FAZ 14.02.2026
11:10 Uhr

BVB-Sieg gegen Mainz: „Das, was wir machen, funktioniert“


Beim 4:0 gegen Mainz erlebt der BVB eine Art Befreiung: Serhou Guirassy trifft wieder. Das Team gewinnt das sechste Spiel in Serie – auch weil es ein Stilmittel des FC Arsenal perfekt kopiert.

BVB-Sieg gegen Mainz: „Das, was wir machen, funktioniert“

Die Partie war eigentlich längst entschieden, die Fans des FSV Mainz 05 feierten trotzig Karneval, und die ersten Dortmunder machten sich auf den Heimweg, während Niko Kovac immer noch unter Hochspannung stand. Der Trainer von Borussia Dortmund fuchtelte mit den Armen, brüllte Kommandos, trieb seine Spieler an: immer weiter, nicht nachlassen. „Es geht immer besser“, sagte Kovac trotz des klaren 4:0-Erfolges zum Spieltagsauftakt. Beharrlichkeit und Konstanz sind Dortmunder Urthemen, die für Kovac auch in so einem längst entschiedenen Spiel wichtig bleiben. Zwar sprach nach diesem höchsten Sieg in der laufenden Bundesliga niemand über die Meisterschaft, aber die Titelfrage ist ja sehr präsent, seit Nico Schlotterbeck dieses intern schon vor Saisonbeginn gesetzte Ziel öffentlich gemacht hat. Der BVB will den FC Bayern an der Tabellenspitze angreifen, und sechs Siege in Serie deuten darauf hin, dass der klare Umgang mit den Ambitionen keinesfalls geschadet hat. „Ein wichtiger Bestandteil des Fußballsports“ Im Gegenteil. Das Team entwickelt sich, und erlebt sogar eine Art Befreiung. Sehrou Guirassy köpfte das 1:0 (10.) sowie das 3:0 (42.) und hat damit während der vergangenen drei Bundesligaspiele fünf Tore erzielt. Die Herbstkrise des Torschützenkönigs der vorigen Champions-League-Saison ist überwunden. Sollte Guirassy tatsächlich wieder auf einem ähnlichen Niveau wie Bayern-Stürmer Harry Kane treffen, dann rücken die Dortmunder auch fußballerisch etwas näher an den Tabellenführer aus München heran. Kovac betonte zwar abermals, dass er in den Rückspiegel schaue, wo der Kampf um die Champions-League-Plätze stattfinde, aber der Vorsprung auf Platz fünf war zumindest für einen Abend auf zwölf Punkte angewachsen. Auch weil die Dortmunder einen Erfolgsfaktor des Premier-League-Tabellenführers FC Arsenal so perfekt kopiert haben wie kein anderer nationaler Konkurrent. Die Londoner überladen bei Ecken und Freistößen den Fünfmeterraum, um die gegnerischen Torhüter im Gedränge gefangen zu halten, die dann kaum eine Chance haben, nah vor das Tor geschlagene Flanken zu erreichen. Ein Spieler, bei Dortmund meist Felix Nmecha, stellt sich explizit in den Laufweg des Torwarts, die anderen gruppieren sich in der Nähe, so dass sich auch die Verteidiger nah am eigenen Tor aufhalten müssen. Diese Enge verschafft starken Kopfballspielern wie Guirassy entscheidende Vorteile. „Ich freue mich darüber, weil das ein wichtiger Bestandteil des Fußballsports ist, also muss man das mit ins Repertoire reinnehmen“, sagte Kovac. Auf diese Art köpften die Dortmunder das 1:0, das 3:0 und das 4:0, am Ende hatte der Rechtsverteidiger Julian Ryerson alle vier Tore mit seinen hohen Bällen vor das Mainzer Tor vorbereitet. Er selbst wisse gar nicht, wie der FC Arsenal seine Standardgefahr entwickelt habe, berichtete Ryerson, aber „es kann sein, dass sich andere im Verein das angeschaut haben. Das, was wir machen, funktioniert. Wir haben einen Plan.“ Schon in den jüngsten Spielen in Wolfsburg und in Heidenheim hatte der Norweger die Tore zur jeweiligen Dortmunder 1:0-Führung mit Eckbällen in überladene Fünfmeterräume vorbereitet. Bei Union Berlin eine Woche zuvor fiel das 2:0 auf diese Art und Weise. „Wir haben uns diese Situationen ausführlich angeschaut“, sagte der Mainzer Trainer Urs Fischer, eine funktionierende Gegenmaßnahme haben sie nicht gefunden. Es ist verblüffend, dass diese einfache Erfolgsstrategie so spät in der auf allen Ebenen durchoptimierten Fußballmoderne populär geworden ist. Seit Jahren arbeiten in vielen Teams auf Standardsituationen spezialisierte Trainer, die sich komplexe Varianten ausdenken. Aber erst jetzt wurde ein Weg gefunden, eine Regeländerung aus dem Jahr 2012 konsequent auszunutzen. Damals wurde der Sonderstatus für Torhüter im Fünfmeterraum abgeschafft, die in ihrer ehemaligen Schutzzone seither genauso gestoßen und geblockt werden dürfen wie jeder Feldspieler. Kurios ist auch, dass sich diese Stärke beim BVB genau in dem Moment entfaltet, in dem der Standardtrainer Alex Clapham den Klub verlassen hat. Dass alle vier Tore nach hohen Bällen und drei der vier Treffer nach Standardsituationen gefallen sind, deutete allerdings auch an diesem Abend auf einen bekannten Schwachpunkt dieses saisonübergreifend spektakulär erfolgreichen Kovac-BVB hin: Das Erspielen klarer Torschancen aus dem Spiel heraus fällt dem Team weiterhin schwer. Aber wenn Ryersons Flanken so präzise sind wie am Freitag und Guirassy zuverlässig trifft, ist das verkraftbar. Wobei der BVB in diesem Jahr noch gegen kein Team aus dem oberen Tabellendrittel gespielt hat, was sich jetzt mit Duellen in Leipzig und gegen München ändern wird.