Wie Diktaturen funktionieren, ist eine Frage, die seit sehr langer Zeit in vielen Disziplinen diskutiert wird. Der inzwischen emeritierte Professor für Führung und Organisation an der Universität Witten/Herdecke, Fritz B. Simon, wagt sich also, wie er selbst zu Beginn seines neuen Buches zugesteht, auf gut vorbereitetes Terrain. Die Innovationskraft seines Ansatzes sieht er zum einen in einer „systemtheoretischen“ Rekonstruktion der Funktionsweise von Diktaturen. Und zum anderen verspricht er eine fokussierte Sicht auf Diktaturen, die sich seines Erachtens auszeichnen durch „Willkürherrschaft“ und eine Regierungspraxis „gegen den Willen der Bevölkerung“. An beiden Ansprüchen scheitert dieses eigentümlich hemdsärmelige Werk. Simon orientiert sich beim Vergleich diktatorischer Regime nicht an seinen eigenen, bestenfalls vagen Definitionskriterien. Vielmehr widmet er sich schlicht denjenigen autoritären Herrschern und ihren Gewaltapparaten, die man umgangssprachlich als Diktatoren bezeichnen kann, ohne viel Widerspruch zu ernten. Es tauchen die üblichen Verdächtigen auf: Hitler, Mussolini, Stalin und Mao sowie ihre furchterregenden Brüder im Geiste aus der Semiperipherie (Franco, Salazar, Pinochet, Ceaușescu) und der Peripherie der Weltgesellschaft (Idi Amin, Mobutu, Saddam Hussein, Khomeini, Papa Doc Duvalier). Sind autoritäre Staaten „Willkürherrschaften“? All diese Regime konnten sich zumindest zeitweise der Unterstützung von großen Teilen der Bevölkerung sicher sein, und keine dieser Personen hätte regieren können ohne ein Mindestmaß an Berechenbarkeit in der Relation zwischen dem Autokraten, seinem engen Kreis und der staatlichen Verwaltung. Gerade aus soziologischer Sicht kann man etwa hochbürokratisierte, totalitäre und genozidale Regime nicht als Willkürherrschaften einzelner Machthaber rekonstruieren. Das Buch hätte davon profitiert, Diktaturen als eine sehr spezifische Form autoritärer Machtausübung zu beschreiben. Stattdessen präsentiert Simon schlicht ein personenzentriertes Bestiarium autoritärer Herrschaft. Obwohl Simon sehr darum bemüht ist, soziale Strukturen „diktatorischer“ Herrschaft herauszuarbeiten und – auf der Basis von Biographien – Gemeinsamkeiten zwischen so unterschiedlichen Systemen wie dem deutschen Nationalsozialismus, einer postkolonialen Militärdiktatur des Typs Mobutu und einer sozialistischen Marionettendiktatur zu finden, bleibt der Ertrag dieses Vergleichs gering. Diktaturen, so lernt man, können sich durch Volksaufstände, Militärputsche, ausländische Interventionen oder als Folge von Bürgerkriegen verfestigen. Manche kommen durch Wahlen, manche durch inkrementelle Prozesse der Unterwanderung des Staates zustande. Diktatoren starten ihre Karrieren manchmal als Volkstribune, manchmal als verlängerter Arm etablierter Eliten und manchmal als koloniale Offiziere, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren. Beinahe zwei Drittel des Buches erschöpfen sich in teils sehr detaillierten Darstellungen solcher Prozesse am Beispiel besonders anschaulicher Fälle, die allerdings rein deskriptiv und in ihrer Konventionalität beinahe schulbuchartig bleiben. Diktaturen erleichtern das Leben in einer hochkomplexen Welt Auch Simons „systemtheoretische“ Einordnung diktatorischer Regime grenzt teils an Trivialität. In Diktaturen sei die funktionale Differenzierung sozialer Systeme außer Kraft gesetzt, das heißt, Wirtschaft, Massenmedien, Wissenschaft, Recht, Erziehung und so fort sind unter politische Kontrolle gestellt und ihrer Autonomie beraubt. So lernt man es auch im Geschichts- oder Sozialkundeunterricht. Der systemtheoretische Mehrwert erschöpft sich größtenteils in der Verwendung eines schmückenden Jargons. So sei es in einer „hochkomplexen“ Welt schwierig, sich zurechtzufinden, und Diktatoren fungierten daher als „Entscheidungsprämissen“, die einem bestimmte Entscheidungen abnähmen. Es ist nicht einfach, Simons Buch einzuordnen. Ein Fachbuch ist es nicht, denn es orientiert sich nicht an aktuellen sozialwissenschaftlichen Debatten über gemeinsame Muster von Diktaturen, sondern an Biographien über Diktatoren und kommt auf dieser Basis zu wenig überraschenden Schlüssen. Stellenweise ist die Beschreibung derart generisch und das präsentierte Material derart allgemein bekannt, dass man sich fragt, warum der Autor all dies überhaupt für berichtenswert hält. Ein Sachbuch ist es aber auch nicht, denn dafür ist es zu detailverliebt, enzyklopädisch und sammelnd. Es ist, wie der Untertitel bereits ankündigt, ein Katalog. Aber was ist die Funktion einer solchen Zusammenschau des Altbekannten? Nicht minder verwundert liest man die letzten Seiten des Buches, auf denen Simon in einem bemerkenswert selbstsicheren Pessimismus den Klimawandel, soziale Medien, den Aufstieg der Tech-Giganten und Migration (insbesondere wegen der „zunehmenden Dürre“ und des dadurch „zunehmend unbewohnbaren globalen Südens“) zu einem apokalyptischen Vortex vermengt, der auch westliche Staaten demnächst in den Autoritarismus (oder die Diktatur?) ziehen werde. Man kann diese düstere Prognose ernst nehmen oder nicht – sie ist jedenfalls thematisch und konzeptionell völlig entkoppelt von den „Mustern“, die Simon davor beschrieb. Zumindest die Funktion dieser abschließenden Kassandrarufe ist aber klar: Sie sollen das Buch anschlussfähig machen für besorgte öffentliche Debatten über den Trumpismus, Putin und die AfD. Viel ist das nicht. Fritz B. Simon: „Wie Diktaturen funktionieren“. Muster, die verbinden – Ein Katalog. Carl-Auer Verlag, Heidelberg 2025. 291 S., br., 29,95 €.
