FAZ 11.10.2026
10:42 Uhr

Autorin Angelika Klüssendorf: Durchtanzte Nacht


Manche sage, wer sich an die Buchmesse erinnert, war nicht da. Aber ich erinnere mich, wie ich einmal frühmorgens nach einer durchtanzten Nacht auf einer Parkbank erwachte.

Autorin Angelika Klüssendorf: Durchtanzte Nacht

Ich kann mich nicht an meine erste Buchmesse erinnern, auch nicht an die zweite und an die darauf folgenden auch nicht, doch daran, dass ich mich stets wie ein überfordertes Kind fühlte und die bereits vorhandenen Anekdoten mir konkurrenzlos erschienen. Kolportiert oder wahr, wer kann mit dieser Geschichte schon mithalten: Auf der Abora wurden Flyer verteilt, auf dem das Gesicht von Siegfried Unseld abgebildet war und die Aufforderung, diesen Mann zu suchen, ihm auf die Schulter zu klopfen und sinngemäß folgenden Text aufzusagen: Schau mich nicht so böse an, du bist doch heut der Jaguarmann, rück endlich deinen Schlüssel raus, sonst ist es mit der Freundschaft aus. Der Erste, der Unseld entdecken würde, bekäme mit dem Schlüssel auch seinen Jaguar. (Unseld fuhr seit Jahren einen dunkelblauen Jaguar 420.) Auf einer dieser Buchmessen, noch immer jung, erwachte ich frühmorgens nach einer durchtanzten Nacht auf einer Parkbank, im Hintergrund das leichte Rotieren der erwachenden Stadt, vor mir ein großer, weißer Hund, dem ich folgte, oder er mir. Angelika Klüssendorf lebte von 1961 bis zu ihrer Übersiedlung 1985 in Leipzig; heute wohnt sie auf dem Land in Mecklenburg. Als Schriftstellerin wurde sie bekannt für ihre Romantrilogie „Das Mädchen“, „April“ und „Jahre später“ und mehrfach für den Deutschen Buchpreis nominiert. Dieses Jahr ist ihr neuer Roman „Trost“ erschienen (Piper Verlag, 208 Seiten, 24 Euro).