Müsste man seine Position kurz zusammenfassen, ginge das so: Europa braucht einen integrierten Kapitalmarkt, Deutschland strukturelle Reformen. Mit einem energischen Plädoyer hat Lutz Diederichs, Deutschlandchef der französischen Großbank BNP Paribas, bei den 121. Wirtschaftsgesprächen am Main für Europa geworben: Es sei lebenswert, der Kontinent könne viel. Er müsse sich nur von seinen Fesseln befreien. „Ich bin das Europa-Bashing so leid“, sagte Diederichs im Gespräch mit F.A.Z.-Redakteur Daniel Schleidt. Das Bild, das der 1962 geborene Volkswirt, der seit 2017 das Deutschlandgeschäft der Bank mit rund 6000 Mitarbeitern verantwortet, von der wirtschaftlichen Lage Deutschlands und Europas zeichnete, war dann aber alles andere als positiv: Land und Kontinent hätten strukturelle Probleme, die nur mit strukturverändernden Antworten zu lösen seien. „Wir haben keinen Herbst der Reformen gesehen“ Diederichs, der beruflich Stationen in deutschen, italienischen und französischen Banken vorweisen kann, argumentierte mit zehn Thesen, die zum Teil einer Zustandsdiagnose und zum Teil einem Forderungskatalog glichen. Erstens: Deutschland stecke in einer „Komplexitätsfalle“, weil das Land seine Energiezufuhr nach Russland, seinen militärischen Schutz in die Vereinigten Staaten und seine Quelle des Wachstums nach China ausgelagert habe. „Diese drei Säulen fallen gerade zusammen“, sagte Diederichs. Daraus folge zweitens: Die Probleme der deutschen Wirtschaft seien struktureller Natur. Kosmetische Korrekturen reichten nicht. Drittens kritisierte er den Stand der Investitionsprogramme Deutschlands und der EU. Bis 2030 stünden zwar mit Bundes- und EU-Programmen in Summe rund 1,6 Billionen Euro bereit, doch Mittel würden nicht abgerufen, Projekte nicht gehebelt, „wir haben keinen Herbst der Reformen gesehen“. Viertens sei ein vorübergehendes Kapitalzufluss-Momentum aus den Vereinigten Staaten in die EU nach Trumps „Liberation Day“ – so nannte der US-Präsident den Tag im April, an dem er Einfuhrzölle auf zahlreiche Produkte ankündigte – wieder verpufft. Fünftens sei der Finanzsektor in Deutschland nie als strategischer Sektor begriffen worden. Während Frankreich vier systemrelevante Banken vorweisen könne, gebe es hierzulande mit der Deutschen Bank nur eine. In einem Industrieland mit riesigen Transformationsaufgaben sei das Ignorieren der Finanzwirtschaft gefährlich. Sechstens betonte Diederichs die Systemrelevanz der Banken für Investitionen – und zugleich deren Grenzen. Deutsche Unternehmen finanzierten sich traditionell stärker über Banken als über den Kapitalmarkt, das müsse sich ändern. Denn die anstehenden, langfristigen Investitionen in Energie, Digitalisierung, Infrastruktur und Dekarbonisierung überstiegen die Kapazität der Bankbilanzen und der Staatsfinanzen. „Für die Investitionen brauchen wir privates Kapital.“ „Wer gesagt hat, die Rente sei sicher, hat gelogen“ Um das zu bekommen und souverän zu werden, brauche Europa siebtens dringend einen gemeinsamen Kapitalmarkt. Dazu gehörten harmonisierte Regeln und langfristige Investitionsprojekte. Letztere würden aber durch höhere Eigenkapitalanforderungen der Banken bislang verunmöglicht. Dabei komme es gerade jetzt auf Europa an. Wegen unsicherer Märkte in den Vereinigten Staaten (unberechenbarer Trump / Protektionismus) und in China hielten viele Unternehmen derzeit hohe Liquiditätsbestände, investierten nicht, sondern warteten ab. Das sei auch eine Chance. „Wenn wir Europa voranbringen, investieren sie hier.“ In diesem Zusammenhang kritisierte der Manager zudem die Abhängigkeit Europas von Banken aus den Vereinigten Staaten beim Investmentbanking. „50 Prozent der Erträge fließen in die USA. Das ist nicht gesund.“ Damit sich dies ändere, müsse ein europäischer Kapitalmarkt geschaffen werden. Den gelte es anzustreben, auch wenn nicht alle EU-Staaten mitzögen. Eine „Allianz der Willigen“, die wirtschaftlich starken Staaten der Union, solle vorangehen, auch, um dadurch das Einstimmigkeitsprinzip umgehen zu können, „das schon bei der Osterweiterung hätte abgeschafft werden müssen“. „Die Bremser sind die Sozialdemokraten“ Achtens komme der Finanzbildung eine Schlüsselrolle zu: Deutsche Haushalte hielten rund 3300 Milliarden Euro auf Sicht- und Sparkonten. Man bräuchte gar nicht über eine Kapitalmarktunion zu reden, wenn es gelänge, aus den Sparern Investoren zu machen, sagte Diederichs. Dies zu schaffen, sei auch für das deutsche Rentensystem unverzichtbar. Diederichs spitzte zu: „Wer in der Vergangenheit gesagt hat, die Rente sei sicher, hat gelogen.“ Mit der CDU wäre eine Aktienrente zu machen, aber: „Die Bremser sind die Sozialdemokraten.“ Neuntens forderte er, Deutschland sollte selbstbewusster auftreten. Der Investitionsplan von Merz werde, gerade auch im europäischen Ausland, als Chance betrachtet, „weil Deutschland Wachstumsmotor in Europa ist“. Schließlich bezeichnete der Bankmanager Nachhaltigkeit und Diversität als „ökonomische Notwendigkeit“. Sie seien kein „Nice-to-have“. Die Deutschen machten ein Prozent der Weltbevölkerung aus, verursachten aber zwei Prozent der CO₂-Emissionen. Der Blick nach China zeige, wie langsam Europa agiere: Dort entstünden in einem Monat so viele Photovoltaikanlagen, wie in Deutschland insgesamt am Netz seien. Diversität wiederum sei für BNP Paribas gelebte Praxis: Allein in Frankfurt arbeiteten Menschen aus mehr als 50 Nationen. „Wir sind ohne Diversität nicht arbeitsfähig.“ Auch zur Energiepolitik bezog Diederichs klare Stellung: In Frankreich werde Kernkraft als Brückentechnologie betrachtet, um die Lücke zu schließen, die Erneuerbare kurzfristig nicht füllen könnten. Auf Fragen nach dem Finanzplatz Frankfurt weitete Diederichs die Perspektive: Es gehe um den Finanzplatz Europa. Die Wettbewerber säßen in London und New York; der kleinteilige Standortvergleich helfe nicht weiter. Vielmehr brauche es in Europa die gleichen Bedingungen wie in den Vereinigten Staaten: keine 28 Regulierungsregimes, sondern klare, kohärente Rahmenbedingungen. Politisch sieht der Deutschlandchef von BNP Paribas in der aktuellen Koalition in Berlin Chancen, warnte aber vor Trägheit. Merz sei „so finanzaffin wie vielleicht kein Kanzler vorher“. Seit der Finanzkrise 2008/2009 habe es nie einen so intensiven Dialog zwischen der Finanzwirtschaft und dem Kanzleramt gegeben wie derzeit. Dennoch hätte eine Koalition mit den Grünen das Land womöglich mehr vorangebracht als die mit der SPD, meint Diederichs. Kernthemen wie die Reform der Sozialsysteme, Verteidigung oder Nachhaltigkeit hätten sich mit den Grünen vielleicht einfacher umsetzen lassen. Die „Wirtschaftsgespräche am Main“ sind eine Veranstaltung des Hotels Steigenberger Frankfurter Hof, der Wirtschaftsinitiative Frankfurt/Rhein-Main und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
