik gekommen sei: „Serhou lässt sich nicht so leicht aus der Ruhe bringen. Ich habe ihn immer sehr fokussiert und klar erlebt.“ Die Szenen aus den Stadien erzählen jedoch eine andere Geschichte. Mit 38 Treffern und neun Vorlagen hatte der Torjäger aus Guinea in der Vorsaison während seiner 50 Pflichtspieleinsätze zum Erfolg beigetragen. Er war ein Torjäger im Dunstkreis der Weltklasse. Doch plötzlich spielte er wie ein verkrampfter, überforderter und auch charakterlich schwieriger Exzentriker. Wie konnte das passieren? Das Verhältnis schien zerüttet Wer sich ein wenig umhört im Umfeld des Teams, erfährt, dass eine unangenehme Mischung verschiedener Störfaktoren entstanden sei. Die Dortmunder Kaderplaner hatten mit Fabio Silva eine zweite Nummer Neun eingestellt, was als Zeichen des schwindenden Vertrauens in die gemeinsame Zukunft verstanden werden konnte. Dann war Jamie Gittens verkauft worden, Pascal Groß wurde kaum noch eingesetzt, womit der Torjäger seine wichtigsten Vorlagengeber aus der brillanten Vorsaison verloren hatte. Außerdem ist der immer perfekter auf defensive Stabilität ausgerichtete Kovac-Fußball grundsätzlich nicht sehr stürmerfreundlich. Am Ende der Sommertransferperiode wurde schließlich öffentlich, dass Guirassys Bruder Saudi-Arabien besucht hatte, um Möglichkeiten eines Vereinswechsels zu prüfen, Details zu einer Ausstiegsklausel wurden lanciert. Damit entstand das Bild eines Profis, dem es nur ums Geld geht, gerade in Dortmund kostet das viele Sympathien. Und dann waren da noch diese Szenen auf dem Platz: verstolperte Bälle, vergebene Chancen, missglückte Vorlagen und beleidigte Reaktionen, wenn die Schiedsrichter leichte Berührungen nicht mit Freistößen ahndeten. In Turin kam es zu einem offenen Streit, als Guriassy entgegen der Absprachen einen Elfmeter ausführen wollte, wovon ihn die Mitspieler und Kovac energisch abhalten mussten. Das Bild nach außen war katastrophal und wirkte noch zerrütteter, als Guirassy einige Wochen später nach einer Auswechslung zornig einen Handschlag mit Kovac ablehnte. Der Stürmer verhielt sich konfrontativ und der Klub versäumte die Möglichkeit, empathischer mit dem Star umzugehen, der keiner dieser Typen ist, die Probleme mit Offenheit aus der Welt räumen. „Er ist jetzt kein Lautsprecher, charakterlich habe ich ihn in der Kabine eher als introvertiert wahrgenommen“, sagt Marco Höger, der zwischen 2017 und 2019 zwei Jahre lang beim 1. FC Köln mit Guirassy zusammengespielt hat. „Auf dem Platz hat er aber schon als junger Spieler bei uns ein großes Selbstbewusstsein ausgestrahlt. Zum Beispiel hat er sich, wenn es einen Elfmeter gab, immer sofort den Ball genommen.“ Guirassy kündigt an, auf Elfmeter-Privileg zu verzichten Solange es läuft, ist so ein Selbstvertrauen stimmig, in Krisenphasen wirkt so ein Typ hingegen schnell merkwürdig, überheblich, realitätsfern. Auch Kovac mag durch seine Spielweise, seine Aufstellungen und die Entscheidung für andere Elfmeterschützen zu dieser Situation beigetragen haben. Aber er hat sehr beharrlich an dem Stürmer festgehalten, was nicht selbstverständlich ist. Der Eigensinn von Karim Adeyemi hatte irgendwann die Konsequenz, dass Kovac den deutschen Nationalspieler nur noch selten aufstellt, mit Guirassy haben die Dortmunder unterdessen explizit daran gearbeitet, eine bessere Erfolgsgrundlage zu errichten. „Wir haben uns Gedanken gemacht und analysiert, inwieweit Serhou sein Spiel verändert hat, und uns gefragt, ob wir ihn vielleicht anders in Position bringen müssen“, berichtet Kehl. Dabei sei herausgekommen, dass der Stürmer „mehr gefüttert werden muss“. Außerdem hat das Team „an den Läufen in die Tiefe“ gearbeitet und Guirassy selbst wurde empfohlen, „sich nicht ganz so oft fallen zu lassen“. Dieser Ansatz funktioniert offensichtlich. „Die Reaktion ist sensationell gut, wir brauchen seine Tore, die Mannschaft hilft ihm dabei“, sagt Kovac. Denn Guirassy ist als Persönlichkeit nicht so unerschütterlich wie die eiskalten Tormaschinen Robert Lewandowski und Erling Haaland, die in der Vergangenheit die Nummer Neun beim BVB trugen. Aber in guten Phasen agiert er ähnlich effizient und fußballerisch facettenreich: kopfballstark, gefährlich mit beiden Füßen, körperlich robust. „Er ist auch immer wieder in der Lage, Gegenspieler in sehr engen Räumen auszuspielen, was nicht jeder Wandspieler, Stoßstürmer oder Neuner draufhat“, sagt der frühere Kölner Profi Höger, der heute beim FC in der Scoutingabteilung arbeitet. Seit dem Wochenende steht Guirassy trotz der über rund eine halbe Saison andauernden Krisenzeit schon wieder auf dem vierten Platz der Torjägerliste. Selbst Elfmeter darf er wieder schießen, wobei er angekündigt hat, vorerst auf dieses Privileg zu verzichten. Im Sinne des Teams, in dem er nicht mehr wie ein Sonderling wirkt. Weder als Spieler auf dem Platz noch als Persönlichkeit.
