Die Art der Fußballspannung, die über der Schlussphase des Auftritts von Inter Mailand bei Borussia Dortmund lag, ist noch recht unbekannt im eigentlich so aufregenden Universum des Champions-League-Fußballs. Die Italiener führten durch ein Freistoßtor von Federico Dimarco (81.), konnten auf die direkte Qualifikation fürs Achtelfinale hoffen, aber niemand drohte auszuscheiden. Das Publikum, das auf eine leuchtende Europapokalnacht gehofft hatte, war aber nicht nur von der Darbietung auf dem Rasen ernüchtert. „Das war kein berauschendes Spiel von beiden Seiten, es gab nur wenige Tormöglichkeiten“, sagte Dortmunds Sportdirektor Sebastian Kehl. Also wurde auf den Tribünen nicht gefeiert und auch nicht gefiebert, es ging in der zweiten Halbzeit zumindest unter den mit dem Regelwerk vertrauten Zuschauern um Fragen der Tabellen- und Wettbewerbsarithmetik. „Eine Tabelle spiegelt dann irgendwann schon die Realität wider“ Diskutiert wurde nicht über Dribblings, scharfe Pässe und vergebene Chancen, sondern über mögliche kommende Gegner. Es ging um den Turnierbaum und die Frage, ob auch nach der Abschaffung der Auswärtstorregel noch jene Klubs im Vorteil sind, die in K.-o.-Spielen das Rückspiel vor eigenem Publikum bestreiten dürfen. Die Schlussminuten dieses Duells, das die Dortmunder schließlich mit 0:2 verloren, erinnerte atmosphärisch an eine Auslosungszeremonie im Hauptquartier des Kontinentalverbandes UEFA. Kurz nach dem Abpfiff lagen dann die Fakten vor: Der BVB wird in den Play-offs um den Einzug ins Achtelfinale auf Atalanta Bergamo oder Bayer Leverkusen treffen und das Rückspiel auswärts bestreiten. Welcher der beiden Kandidaten tatsächlich der Gegner sein wird und ob im Achtelfinale dann ein Duell mit dem FC Bayern droht, wird am Freitag ausgelost. In gewisser Weise ist das ein ganz gut passender Ertrag dieser Dortmunder Europapokalsaison. „Eine Tabelle spiegelt dann irgendwann schon die Realität wider“, sagte Niko Kovač, der Trainer des BVB, der diese Gruppenphase auf Rang 17 beendet. Durch die Niederlage ist der Revierklub sogar hinter Bayer Leverkusen zurückgefallen und hat einige Grundthesen des bisherigen Saisonverlaufs bestätigt: Borussia Dortmund ist unter Niko Kovač insgesamt solide und stabil, kann aber keine wirklich großen Gegner schlagen. Der BVB gehört nicht unter die besten acht Teams Aus den Duellen mit Manchester City, Inter Mailand und Juventus Turin sprang nur ein Punkt heraus. Das Bundesligaspiel beim FC Bayern ging verloren, Kehl haderte in seiner kurzen Zwischenbilanz aber mit einem anderen Spiel. Das 2:2 gegen Bodö/Glimt habe „wehgetan“, sagte er, mit den zwei an jenem Herbstabend verlorenen Punkten wäre „eine ganz andere Situation“ mit einer echten Chance auf den direkten Sprung ins Achtelfinale entstanden. Aber irgendwie gehört diese Mannschaft gemessen an ihrem Spielniveau einfach nicht unter die besten acht Teams des Kontinents. Wieder einmal hatten die Dortmunder zahlreiche technische Fehler und Ungenauigkeiten aneinandergereiht, eine gute Qualität hatte allenfalls die Defensivarbeit der Teams. „Wir haben zu wenig nach vorne gespielt“, sagte Nico Schlotterbeck, was auch daran lag, dass der Trainer in seinem Aufstellungspuzzle klare Prioritäten gesetzt hatte. Die kreativeren, dafür aber in der Defensive weniger zuverlässigen Spieler Julian Brandt, Karim Adeyemi sowie Yan Couto saßen lange auf der Bank. Aufgestellt hatte Kovač stattdessen Julian Ryerson und Maximilian Beier, die sehr diszipliniert arbeiteten, aber genau wie Emre Can, Jobe Bellingham oder Serhou Guirassy mit ihren Defiziten im Umgang mit dem Ball kämpften. „Wir wollten ein bisschen mehr Kontrolle haben, als wir hatten“, sagte Felix Nmecha. Besonders Guirassy fügte seiner Krisensaison ein weiteres unerfreuliches Kapitel hinzu, als er schon früh im Spiel sechs Meter vor dem Mailänder Tor völlig frei an den Ball kam und diese beste Dortmunder Chance des Abends mit einem völlig überhasteten Torabschluss vergeudete. „Ich glaube, da hat man wirklich gesehen, dass er nachdenkt. Dass er ein Stück weit verunsichert war, sagte Kehl. „Im letzten Jahr hätte er den einfach angenommen und eiskalt reingemacht.“ In der vergangenen Champions-League-Saison war Guirassy noch Torschützenkönig, neun Tore hatte er in den acht Gruppenspielen geschossen, vor einem Jahr zählte er deshalb zu den großartigsten Stürmern der Welt. „Da muss er gegen ankämpfen, und wir werden ihm helfen, beziehungsweise seine Mitspieler“, sagte Kovač. Inzwischen dauert seine Schwächephase jedoch schon so lange an, dass in Dortmund gezweifelt wird, ob er überhaupt jemals wieder ein relevanter Faktor in dieser Mannschaft werden kann. Erfreulich war immerhin der Auftritt von Innenverteidiger Filippo Mané, wobei die Defensive auf europäischem Terrain erstaunlicherweise ein Problem darstellt für diese Dortmunder. Von den 24 Teams, die sich für die K.-o.-Phase qualifiziert haben, hat nur Qarabağ Ağdam noch mehr Gegentreffer zugelassen als der BVB (17). „Es ist schwierig, es ist Champions League“, sagte Kovač, dessen Mannschaft irgendwie die Mindestanforderungen in dieser Gruppenphase erfüllt hat. Dass an diesem Abend aber selbst vor dem entscheidenden 0:2 durch Andy Diouf in der Nachspielzeit die Tabelle interessanter war als das Spiel, ist kein gutes Zeichen.
