FAZ 21.01.2026
10:28 Uhr

BVB-Pleite in Champions League: „Das ist eine Situation, in der wir sehr kritisch sein müssen“


Eine strittige Rote Karte und eine erste Halbzeit zum Gruseln: Der BVB ist in der Champions League gegen Tottenham zu schwach. Der fatale Moment in Verbindung mit der Dortmunder Energielosigkeit wird zur gefährlichen Mixtur.

BVB-Pleite in Champions League: „Das ist eine Situation, in der wir sehr kritisch sein müssen“

Dass zwei Stunden Champions-League-Fußball reichen können, um die Empfindungen zur Lage eines Fußballklubs grundlegend zu verändern, ist keine ganz neue Erkenntnis im Fußball. Dass dazu aber nicht einmal das Ausscheiden aus dem Wettbewerb erforderlich ist, kommt eher selten vor, insofern ist die Wirkung des 2:0-Erfolges von Tottenham Hotspur gegen Borussia Dortmund ziemlich bemerkenswert. Vor dem Anpfiff hielt Sportdirektor Sebastian Kehl den im Klub oft als übertrieben laut wahrgenommenen Kritikern noch entgegen, dass die Situation „nicht so schlecht ist, wie man manchmal das Gefühl hat in diesem Klub“. Nach dieser Partie schloss er sich kurzerhand selbst der Fraktion der Skeptiker an. „Wir müssen verstehen, dass wir mehr leisten müssen. Dass wir wieder intensiveren Fußball spielen müssen“, sagte Kehl und erklärte: „Wir müssen die Sinne schärfen. Das ist eine Situation, in der wir sehr kritisch sein müssen, um nicht in eine Situation zu kommen, in der wir uns in ein paar Wochen fragen, warum wir in diesem Moment alles verspielt haben.“ „Dann wird es schwierig“ Die Dortmunder hatten dem Publikum eine erste Halbzeit zum Gruseln präsentiert, an deren Ende sie 0:2 zurücklagen und nur noch zu zehnt waren. „Wenn du nur versuchst, mit dem Ball etwas zu machen und ohne Körperlichkeit, dann wird es schwierig“, sagte Niko Kovač, als er auf die Verliererquote von nur 36 Prozent gewonnener Zweikämpfe vor der Pause angesprochen wurde. „Wir haben gedacht, dass wir heute Champions League spielen können“, monierte der Trainer, „aber man muss erst mal Champions-League kämpfen.“ Dass eine umstrittene Rote Karte gegen Daniel Svensson (24.) die Niederlage begünstigte, war am Ende nur ein Randthema, zu schwach war dieser BVB an diesem Abend. Obgleich es sich um einen Klassiker von der dunklen Seite des Videobeweises handelte. „Wenn man dieses Trefferbild in einem Standbild anschaut, kann man sagen: Das ist eine Rote Karte“, sagte Kehl zwar. Die offene Sohle von Svenssons linkem Fuß hatte Wilson Odobert voll am Schienbein getroffen. Allerdings ohne jede Dynamik, der Dortmunder hatte zuvor sogar den Ball gespielt, und Odobert war eher in den Fuß hineingelaufen und weniger getreten worden. Wieder einmal hatten die Schiedsrichter zwei ihrer Grundsätze missachtet, deren Einhaltung sie sich Jahr für Jahr aufs Neue vergeblich vornehmen: Nur bei klaren Fehlern einzugreifen. Und sich nicht von den verzerrten Botschaften der verlangsamten Bilder täuschen zu lassen. Am Ende wurde dieser fatale Moment in Verbindung mit der Dortmunder Energielosigkeit zu einer gefährlichen Mixtur, die Kovač auch durch seine Aufstellung begünstigt hatte. Mit Julian Brandt, Karim Adeyemi und Yan Couto standen drei Spieler auf dem Platz, deren Schwächen bei Defensivzweikämpfen bestens bekannt sind. In dieser Konstellation auch noch den gerade erst vom Afrika-Cup zurückgekehrten Ramy Bensebaini aufzustellen, verstärkte diesen Mangel an Stabilität. Auf der Bank saßen hingegen die zuverlässig intensiv und aggressiv spielenden Julian Ryerson sowie Maximilian Beier, deren positive Wirkung auf das Spiel in der erheblich besseren zweiten Halbzeit gut sichtbar war. „Wir müssen unsere Lehren daraus ziehen“, sagte Kehl. „Die Mannschaft muss verstehen, dass das nicht der Anspruch ist, den wir alle haben.“ Momente der Energielosigkeit Offen ist, ob auch der Sportdirektor Lehren für die künftige Kaderplanung zieht. Denn die Probleme sind keinesfalls neu. Brandt ist mittlerweile dafür bekannt, seine Mannschaft zwischen seinen vielen sehr guten Spielen immer mit solchen Tagen der Energielosigkeit zu belasten wie in Tottenham. Genau wie Adeyemi, der seltene Offensivstärken hat, aber schnell zur Schwachstelle wird, wenn das Team mit Widerstandskraft schwierige Phasen überstehen muss. Mit beiden sollen Verträge verlängert werden. Wer in den vergangenen Wochen nicht nur auf die Ergebnisse und die Spielhöhepunkte schaute, kann in der Kategorie „Einsatzbereitschaft“ ein Muster erkennen, das sich durch die Saison zieht. Fast jede Partie des BVB enthält Phasen, die von technischen Fehlern und Ungenauigkeiten im Passspiel durchsetzt sind. Gegen Bremen, St. Pauli oder Mönchengladbach lässt sich das noch durch bessere Phasen und starke individuelle Momente überdecken. Nicht jedoch auf dem höheren Niveau des internationalen Wettbewerbs. In der Bundesliga bekommen die Dortmunder viel Lob für ihre defensive Stabilität. Von den 36 Mannschaften in der Champions League hatten am späten Dienstagabend lediglich fünf Klubs noch mehr Tore zugelassen als der BVB mit seinen durchschnittlich mehr als zwei Gegentreffern pro Partie. „Dass wir Qualität haben, daran brauchen wir nicht zu zweifeln“, sagte Kovač, „aber im Fußball gehört Mentalität auch dazu. Gerade wenn du in der Champions League die Möglichkeit hast, unter die ersten Acht zu kommen.“ Das ist nach dem nach einer Führung leichtfertig aus der Hand gegebenen Sieg gegen Bodø/Glimt im Dezember und dieser Niederlage im Regen von London kaum mehr möglich. „Die Chancen, die wir hatten, haben wir fahrlässig verspielt“, sagte Kehl. Im letzten Duell der Gruppenphase gegen Inter Mailand geht es daher in der kommenden Woche sehr wahrscheinlich nur noch um eine gute Ausgangsposition für die Play-off-Runde, in der sehr namhafte Gegner wie Barcelona, Chelsea, Liverpool oder Turin drohen.