Die Krise der deutschen Automobilhersteller trifft die Zulieferindustrie mit voller Wucht. In Harzgerode, 100 Kilometer südwestlich von Magdeburg, war man bis vor wenigen Tagen trotzdem davon überzeugt, dass es für den insolventen Zulieferbetrieb Bohai Trimet eine Zukunft an dem traditionsreichen Industriestandort gibt. Denn der Stolz auf mehr als 150 Jahre Metallverarbeitung ist hier genauso groß wie das Vertrauen in die eigenen Stärken. „Aus Harzgerode kommen die besten Aluminium-Druckgussteile der Welt“, sagt Bürgermeister Marcus Weise (CDU). Volkswagen, der mit Abstand wichtigste Kunde von Bohai Trimet, will im Herbst trotzdem wichtige Aufträge vom Standort abziehen. Dem Unternehmen und weiteren Zulieferbetrieben mit insgesamt mehr als 1000 Arbeitsplätzen in dem knapp 8000 Einwohner zählenden Städtchen im Harz droht das Aus. Die Stimmung schwankt zwischen Enttäuschung und Wut. „Diese Entscheidung plättet eine ganze Region. Das macht uns fassungslos, das ist nicht richtig“, sagte Janek Tomaschefski von der IG Metall in dieser Woche vor mehreren Hundert Demonstranten bei einer Protestkundgebung vor dem Werkstor im Industriepark Ost in Harzgerode. „Wir weinen nicht aus Schwäche, sondern aus Wut“, schreibt Marcel Held, Schichtleiter bei Bohai Trimet, in einem Brief an Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU). Es geht um mehr als Arbeitsplätze Der Brief von Marcel Held wurde auf der Kundgebung der IG Metall von einer Betriebsrätin verlesen. Er selbst hätte den Text nicht vorlesen können, sagt der 44-Jährige, der seit 28 Jahren in dem Werk von Bohai Trimet arbeitet und hier auch seine Ausbildung gemacht hat. „Es fällt mir immer noch schwer, darüber zu sprechen“, sagt er über die Situation der Fabrik, in der früher auch sein Vater gearbeitet hatte. Das Aus für den Standort bedroht nicht nur mehr als 1000 Arbeitsplätze in einer Region, die stark von der Zulieferindustrie abhängt. „Geht es hier nicht weiter, werden wir das auch in den Schulen, in den Kindergärten und in den Feuerwehren spüren“, sagt Bürgermeister Marcus Weise. Erst vor wenigen Jahren ist es der Stadt zum ersten Mal gelungen, den Bevölkerungsschwund seit der Wende zu stoppen. Neben dem Industriepark baut die Kommune gerade ein neues Hallenbad. Wegen ausbleibender Gewerbesteuereinnahmen droht der Stadt in diesem Jahr ein Loch im Haushalt. „Die Angst ist wieder da, dass die Leute wegziehen müssen, weil es in der Region keine Zukunft gibt“, sagt Thomas Balcerowski (CDU), Landrat des Harzkreises. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze (CDU) hat bereits öffentlich angekündigt, das Gespräch mit dem Vorstand von VW zu suchen. Einladungen dazu wurden mittlerweile für Dienstagnachmittag verschickt. In vier Monaten findet die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt statt. In der jüngsten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Infratest dimap liegt die AfD mit 41 Prozent deutlich vor der Union mit 26 Prozent. Im Vergleich zur letzten Infratest-Umfrage im vergangenen September legte die AfD um zwei Prozentpunkte zu. Bei der Bundestagswahl 2025 erreichten die Rechtspopulisten im Wahlkreis Harz knapp 40 Prozent und konnten ihren Stimmenanteil damit fast verdoppeln. Auch Ferrari setzt auf Harzgerode Von VW hängen mehr als 80 Prozent des Umsatzes von Bohai Trimet ab. Die Lieferbeziehung zwischen Wolfsburg und Harzgerode dauert seit mehr als dreißig Jahren an. Die rund 600 Beschäftigten in dem Werk fertigen Druckgussteile aus Aluminium für Getriebe, Fahrwerke und Karosserien, die von fast allen Marken des Volkswagen-Konzerns, aber auch bei anderen Herstellern wie Daimler und von Ferrari verbaut werden. „Wir machen die Teile, die nicht aus der Maschine fallen“, sagt der Betriebsratsvorsitzende Dirk Heinze und meint damit Strukturbauteile mit besonders komplexen Anforderungen an Geometrie und Materialeigenschaften. Das flüssige Aluminium kommt aus der benachbarten Schmelzerei von Trimet, in der noch einmal knapp 100 Beschäftigte arbeiten. In der Werkhalle des ebenfalls insolventen Automobilzulieferers Schlote mit gut 300 Beschäftigten werden die Teile nebenan weiterverarbeitet, bevor sie an die Kunden ausgeliefert werden. In den gut zwölf Monaten seit dem Insolvenzantrag von Bohai Trimet hat Volkswagen dem Unternehmen finanziell mit einem zweistelligen Millionenbetrag unter die Arme gegriffen, um die Produktion in Harzgerode zu sichern. Das deutete man in der Stadt als Bestätigung für die besondere Rolle des Standorts in der Lieferkette. „Uns hat man mehrfach versichert, dass Volkswagen zum Standort Harzgerode steht und diese Komponenten nicht an anderen Standorten unterbringen kann“, sagt Bürgermeister Weise. Doch VW muss sparen und hat die vergangenen Monate offenbar auch dazu genutzt, Alternativen zu Bohai Trimet aufzubauen. Vor zwei Wochen teilte der Konzern dem Insolvenzverwalter Olaf Spiekermann mit, im Herbst wichtige Aufträge aus Harzgerode abzuziehen. „Wir hatten drei Übernahmeinteressenten, die eigene Konzepte mitgebracht haben. Es kommt am Ende aber darauf an, was die Auftraggeber wollen“, sagt Spiekermann, Partner der Hamburger Kanzlei Brinkmann & Partner. Ohne die Aufträge von Volkswagen ist das Fortführungskonzept, das der Insolvenzverwalter mit Investoren erarbeitet hat, nicht tragfähig. Die Gläubigerausschüsse von Bohai Trimet könnten am nächsten Mittwoch die Ausproduktion am Standort in Harzgerode und im Schwesterwerk im thüringischen Sömmerda mit weiteren 100 Arbeitsplätzen beschließen. Der ursprünglich für Freitag geplante Termin wurde kurzfristig verschoben, um das Gespräch des Ministerpräsidenten mit VW abzuwarten. Und was sagte Volkswagen? Volkswagen erklärte am Donnerstag auf Anfrage, „in engem Austausch mit Bohai“ zu stehen. Gemeinsam würden „mögliche Maßnahmen unter Berücksichtigung der operativen Anforderungen sowie der Interessen aller Beteiligten“ geprüft. Volkswagen habe das Unternehmen im Rahmen des Insolvenzverfahrens unterstützt und werde dies auch während der verbleibenden Produktionsphase tun. „Nach unserem Kenntnisstand wurden Gespräche mit potentiellen Investoren geführt. Eine wirtschaftlich tragfähige Lösung konnte jedoch nicht gefunden werden“, heißt es in Wolfsburg. Eine Zukunft ohne die Aufträge aus der Automobilindustrie ist für den Industriestandort Harzgerode schwer vorstellbar, auch wenn der Rüstungskonzern Rheinmetall im Ortsteil Silberhütte gerade die Produktion von Leuchtmunition und Pyrotechnik ausbaut. „Was wir hier machen, ist ab Stückzahlen von 50.000 bis 70.000 pro Jahr wirtschaftlich“, sagt Mathias Meinen, der Werkleiter von Bohai Trimet. „Und die kriegen Sie nur mit der Automobilindustrie“, sagt er. Lange Tradition in der Metallverarbeitung Im Büro des Werkleiters hängt eine Aktie des Eisenwerks L. Meyer, das 1872 gegründet wurde und den Beginn der Metallverarbeitung in Harzgerode markiert. In der DDR war der volkseigene Betrieb Druckguss- und Kolbenwerke Harzgerode der größte Hersteller von Kolben für Fahrzeugmotoren und Großdiesel. Nach der Wende wurde das Werk privatisiert. 2001 übernahm der Aluminiumhersteller Trimet aus Essen den Standort. 2018 erfolgte der Einstieg der chinesischen Bohai Automotive Systems, die das Unternehmen 2022 ganz übernahm. Mit den Problemen der deutschen Automobilindustrie wuchs in den vergangenen Jahren auch der Druck auf die Zulieferindustrie. Für 2019, das erste volle Geschäftsjahr für das Joint Venture von Bohai Automotive Systems und Trimet, weist das Unternehmen im Geschäftsbericht gut 270 Millionen Euro Umsatz und etwas mehr als fünf Millionen Euro Gewinn aus. Im jüngsten öffentlich verfügbaren Geschäftsbericht wird für 2023 ungefähr ein Umsatz in gleicher Höhe angezeigt, unter dem Strich steht aber ein Verlust von knapp 20 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr beantragte der chinesische Eigentümer kurz vor Ostern die Eröffnung eines Insolvenzverfahrens. Seither hat das Werk mehr als zwei Millionen Druckgussteile produziert. Schichtleiter Marcel Held nimmt ein besonders anspruchsvolles Teil aus einer der imposanten Pressen in der Gießerei und erläutert die Herausforderungen in der Herstellung. „Das kann wirklich nicht jeder“, sagt er. Bis zum Herbst sollen die verbleibenden Aufträge abgearbeitet werden. Danach wird Volkswagen wohl auch dieses Strukturteil von einem anderen Standort beziehen.
